Gefährliche Seilschaften

Berlins Off-Musiktheater bebt: Nico and the Navigators verknüpfen Müllers dystopisches Endspiel «Quartett» mit Janáčeks Streichquartetten


Die Vorstellung ist wirklich zu schön, um wahr zu sein: «Mann und Weib und Weib und Mann / reichen an die Gottheit an.» Schon in der Bibel, wo der Herr im Himmel bekanntermaßen eine führende Rolle spielte, taten sich viele Jahrhunderte zuvor erhebliche Zweifel an Schikaneders anachronistischem Liebeskonzept auf; bei Matthäus 5, 28 finden wir sowohl den konkreten Anlass, als auch die allgemeine Begründung dafür: «Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.» 1001 berührt, 1001 ist viel geschehen.


Und wer wüsste dies besser als der Viconte Valmont und seine Freundin, die Marquise Merteuil, das dämonisch-diabolische Duo aus Choderlos de Laclos’ Briefroman «Liaisons dangereuses» von 1782, dem Heiner Müller 200 Jahre später, in seinem Schauspiel «Quartett», die Ehre erwies, um es in eine dialektisch dichte Dystopie umzuwandeln, in der sich die Schreckensregression zur Faszination verkehrt. Es gibt wenige Theaterstücke, die derart zynisch, nihilistisch und in ihren Dialogen so bestialisch inhuman sind wie dieses. Und noch weniger, in denen, wie hier, jedes Fragezeichen durch einen Punkt ersetzt ist. Sämtliche Zweifel sind beseitigt, der klaustrophobische Ort, zugleich «Salon vor der Französischen Revolution» und «Bunker nach dem dritten Weltkrieg», kennt, wie ebenfalls seine Insassen, keine Zukunft. Alles kaputt. Faszinierend kaputt. Ein Endspiel also, mit zwei Protagonisten, die nur noch in der Imitation des anderen (daher der Titel «Quartett») ein Jota Lacan’scher jouissance empfinden. Mithin in der Zerstörung all dessen, wonach sie sich dereinst vielleicht einmal gesehnt haben.


Luca Francesconi vertonte Müllers Stück 2011 zu einer Oper in 13 Szenen, verfasste allerdings das Libretto dazu selbst. Nach Rihms «Hamletmaschine» (1983) und Dusapins «Medeamaterial» (1992) war dies ein weiterer gelungener Versuch, die hermetischen Textblöcke des Dramatikers in Töne zu fassen. In allen drei Fällen wirkt die Dissonanz als musikalisches wie semantisch-semiotisches Idiom, die Bühnenwerke machen sich die rhetorische Härte Müllers zu eigen. Die Musiktheater-Kompanie Nico and the Navigators, stets auf der Suche nach alternativen Forme(l)n und Formaten, beschreitet nun einen anderen Weg. In ihrem neuen Stück mit dem etwas gestelzten Titel «Quartett zum Quadrat» verklammert sie Müllers Schauspiel mit den beiden Streichquartetten von Leoš Janáček. Die Idee des Dramaturgen Andreas Hillger (der jedoch, wie Auguren sagen, nach einem Zerwürfnis mit der Regisseurin Nicola Hümpel aus dem Projekt ausstieg, woraufhin Sergio Morabito einsprang) entbehrt nicht einer gewissen Dringlichkeit: Janáčeks Streichquartette thematisieren mehr oder weniger direkt prekäre Liebesverhältnisse, die ins Unglück führen: Das erste Stück trägt den Namen von Tolstois düsterer Erzählung «Kreutzersonate», in der ein gewisser Posdnyschew seine Frau umbringt, als er eine Liaison mit dem Geiger Truchatschewskij entlarvt; und das zweite Streichquartett mit dem Titel «Intime Briefe» ist eine Hommage an die knapp 40 Jahre jüngere Kamila Stösslová, in die der Komponist im Spätherbst seines Lebens vergeblich wie sterblich verliebt war.


Fragt sich eben nur: Wie lässt sich das, zumal es mit den Trompeten- und Schlagwerkkompositionen von Paul Hübner und Lorenzo Riessler noch eine weitere musikalische Textur und mit dem Tanz-Duo Martin Buczkó und Yui Kawaguchi auch noch eine choreographische Ebene gibt, szenisch beglaubigen? Regisseurin Hümpel (sie verantwortet auch die Kostüme) und ihr Bühnenbildner Oliver Proske suchen ihr Heil im Berliner Radialsystem in der visuellen Überfrachtung. Das zeitigt zwar Bilder von staunenswerter Poesie (vor allem Proskes «Bunker»-Videos und Personen-Spiegelungen besitzen einen hohen Grad an Imagination) und in der intensiven, intonatorisch irritierenden Interpretation des Kuss-Quartetts auch etliche expressive Augenblicke – allein, der Kern des Ganzen gerät mächtig in Gefahr: Müllers Theaterstück.


Nicht nur, dass dies in kleine Mosaiksteine zerfällt, was Müllers Intention nicht war; «Quartett» lässt zwar Atempausen und Fermaten zu, verweigert sich aber der Aufhebung des Hermetischen. Problematischer indes wirkt die ungelenke Figurenzeichnung. Annedore Kleist glaubt man zwar das Gequälte der Merteuil’schen Existenz, doch nicht eine Sekunde lang, dass die Marquise, eine Schwester Philoktets, zur Nihilistin geworden ist, zu einer bösen, im eigenen Verwelken hassenden Frau – was auch dadurch deutlich wird, dass die Schauspielerin das kokette «Küken »Volange überzeugender verkörpert. Kleist fehlt die Härte, die kalte Gehässigkeit, die Müller der Marquise einschrieb (und die Glenn Close an der Seite des maliziösen John Malkovich in Stephen Frears’ legendärer Roman-Verfilmung von 1994 so unfassbar brillant ausspielte). Weit überzeugender gibt Martin Clausen ihr Pendant, den Viconte Valmont (beide tragen übrigens, weil sie sich «an ihren Fellen reiben», Pelze: er ein Lammfell, sie Nerz und Leopardenkleid). Ein heruntergekommener Snob, der beides kann: Lude und Hure, Herr und Knecht, Mann und Frau. Hinreißend komisch, wie er die Madame de Tourvel mimt, als katholische Statue. Doch auch und gerade in dieser Komik liegt große Gefahr: Sie verniedlicht, was weder Müller noch Tolstoi und Janáček mit aller Deutlichkeit formulierten: Desillusionierte, disruptive und obstruktive Beziehungen erzeugen nichts als Schmerz. Wenn Clausen als Valmont am Ende den mit Theaterblut gefüllten Todesbecher trinkt und dabei (ungewollt?) ausrutscht und heftig ins Chargieren abgleitet, fühlt sich das irgendwie falsch an. Wie ein Slapstick inmitten der Tragödie des Lebens.

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