Mit dem Blick auf die Vergangenheit etwas Neues schaffen

„In unserer Gründungszeit war die gesellschaftliche Situation vollkommen anders als heute“, erinnert sich Nicola Hümpel, die Leiterin von Nico and the Navigators. „Die Nachwendezeit schrie nach Kultur, überall sprossen Künstler aus dem Boden. Man war dankbar für alles, was die Gesellschaft neu aufmischen konnte.“ Sie blickt gern zurück auf die experimentierfreudigen Anfangsjahre des Ensembles, welches aus dem Stand heraus Kritiker und Publikum begeisterte. Vom 2. Bis 7. Oktober feiern die Sophiensæle nun ein Jubiläum: „20 Jahre Nico and the Navigators in Berlin“. Offiziell hat Nicola Hümpel Industriedesign studiert, doch sie entwarf nicht ein einziges Produkt. Viel mehr interessiert sie sich schon damals für Seminare in Dramaturgie oder Bühnenbild. Sie realisierte Videoinstallationen und Performances, bevor sie zusammen mit ihrem Mann Oliver Proske Nico and the Navigators gründete. Mit „Ich war auch schon einmal in Amerika“ gab das Ensemble sein Debüt in den Sophiensæle, wo es sieben Jahre lang als Artist in Residence wirkte und den Zyklus „Menschenbilder“ entwickelte. Der Existenzkampf am Arbeitsplatz wurde damals zum Thema und auch die Frage, wie Entscheidungen gefällt werden. „Wir haben viel diskutiert und Menschen auf den Straßen beobachtet. Wir wollten schon immer den Finger in die Wunden der Zeit legen und haben uns dabei für alltagstragische, komische Momente interessiert“, erklärt Nicola Hümpel. „Eggs on Earth“ wurde im Jahr 2000 zum internationalen Durchbruch. „Danach rannten uns die Leute die Bude ein“, freut sie sich. Es gab Schlangen, die gefühlt bis zu den Hackeschen Höfen reichten. Das Ensemble tourte durch Spanien, Frankreich, Italien und die Niederlande. Die Navigators wurden internationaler, arbeiteten mit Künstlern aus Japan, Russland, Israel, Italien und Polen. Auch die ersten Tänzer kamen dazu. 2006 fand mit dem Schubert-Abend „Wo Du nicht bist“ erstmals eine Musiktheaterproduktion bei den Bregenzer Festspielen statt. Sie wurde zum Riesenerfolg, und seitdem hat das Ensemble das Thema Musiktheater nicht wieder losgelassen- „Livemusik ist mir enorm wichtig geworden. Musik ist so bedingungslos, sie stellt keine Forderungen. Man kann mit Musik unglaublich viel Kraft freisetzen“, meint Nicola Hümpel. „In einer Zeit, in der die Empathie verloren geht, kann die Musik Menschen verbinden.“ Die Leiterin der Navigators hatte immer eine Beziehung zur klassischen Musik. Sie hat die Musikklasse am Johanneum zu Lübeck besucht, im Chor gesungen und Geige gespielt. In ihren Produktionen lässt sie die Musiker ihre Körper aber ganz anders einsetzen als im Konzert. Sie befragt die historischen Werke nach ihrer Bedeutung für die heutige Zeit. „Ich möchte Brücken schlagen von der Alltags- zur Hochkultur, Hemmschwellen weiter abbauen. Klassik sollte zum Beispiel nicht einer Elite vorbehalten sein“, erklärt sie. So fand die Uraufführung von „Mahlermania“ zur Eröffnung der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin statt. „Die Befristeten mit Musik von Detlev Glanert entstand für die Münchener Biennale. Nico and the Navigators arbeiteten auch an der Stuttgarter Oper und der Hamburger Elbphilharmonie. Das mehrfach preisgekrönte Ensemble gab inzwischen 200 Gastspiele in 50 Städten. Seit 2014 wird es durch einen eigenen Berliner Haushaltstitel finanziert – auch das sagt viel über das Renommee des Ensembles aus. „Die Zukunft von gestern“ heißt die Produktion, die Nico and the Navigators am 2. Oktober zum Jubiläum herausbringen. Darin setzen sich drei Generationen von Mitgliedern mit der 20-jährigen Geschichte des Ensembles auseinander. „Wir haben lange überlegt, ob wir alte Stücke wiederaufnehmen sollten. Sie standen aber zu sehr für ihre Zeit und das, was damals gesellschaftlich relevant war“, meint Nicola Hümpel. „Also haben wir lieber mit dem Blick auf die Vergangenheit etwas Neues entwickelt.“ Es geht wie damals um den Arbeitsplatz, die Familie, Ängste und die Suche nach dem Glück. Die Navigators forschen wieder nach den Abgründen und Auftrieben des Menschseins. „Diesmal kommt aber sehr viel Persönliches hinzu. Am Ende wird man die Menschen hinter dem Ensemble besser kennen. Wir erleben, wie sie historische Erschütterungen und private Einschläge in künstlerische Kraft umgemünzt haben“, sagt die Ensembleleiterin, die auch eine Ausstellung mit dem Rahmenprogramm in den Sophiensæle geplant. Was die Katastrophe von Fukushima in der Japanerin Yui Kawaguchi bewirkt hat, kommt ebenso zur Sprache wie der wachsende Antisemitismus aus der Sicht des Israelis Michael Shapira. „Es ist der Versuch, relevante Themen an persönliche Biografien anzuknüpfen“, sagt Nicola Hümpel. „Es wird ein ehrlicher, schonungsloser Abend.“

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