Schmeichler

Detlev Glanert schreibt eine Oper ohne Gesang Die Trennung in Musik- und Sprechtheater ist nicht nur eine historisch ziemlich neue, sondern auch ziemlich unsinnige Entwicklung. Sie führt nämlich einerseits dazu, dass klassische Mischformen wie Singspiel und Operette auch in „Drei-Sparten“-Häusern kaum adäquat besetzt werden können. Andererseits fristet eine Fülle großartiger Schauspielmusiken ein Nischendasein in den Konzertsälen, worunter Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre oder seine Musik zu Goethes „Egmont“ nur die bekanntesten Beispiele sind. Auch beim Schauspiel saß nämlich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig ein Orchester im Graben. An den dramatischen Höhepunkten interagierte es mit der Sprechstimme, heraus kam dabei das sogenannten Melodram. Der Komponist Detlev Glanert und die Regisseurin Nicola Hümpel haben lange nach einer Möglichkeit gesucht, dieses relativ kostenintensive Modell für die Gegenwart wiederzubeleben. Möglich machte es nun eine Koproduktion zwischen der Münchener Biennale und dem Residenztheater, das die Produktion danach in seinen regulären Münchner Spielplan übernimmt. Im Graben des Cuvilliéstheaters sitzt das Ensemble Piano Possibile unter Leitung von Heinz Friedl, auf der Bühne agieren die Schauspieler des Residenztheaters. Textgrundlage bildet Elias Canettis 1964 veröffentlichtes, weithin vergessenes Stück „Die Befristeten“. Es erzählt von einer Welt, in der alle Menschen den Zeitpunkt ihres Todes kennen. Der einzelne gewinnt dadurch einerseits vollständige Planungssicherheit. Zugleich aber gewinnt damit ein auf sanfte Weise totalitärer Staat die Kontrolle über das nackte Leben. Das Thema ist in Zeiten der Biopolitikdiskussionen also hochaktuell, Canettis Text dennoch eher konstruiert und nicht immer logisch. Nicola Hümpel hilft dem mit einer Menge Anspielungen zwischen DNA-Test und Managerjargon auf. Man erkennt die von Improvisationen geprägte Ästhetik ihrer (mitproduzierenden) Berliner Theatergruppe „Nico and the Navigators“ wieder, die dem Musiktheater von Haus aus nahe ist. Die Schauspieler kämpfen mit viel Körpereinsatz gegen die Unbilden der Drehbühne. Das rhythmisiert auch den Text. Parallel zu den Proben der Schauspieler hat Detlev Glanert, Jahrgang 1960, auch seine Musik entwickelt. Man spürt das an der hohen Intensität und Direktheit, mit der die acht Instrumentalisten des Piano Possibile musizieren. Die Komposition funktioniert betont eingängig und eklektizistisch. Vom Walzer über die geräuschhafte Avantgarde bis zum klassischen Jazz entnimmt Glanert der Musikgeschichte, was atmosphärisch passt. Meistens agiert die Musik so illustrativ wie der Soundtrack im Film. Während im klassischen Melodram eine echte Interaktion zwischen Stimme und Musik stattfindet, umschmeichelt Glanerts Musik bloß die mikroportverstärkten Schauspielerstimmen. Sie steigert die Inszenierung nicht, sondern verdoppelt sie nur. Da diese ihrerseits eher freundliche Oberflächen bietet und dabei ein bisschen wahllos in das Bewegungsrepertoire zeitgenössischen Sprechtheaters greift, entsteht bald ein ziemliches Kitschkonglomerat. Stücke mit dem Thema Tod können ja manchmal etwas sentimental sein, hier aber rinnt nach zwei überlangen Stunden der Kunstnebel doch allzu zäh vom Bühnenrand.

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