„Reigen“ von Philippe Boesmans nach Arthur Schnitzler an der Oper Stuttgart Nicht nur 1920 und 1982, auch 1993 uns 2016 sind wesentliche „Reigen“-Daten.

Hoppla, Sex und Video, das geht auch in höchster Güte Stuttgart. Arthur Schnitzler hatte seine 1920 geschriebenen Dialoge noch mit Aufführungsverbot belegt. Dass die Menschen, egal welcher sozialen Herkunft, ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe mit derart viel Verlogenheit ausleben, war unter damals gültigen Theatermechanismen sowieso kaum vorstellbar. Noch vor dem Ablauf der Frist in den 1980er-Jahren hatten es viele Bühnen doch versucht. Der österreichische Autor Werner Schwab hatte eine drastischere Variante nachgeschickt, die besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, weil sie nur schwer mit dem Urheberrecht zu vereinbaren war. Fast zur selben Zeit machte sich Luc BonStuttgart. Arthur Schnitzler hatte seine 1920 geschriebenen Dialoge noch mit Aufführungsverbot belegt. Dass die Menschen, egal welcher sozialen Herkunft, ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe mit derart viel Verlogenheit ausleben, war unter damals gültigen Theatermechanismen sowieso kaum vorstellbar. Noch vor dem Ablauf der Frist in den 1980er-Jahren hatten es viele Bühnen doch versucht. Der österreichische Autor Werner Schwab hatte eine drastischere Variante nachgeschickt, die besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, weil sie nur schwer mit dem Urheberrecht zu vereinbaren war. Fast zur selben Zeit machte sich Luc Bondy über den Text her, für eine Vertonung durch den Belgier Philippe Boesmans. Dirigent Sylvain Cambreling war schon damals bei der Uraufführung am Théâtre de la Monnaie in Brüssel mit von der Partie. Er steht auch jetzt am Pult. Die Oper Stuttgart bringt die Oper neu heraus, überließ die Ausstattung und Inszenierung Nicola Hümpel und Oliver Proske und somit dem Ensemble Nico and the Navigators, das auch dem Bregenzer Festspielpublikum von einigen Produktionen gut bekannt ist. In den Solopartien überwiegend mit Stützen des Ensembles (was auch für das Haus spricht) wurde das Projekt realisiert. Am Sonntagabend fand die Premiere statt. Das Ergebnis ist eine Offenbarung. Dass die Formel Video + Sex = Banalität, mit der die Unterhaltungsindustrie Milliarden verdient, auch dann nicht gültig sein muss, wenn für Witz und Ironie Platz geschaffen wird, wurde wohl selten so souverän unter Beweis gestellt. Dirne trifft Soldat, Soldat trifft Stubenmädchen, Stubenmädchen trifft jungen Herrn, junger Herr trifft Ehefrau usw. bis ein Graf wieder im Bett bzw. Schoß der Dirne landet: wie sich die Geschlechter im „Reigen“ aneinander reihen, ist bekannt. Die Frage ist, ob das bald hundert Jahre nach dem Erscheinen des Textes noch relevant ist, also in einer Zeit, in der das Motto Jede mit Jedem kein Versteckspiel mehr ist, sondern mithilfe des Internets quasi eine öffentliche Angelegenheit? iPhone und Tablet Hümpel und Proske und zwei Tänzer der Navigators finden eine plausible Antwort. Das iPhone, das Tablet und das Skypen werden zentrale Bestandteile der Inszenierung. Und man wird deren nicht überdrüssig, ganz im Gegenteil, jede Geste, jede Regung, jeder Gesichtszug, der live auch auf einer Großleinwand zu sehen ist, wird von den Sängerdarstellern derart exakt ausgeführt, dass man oftmals denkt, ob das wohl menschenmöglich ist. Wenn Matthias Klink etwa als Dichter Lust, Ermattung, Genugtuung und schließlich Enttäuschung zum Ausdruck bringt und dazu noch einer Partie folgt, in der der Stimmklang mit der Luzidität des Orchesters einhergehen soll, ist alles erreicht, was zu erreichen ist. Die Bühne dreht sich von Geschlechtsakt zu Geschlechtsakt mit, die Symbolhaftigkeit des Mobiliars erreicht in der Szene von Gattin und Gatten (mit einer großartigen Rebecca von Lipinski) ihren Höhepunkt, um zum Abschluss mit André Morsch als Graf mit komplexen (Sing-)Charakter anzudeuten, dass es wieder von vorne beginnen könnte. Mit der Sehnsucht nach Nähe, die sich so schwer erfüllt, damals wie heute. Und dass sich über die Tragik ein so feines Lachen legt, macht ein Musiktheaterprojekt so wertvoll, dessen Musik seine Wurzeln hörbar bei Berg hat und nicht überraschend, aber immerhin anerkennenswert nachklingt.

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