Zeitgeist, wo warst du die letzten 30 Jahre?

Als Dietmar Schwarz, der neue Intendant der Deutschen Oper Berlin, die Umwidmung der Tischlerei zur Spielstätte ankündigte, fragte man sich allgemein, wozu Berlin eine weitere Opernbühne braucht. Es ist ja nicht so, dass das Berliner Musiktheater, subventioniert oder nicht, so gut wäre, dass man nicht genug davon bekäme. Erwartet man von einer Bühne für das Experiment neue Impulse für das Hauptgeschäft? Aber wer soll sie geben? Etwa Nico and the Navigators? Wenn Schwarz mit der ersten Produktion in der Tischlerei die Existenz seiner neuen Bühne rechtfertigen wollte, ist er am Dienstag leider gescheitert. Vor zehn Jahren mögen Nicola Hümpel und ihre Navigatoren ein Off-Ereignis gewesen sein, mittlerweile sind sie im Festspielbetrieb angelangt und wiederholen sich nurmehr selbst. Ihnen die Eröffnung zu überlassen, ist ein fauler Kompromiss, als wollte man das Wagnis des Experiments und zugleich die Versicherung gediegenen Gelingens buchen. Ein Siebzigerjahre-Ding Auch wenn die Gruppe wegen Verzögerungen beim Bau diese Produktion in vier Tagen auf die Bühne wuchten musste: „Mahlermania“ ist weder experimentell noch gelungen, sondern schlicht langweilig. Schön, wenn man Gustav Mahler für sich entdeckt, aber würde man das Ohr ans Herz des Zeitgeistes legen, würde der brummen: „Wo bist du die letzten 30 Jahre gewesen?!“ Und darauf sollte man hören, statt so ein Siebzigerjahre-Ding über den Wahnsinn des Künstlers zu produzieren. Nun mutet uns Nicola Hümpel nicht zu, das dutzendfach aufbereitete Elend dieser Mahler-Ehe noch einmal anzusehen. Aber was sie uns zeigt, wirkt wie auf der Couch assoziiert. Warum etwa rennen ein Mann und eine Frau – Mahler und Alma? – mit Koffern auf und ab, während wir den Kanonsatz aus der Ersten Sinfonie hören? Dann wieder leidenschaftliche Umarmungen während des „Abschieds“ aus dem „Lied von der Erde“ – Alma beim Ehebruch mit Walter Gropius, während Mahler sich aus der Welt träumt? Zwischen Plattheit und Unverständlichem liegt bei Nico and the Navigators nur ein Katzensprung, vermittelt durch die reichlich in Anspruch genommene Kategorie des „Poetischen“, die hier soviel meint wie „Privatbedeutung“. Laut Programmzettel verspricht „Mahlermania“ Gewichtiges, nämlich die Behandlung von „Existenzfragen, die bis in die unmittelbare Gegenwart reichen“, als da wäre: „Was tut ein Mann, wenn plötzlich Jüngere da sind, für die sein Werk und seine Visionen nicht mehr zeitgemäß sind?“ Zweifellos eine der Existenzfragen, vor der praktisch das gesamte gegenwärtige Publikum der Tischlerei steht und die sich insbesondere durch das Singen und Tanzen von Mahler-Liedern beantworten lässt. Katarina Bradic und Simon Pauly sangen im übrigen sehr schön, Moritz Gnann dirigierte Anne Champerts gelungene Bearbeitungen etwas unterspannt. In zwei Jahren ist wahrscheinlich Schluss Es stellen sich wohl doch Existenzfragen anderer Art. 1,5 Millionen Euro hat das Land Berlin für den Umbau nach Plänen des Architekten Stephan Braunfels hergegeben. Der bietet jetzt unter einer hohen Decke 350 Zuschauern Platz und sieht so schlicht wie ordentlich aus. Aber es ist ein Bühne, für die der Etat jetzt schon kein Geld vorsehen kann. 100.000 Euro soll der Spielbetrieb im Jahr bei sechs Produktionen kosten; Dietmar Schwarz muss sie vor allem durch Drittmittel einwerben – hier von der Bild-Zeitung, pardon: Friede Springer-Stiftung. So schafft er einen weiteren Ort, an dem Künstler prekär bezahlt werden. Selbst wenn nach diesem schlappen Auftakt alles gelingen sollte, ist in zwei Jahren wahrscheinlich Schluss, weil die Opernstiftung für alle drei Häuser Tariferhöhungen von 19 Millionen Euro pro Jahr braucht, von denen bislang keiner weiß, wo sie herkommen könnten. Wenn ab 2015 nur die Tischlerei ihre Pforten schließt, kann man von Glück reden.

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