Mahlermania“ in der neuen Tischlerei der Deutschen Oper

In den Schlussszenen von Mahlermania, einer "dramatischen Fantasie mit Musik von Gustav Mahler", die die Truppe Nico and the Navigators in Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper zur Eröffnung der neuen alternativen Bühne Tischlerei des Westberliner Opernhauses am 27. November konzipiert hat, verstreuen sich Manuskriptpapier und Pelzmäntel vor einer zerstörten Komponistenhütte auf der Bühne. Eine Schauspielerin, die mit Pelzmütze und Trenchcoat Alma Mahler darstellt, begießt sich mit Champagner. Mitten in einer kammermusikalischen Aufführung von "Abschied" aus "Das Lied von der Erde" stößt eine Figur, die das Alter Ego des Komponisten darstellt, einen markerschütternden Schrei aus. "Es gab Mozart, Schubert", platzt Alma heraus. "Damit muss man sich abfinden" ("Es gab Mozart, Schubert, damit musste man sich abfinden"). Die Wiener Verführerin wird zur oberflächlichen Gesellschaftsdame degradiert, wenn eine Tänzerin, ebenfalls Alma, im Miss-America-Stil dem Publikum zuwinkt. Kaum eine historische Beziehung eignet sich besser für eine theatralische Umsetzung als die turbulente Ehe der Mahlers, die von der Krankheit des Komponisten, seiner Impotenz an der Seite der ehrgeizigen Alma und ihrer Affäre mit dem Architekten Walter Gropius, ganz zu schweigen vom Tod des ersten Kindes, durchzogen war. Mahlermania versammelt ein Programm mit kammermusikalischen Arrangements von Anne Champert, Rainer Riehn und Arnold Schönberg, das vom himmlischen dritten Satz der vierten Sinfonie bis zu Liedern aus den Zyklen Knaben Wunderhorn und Rückert-Lieder reicht und mit einer experimentellen Mischung aus Tanz und Theater erzählt wird. Im Zentrum des Geschehens steht die rasende Alma (Annedore Kleist), deren unstillbarer Materialismus nicht zu bändigen ist. Gustavs berüchtigtes Gefühl, als Bohème unter Österreichern, als Österreicher unter Deutschen und als Jude in der Welt dreimal heimatlos" zu sein, wird mit Koffern, Schrittfolgen, Großaufnahmen von Schauspielern mit entgeisterten Gesichtsausdrücken und dem niederen Schuppen dargestellt - neben einer fast obsessiven Menge an Pelzen. An einer Stelle verrät Kleist dem Publikum die Geschichte eines jeden direkt, auf Englisch: "I posed in this one for Kokoschka, totally nude...1910, New York." Wirksamer als solch nachsichtiger Sarkasmus sind Gesten, die die Musik atmen lassen, etwa eine Videoprojektion von rollenden Wellen auf die Mullkugel, die die Orchestermitglieder der Deutschen Oper während des dritten Satzes der ersten Sinfonie umgibt. Mezzosopranistin Katarina Bradic und Bariton Simon Pauly bringen sensibles Musizieren in Mahlers Lieder ein und harmonieren dramaturgisch gut, aber ihre Darbietungen werden oft durch misslungene Versuche unterbrochen, psychologische Tiefe hinzuzufügen, wie etwa das gefräßige Mampfen eines Apfels durch die Tänzerin Anna-Luise Recke während Bradics erdigen Tönen im verheerenden "Ich bin der Welt abhanden gekommen" der Rückert-Lieder. Ein paar Tanz-Episoden gewinnen an Zugkraft, etwa wenn der athletische Frank Willens die geschmeidigen, von Sasha Waltz inspirierten Bewegungen von Recke als egogetrieben psychoanalysiert, bevor er die kahlen Wände der Hütte erklimmt, aber die freudsche Wendung wird abgedroschen, wenn Willens eine rein theatralische Rolle übernimmt und Alma diagnostiziert, während er an einer Zigarette pafft. Nico und die Navigatoren können nicht dafür kritisiert werden, dass sie ihr Konzept von der Geschmacklosigkeit überrollen lassen und dem Publikum die Nacktheit und das Kunstblut ersparen, die zu den Signaturen des deutschen Theaters geworden sind, aber der Höhepunkt liegt in den musikalischen Perlen, die für diesen Anlass zusammengestellt wurden. Moritz Gnann und sein 16-köpfiges Ensemble evozierten mit glänzendem Ton in den Holzbläsern gekonnt die Todesbegegnungen und Seufzer des Komponisten über die Schönheit der Welt, auch wenn die Streicher unter der Leitung von Detlev Grevesmühl von einer flexibleren Lyrik hätten profitieren können. Die neue Tischlerei, ein großzügiger Betonraum mit schräger Bestuhlung, entworfen vom deutschen Architekten Stefan Braunfels, sorgte für intime Akustik. Die neue Bühne für das experimentelle Musiktheater, das vom Berliner Senat, dem Pharmaunternehmen Aventis und anderen privaten Sponsoren unterstützt wird, hat das Potenzial, spannende Kooperationen in einer Stadt zu initiieren, in der die alternative Szene gerade erst beginnt, die Aufmerksamkeit und die Finanzierung zu gewinnen, um die sie lange gekämpft hat. Bei Prosecco und Brezeln mischten sich die jungen Kreativen nach der Vorstellung unter das bürgerliche Stammpublikum der Deutschen Oper sowie den neuen Intendanten Dietmar Schwarz und den Kulturstaatssekretär André Schmitz. Die deutsche Hauptstadt kann sich glücklich schätzen, dass sie boomt, während in vielen Teilen Europas die Rezession grassiert. Doch wenn Mahlermania ein Beispiel dafür ist, was an der Tischlerei auf uns zukommt, dann ist es die Dramaturgie, die die größte Herausforderung darstellen wird.

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