Wohin, zwischen Manga und Haute Couture?

Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten – Zu Handkes wortloser Platz-Inventur fällt Nico and the Navigators außer Klischees wenig ein Und dann gibt es da diesen Moment, an dem man denkt: Aha. Doch noch ein Bruch mit den ermüdenden Auf- und Abtritten, mit der Logik der unterkomplex gezeichneten Spielfiguren, die hier beharrlich über einen imaginierten alltäglichen Platz gescheucht werden. Doch noch einmal alles auf einen anderen Anfang. Da setzen sich die acht Akteure auf die graue Umfassung dieser Mischung aus Brunnen und Luftschacht, über den (und über dem) bisher Schauspielerinnen, Hunde und Zeitungsseiten getänzelt waren. Setzen sich hin, ganz ruhig, ein wenig ausgelaugt schon vom vielen Rauf und Runter, vom häufigen Umziehen. Beeindruckend, aber wohin? Sie sprechen sich mit Klarnamen an, fragen einander so etwas wie: Glaubst Du, ich könnte liebenswert sein? Oder: Denkst Du, ich sollte mich besser um meine Mutter kümmern? Und antworten mit ja. Oder eben nein. Ein Moment von, ja, was: Ehrlichkeit vielleicht, oder Echtheit, inmitten des Spielens und Singens und Tanzens. Soll es wohl sein. Stellt es aber eben auch bloß dar. Also ist's nichts mit dem Aha, dem Alles auf Anfang. Denn anschließend werden erneut Mäntel und Taschen und Mobiltelefone und vor allem Körper über die Bühne getragen. Hervor zwischen den abgegrauten Gangtrennern links und rechts, die ausschauen wie riesige Lamellen. Denn anschließend hat man wieder das Gefühl, das Personal dieser neunzig Minuten ist denen, die diese neunzig Minuten gemacht haben, herzlich egal. Als hätten sie für ihre Figuren nicht so recht ein Gefühl entwickelt. Locker nach Peter Handkes wortloser Platz-Inventur "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" haben Nico and the Navigators eine auf Kampnagel Hamburg präsentierte Szenenfolge mit Gitarre und Gesang entworfen, die den Nicht-Sprech-Text von 1992 vor allem um den Aspekt der medialisierten Kommunikation erweitern zu wollen scheint. Doch es fehlt den Beziehungen und Beziehungsgeschichtchen an einer Komplexität, Treffsicherheit und auch Abgefahrenheit, wie wir sie – um nur ein Modell zu nennen – etwa in Entenhausen seit Jahrzehnten anregender erleben. Klar ist Yui Kawaguchi beeindruckend, wenn sie sich kranichgleich an einen Mann heranpirscht, irgendwo zwischen Manga und Haute Couture. Und sie dann beim in der Gestik gezackten, im Gesamtbild fließenden Tanz ihr muttersprachliches Japanisch zwischen ihrer Artifizialität und unserem Sprachfremdheitsgefühl aufspannt. Klar ist Gitarrist Tobias Weber beeindruckend, wie er ungerührt am rechten vorderen Bildrand zwischen seinem Equipment hockt und über weite Strecken Fremdmaterial von Beethoven über Bonnie Prince Billy bis Britten in ein an Neil Youngs "Dead Man"-Soundtrack erinnerndes, vielschichtiges Atmo-Dings hineinarrangiert. Klar ist das beeindruckend, wie Anna-Luise Recke ihren mädchenhaften Figuren trotz tänzerischer Beanspruchung eine Naivität verleiht und diese ein ums andre Mal als Stärke zu kennzeichnen versteht. Wenn sie Tenor Ted Schmitz zu Hebefiguren herausfordert. Oder Adrian Gillott beim Liebesgedichtrepetieren mit verpuderter Rokoko-Perücke und (ebenso weißen) Iphone-Ohrstöpseln durch Anschmiegsamkeit aus Text und Fassung bringt. Und so ins Sonett breakbeatartige Sollbruchstellen einbaut. Klar ist das eine berückende Idee, einem grünen Wintermantel mit Fellkragen mit minimalen Hand-, Schulter- und Kopfbewegungen gleichsam ein Eigenleben einzugeben. Klar schlägt Schmitz' klassisch ausgebildeter Tenor hier und da überraschend-interessante Schneisen durch Singer-Songwriter-Material. Beeindruckend, klar. Aber wohin? Erleichterung über das Ungewollte Die variierte Wiederholung von Gängen, das Wiederauftauchen von Figuren und Motiven ergibt keinen erkennbaren, sich irgendwohin entwickelnden Rhythmus. Das "zu viel", das den Titel dieses Abends von Handke unterscheidet, ergibt kein Mehr, schon gar keinen Exzess. Alles geht auf. Ohne Rest. Alles scheint unter Kontrolle. So dass man fast aufatmet, wenn der Pekinese (Echthund) Julla von Landsbergs seine eigenen Bühnenwege geht. Wenn Kawaguchi bei Kranichabgang ungewollt in die Trennerlamelle trudelt. Die Erleichterung über das Ungewollte unterstreicht die sonstige Absenz des Unkontrollierbaren. Indem man ihn schlicht abpaust, kommt man dem Alltag nicht näher in dieser "Stunde da wir zu viel voneinander wussten". Der pflastergestrandete Halbengel, der von einer Business-Tante ein Butterbrot kriegt, die schrullige Alte mit der dampfenden Sporttasche, die schaltkreisbetriebene sexy Haushaltshilfe, die sich gegen ihren Herrn wendet, die choreographisch akkurat nach gleichem Schrittmusterbogen das Smartphone einsetzenden Angestellten, der traurige Lederboy, der joggende Manager, der motivationskampfschreisüchtige Topmanager, die Jacken direkt von "Opfer"-Schultern klauenden Vorstadt-B-Boys – sie alle scheinen eher einem Klebebildchensammelheft für Sozialtypen entstiegen als einem beherzt-analytischen Blick auf eine – wie immer imaginierte – Wirklichkeit. Mehr als dass Gefühl und Zwischenmenschliches immer schon schwer angenehm zu realisieren war, und dazu heutzutage auch noch von dazwischengeschalteten Gerätschaften nebst passender Verhaltensmaßregel überformt ist, kommt da nicht. Wären wir auch selbst drauf gekommen. Und stimmen muss es darum allemal noch nicht. Könnte ja selbst ein Klischee sein, dieser Eindruck.

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