Musiktheater ohne Sänger

Knallharte gesellschaftspolitische Aussagen verbindet man erst einmal nicht mit der Gattung des Melodrams. Diese, als etwas rührselig und gefühlsduselig verschriene Mischung aus Musik und Theater, die ihre Hochzeit im 19. Jahrhundert hatte, scheint wenig aktuell. Doch der Komponist Detlef Glanert hat mit Regisseurin Nicola Hümpel für die Münchner Biennale in Kooperation mit dem Residenztheater damit gearbeitet. Daraus entstand eine neuartige Verbindung von Musik und Theater: Auf Grundlage eines Theaterstücks von Elias Canetti komponierte Glanert während dem Probenprozess der Schauspieler die Musik – diese solle aber nicht als untermalender Soundtrack verstanden werden, sondern eine eigene Erzählkraft bekommen und als Dialogpartner zu Sprache, Schauspiel und Bühnenbild fungieren. „Kollegen von mir sind vom Melodram genauso fasziniert wie ich“, sagt Glanert. Musik müsse und könne in dieser Form ganz anders auf gesprochene Sprache reagieren als auf Gesang: Eine Voraussetzung, die neue künstlerische Herausforderungen birgt und einen Ausbruch aus den bekannten Formen bedeutet. Eine Oper, in der nicht gesungen wird, die sich in ein formal recht neues Konzept begibt und durch Improvisation, die es zum Teil auch noch auf der Bühne geben wird, entstanden ist. Das passt eigentlich gut zu Peter Ruzickas Motto: „Außer Kontrolle“. Das Drama beziehungsweise das Libretto, Canettis „Die Befristeten“, ist in den Fünfzigerjahren entstanden und zeigt eine düstere Welt, in der Fragen nach Determinismus und Befristung des menschlichen Lebens gestellt werden: Eine Gesellschaft, in der jeder Bürger seine Lebenserwartung kennt, bis schließlich einer beginnt zu rebellieren und diese Diktatur des Wissens hinterfragt. „Mich interessiert die gedankliche Ebene, die das hat und die so wahnsinnig aktuell ist“, erklärt Regisseurin Nicola Hümpel. Sie zieht dabei die Verbindung von Canettis Stoff zur derzeitigen Entschlüsselung des menschlichen Genoms, das immer mehr Voraussagen zur Lebenserwartung des Menschen zulasse: „Diesen Subtext wollen wir in den Abend bekommen“, sagt sie. Die formale Gestaltung des Abends und der Probenprozess stehen in einem spannenden Kontrast zum Inhalt: Während das Stück von einer Gesellschaft erzählt, in der die Bevölkerung genau weiß, wann sie sterben wird, ergab sich die Musik und die Inszenierung aus einem formal freien und improvisierten Prozess heraus; mit offenem Ausgang: „Ob es wirklich funktioniert, wissen wir immer noch nicht“, sagt Hümpel. Sie, der Kopf der experimentellen Musiktheatergruppe „Nico and the Navigators“ sei auf den Komponisten Glanert zugekommen, weil sie keine Lust mehr auf Rezitative und Arien gehabt hätte: Musiktheater, aber ohne Sänger und ohne die, vor Probenbeginn schon festgeschriebene Musik. „Das ist sicher eines der spannendsten Projekte der letzten Jahre, weil ich als Komponist die Dominanz über den Zeitfluss der Musik aufgeben musste“, sagt Glanert. Die Musik muss auf das Schauspiel reagieren können, dafür gibt es um die 130 bis 140 Stichworte – Dirigent Heinz Friedl muss dafür nicht nur die Partitur kennen, sondern auch den Dramentext. Also begann das Ensemble – das sich wild aus den Schauspielern des Residenztheaters und den Musikern des freien Münchner Ensembles „piano possibile“ zusammensetzt – mit einer Minute Musik pro Szene. Diese Schnipsel hatte Glanert als erstes Futter vorbereitet, die Partitur entstand dann letztlich während der Proben. „Es sind eine Handvoll Motive übrig geblieben“, erklärt Glanert. Diese Motive habe er stilistisch verkleidet wie die Schauspieler – mal ein Jazzstück, mal eine Polka. Mal fungiere die Musik als Gegensatz zu den Schauspielern, mal unterstütze sie die Emotion der Figuren. Diese Probenbedingungen waren – gerade für Hümpel, die mit ihrem Ensemble in der freien Szene anderes gewohnt ist – nahezu optimal: „Hätten wir das frei gemacht, hätten wir das gar nicht finanzieren können“, sagt sie. Die langen Proben, bei denen sowohl Musiker, Komponist, als auch Schauspieler immer anwesend sein mussten, wurden erst durch den institutionellen Rahmen von Residenztheater und Biennale möglich, aber die Zusammenarbeit mit dem staatlichen Theater verlangte auch Kompromisse. So sei eine nachvollziehbare Dramaturgie, die für den Zuschauer erhalten bleiben muss, wichtig gewesen: „Da wäre ich brutaler und rigoroser gewesen, wenn ich es frei produziert hätte“, fügt sie an. Doch die Form des Stücks erscheint rigoros genug, und auch von „piano possibile“ ist man das Spiel zwischen Zugänglichkeit und Überforderung gewohnt – daraus dürften sich spannende Momente entwickeln und vielleicht ein längerfristiger Weg: „Ich sehe da fast die Chance für diese alte Henze-Idee“, sagt Glanert. Biennale-Gründer Hans Werner Henze erträumte sich ein festes Biennale-Orchester, und im Kern sei das mit „piano possibile“ ja schon da, sagt Glanert über das Ensemble, dass seit Jahren dafür kämpft, von der Stadt München institutionell gefördert zu werden. Das Residenztheater wird „Die Befristeten“ nach der Biennale in den Repertoire-Betrieb übernehmen – ein bisschen Institution bekommt „piano possibile“ nun also doch.

<< Zurück zur Presseübersicht

Ticket-Benachrichtigung

Tickets für diesen Termin sind noch nicht erhältlich. Hinterlassen Sie Ihre E-Mail-Adresse, um benachrichtigt zu werden, wenn Tickets verfügbar sind.

Unbenannt-2