Das Bildschirm-Experiment

Bekannt ist Puccini vor allem für "Tosca" oder "Turandot". Am Wochenende stand aber die eher selten gespielte Oper "Suor Angelica" auf dem Programm. Eine moderne Inszenierung, die frischen Wind aber auch Effekthascherei brachte. Ein leeres Kleid hält Schwester Osmina in ihren Händen. Traurig trägt die Tänzerin und Choreographin Yui Kawaguchi das Stück Stoff über die Bühne - ein einfaches und zugleich ungemein starkes Bild für den Tod. Denn gerade hat sich Schwester Angelica das Leben genommen. Von ihrer Tante, der Fürstin, hatte sie zuvor erfahren, dass ihr kleiner Sohn gestorben ist. Wegen dieses unehelichen "Fehltritts" hatte man Angelica vor sieben Jahren verstoßen und ins Kloster gesteckt. Ihr einziger Wunsch, den kleinen Sohn noch einmal wiederzusehen, ist nicht mehr in Erfüllung gegangen. Nach der tieftraurigen Abschiedsarie "Senza mamma" , in der Angelica beklagt, dass der Sohn "Ohne Mutter" gestorben sei, beschließt sie, ihn im Tod wiederzutreffen - was mithilfe der Heiligen Jungfrau Maria gelingt.0 Beste Besetzung, authentische junge Frauenstimmen Die Sängerin Ann Toomey stellt mit großer stimmlicher Kraft "Suor Angelica" musikalisch dar. In der choreographischen und szenischen Darstellung von Yui Kawaguchi wird auch die moderne Dimension dieser Frauenfigur deutlich. Die weiteren Partien und Rollen sind ohne Ausnahme ebenfalls bestens besetzt. Durchweg mit Frauen - wie sollte es in einem Nonnenkloster auch anders sein. Authentische junge Frauenstimmen, die nicht unbedingt schon voll entwickelt sein müssen - darauf hatte sich Kirill Petrenko vor der Aufführung gefreut und "Suor Angelica" als ideales Stück für das Education-Projekt bezeichnet. Viel lernen konnten hierbei offensichtlich auch die jungen Orchestermusiker der Karajan-Akademie, dem Förderprogramm für angehende Philharmoniker. Mit ihnen und den Sängerinnen gestaltet Petrenko einen höchst lyrischen Puccini, schildert in transparenten Orchesterklängen Emotionen, die frei von Rührseligkeit sind. Welch ein Glück muss es für die jungen Education-Teilnehmer aus 13 verschiedenen Ländern gewesen sein, mit einem der besten Operndirigenten zu arbeiten und von seinem Wissen über modernes Musiktheater profitieren zu können. "Bildschirm-Pausen" fehlen Die Regisseurin Nicola Hümpel definiert bei diesem Opernabend dann neue Sehweisen für das Publikum: Die Sängerinnen drehen sich beim Singen immer seitwärts, blicken in Kameras links oder rechts der Bühne. Die auf diese Weise gefilmten Arien erscheinen in Großaufnahmen hinter den Sängerinnen auf einer Videoleinwand. Der wirklich große Bildschirm in der Mitte des Podiums dominiert allerdings schon nach kurzer Zeit die Aufführung. Denn die gestochen scharfen Bilder der Kameras absorbieren mit ihrer Intensität beinahe die gesamte Aufmerksamkeit. Als Zuschauer muss man sich immer wieder vom kinohaften Großbild losreißen, um das reale Geschehen auf der Bühne nicht aus den Augen zu verlieren. Kurze "Bildschirm-Pausen" zwischendurch würden der modernen Inszenierung gut tun, so nutzt sich der visuelle Effekt nach einiger Zeit ab. Großer Auftritt einer Grand Dame der Oper Das moderne Bildschirm-Experiment mit seinen beiden visuellen Ebenen beschert am Ende aber noch einmal ganz neue Ansichten: Die Fürstin - die einzige Rolle im Stück, die mit der schwedischen Mezzosopranistin Katarina Dalayman von einer erfahrenen Sängerin ausgeführt wird - verlässt nach dem Tod ihrer Nichte die Bühne. Normalerweise verschwände sie damit aus dem Sichtfeld des Publikums. Hier aber kann man sie über den großen Bildschirm weiter beobachten, draußen im Foyer der Philharmonie, ganz allein mit ihren Kummer und einem Getränk, das sie wie bittere Medizin einnimmt. Ein großer Auftritt einer Grand Dame der Oper, der live in den Saal übertragen wird - während sich auf der Bühne die Nonnen langsam aber sicher in moderne junge Frauen verwandeln.

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