Wir sind alle abgeschottet

Autisten am Smartphone: Nicola Hümpel von Nico and the Navigators über ihre Inszenierung Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten im Radialsystem Frau Hümpel „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“ ist ein Stück ohne Dialoge und Sprache von Peter Handke. Warum haben Sie den Titel leicht abgeändert? Mit „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“ hatten wir nie vor, Handke zu inszenieren. Lediglich seine Idee, Menschen auf einem leeren Platz passieren zu lassen, war uns Ausgangspunkt. Dabei geht es zwar auch um Blitzbegegnungen, flüchtige Erscheinungen und listige Verstellungen, unsere eigenen eingeschlossen. Es geht um die Frage: Was wissen wir heute voneinander? Wie aufmerksam und intuitiv sind wir noch, wenn wir einander unvorhergesehen begegnen? Wissen wir am Ende schon zu viel?! Wirkt Handkes Stück heute nicht ein wenig anachronistisch - schließlich kommunizieren wir im öffentlichen Raum dauernd über unsere Smartphones? Das ist genau der Punkt. Wir haben uns für die Recherche in Berlin auf offene Plätze gesetzt, auch auf den Alex. Da sieht man, dass zwischen den Leuten meist überhaupt nichts mehr stattfindet. Eine menschliche Begegnung kann heute eine verzwickt komische Herausforderung sein. Wir sind alle abgeschottet - eine gewisse Perversion der Kommunikationsmedien und der sozialen Netzwerke. Sie isolieren uns zunehmend und sind ins Gegenteil dessen umgeschlagen, wofür sie ursprünglich erfunden wurden. Sind sie technikfeindlich? Nein, ich sitze selbst sehr viel vor der Kiste. Als uns vor zwei Tagen in Südkorea bei unserem Gastspiel mit „Mahlermania“ die Sängerin ausfiel, konnte ich innerhalb von einer Nacht über Facebook eine Ersatzsängerin ausfindig machen, die sofort in den Flieger gestiegen ist. Großartig! Ich glaube nur nicht, dass wir durch soziale Medien das Richtige über den jeweils anderen lernen. Wir erfahren fast gar nichts. Mit „Mahlermania“, dem Stück um Gustav Mahler, das in Berlin zunächst kein Erfolg war, touren Sie mittlerweile munter durch die Welt. Eine typische Entwicklung? In der Tat, so etwas ist uns schon ab und zu passiert. Die Premiere in der Tischlerei der Deutschen Oper war für mich damals eine Katastrophe. Die Produktion war nicht fertig, die Anspannung zwischen Baustelle und Eröffnung einfach zu groß. Inzwischen bin ich hellhöriger geworden bei der Frage, unter welchen Bedingungen sich ein Projekt an einem Staatstheater realisieren lässt. Ich muss berücksichtigen, dass meine Akteure, die Tänzer und Musiker, Mitautoren sind. Wir benötigen Zeit, um unsere Stücke über Improvisation zu entwickeln. Genau diese Zeit von zehn Wochen haben wir uns für diese neue „freie“ Produktion wieder geleistet. Nautisch gefragt: Bringen mehrere Navigatoren ein Schiff nicht zum Untergang? Nein! Wenn bei Seenot jeder dem anderen Kompetenzen zugesteht, kann das sehr hilfreich sein. Für mich war es 1998, als wir anfingen, wichtig klarzustellen, dass unsere Ensemblemitglieder ihre Szenen über Improvisation selbst entwickeln. Kann sein, dass ich den Weg mit bereite. Aber ich mache die Reise nicht allein.

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