Radialsystem Berlin – Leoš Janáček trifft Heiner Müller Nico and the Navigators inszenieren Müllers Zwei-Personen-Drama „Quartett“ zu Janáčeks Quartetten.
1980 legte Heiner Müller mit „Quartett“ ein Kammerspiel von spröder Wucht vor – ein Zweipersonendrama nach Pierre Choderlos de Laclos’ berühmtem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“, der 1988 mit Glenn Close und John Malkovich für Hollywood verfilmt wurde. Müller spitzt das Stück ganz auf die Antagonisten Marquise de Merteuil und Vicomte de Valmont zu. Die doppelte Orts- und Zeitangabe – „Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ – verschränkt höfische Dekadenz mit Endzeitstimmung.
Auch die Handlung wird auf das Wesentliche reduziert: Merteuil und Valmont spielen einander und übernehmen fortwährend die Rollen anderer Figuren, etwa der Madame de Tourvel oder der jungen Volange, um im Gegenüber Macht, Begehren und Selbstbehauptung zu erproben. Sprache wird zum Schlachtfeld, Erotik zur Strategie. Unter den präzise geschliffenen Dialogen liegt die Müdigkeit, die das verstrickte Paar längst erfasst hat. Gleichzeitig durchzieht das Stück ein trockener, bisweilen makabrer Humor, der den Abgrund erst schärfer konturiert.
Das freie Berliner Musiktheater-Ensemble Nico and the Navigators stellt sich dieser anspruchsvollen Vorlage und verknüpft sie mit beiden Streichquartetten Leoš Janáčeks. Deren eruptive, nervös flackernde Klangsprache bildet keinen illustrativen Zusatz, sondern ein kontrapunktisches Echo des Textes. Auf der Bühne begegnen sich zwei Paare im Dialog von Wort und Körper: die Schauspieler Annedore Kleist und Martin Clausen sowie das Tanzduo Yui Kawaguchi und Martin Buczko. Kleist modelliert innere Risse – zwischen Überlegenheit und Verletzlichkeit – mit variantenreicher Mimik, während Clausen komödiantische Präzision gegen existenzielle Schwere setzt. Kawaguchi artikuliert die emotionalen Unterströmungen des Stücks mit hochvirtuosen, scharf konturierten Bewegungen, ihr Partner Buczko ergänzt sie durch drängende Körperlichkeit.
Musikalisch entsteht ein weit gespannter akustischer Raum: So verbinden Paul Hübner (Trompete, Elektronik) und Lorenzo Riessler (Schlagwerk) elektronische Flächensounds mit Signalmotiven und treibenden rhythmischen Patterns. Vor allem in den Tanzpassagen entwickelt sich dadurch ein pulsierender Dialog zwischen Bühne und Musik, der nie ins Effekthascherische kippt, sondern der inneren Spannung des Stücks verpflichtet bleibt. Hinzu tritt das Kuss-Quartett, das Janáčeks hochexpressive Musik souverän interpretiert und bisweilen selbst Teil des Bühnengeschehens wird.
Nicola Hümpel ist für Regie, Konzept und Kostüme verantwortlich. Sie nimmt Müllers Geschlechterwechsel programmatisch auf: Männer in Kleidern, nicht nur im Tanzduo, sondern auch im Streichquartett, spiegeln die Identitätsverschiebungen des Textes. Die Entscheidung wirkt dabei weder grell noch provokant, sondern fügt sich selbstverständlich in das Spiel mit Masken und Spiegelbildern ein.
Ein Stilbruch entsteht allerdings, als Clausen in der Rolle von Valmont in dessen Sterbephase in lockeres Umgangsdeutsch verfällt; hier weicht man unnötigerweise von Müllers elaborierter Sprache ab.
Positiv herauszuheben ist hingegen Oliver Proskes Bühnenbild aus halbtransparenten, angeschrägten Spiegelflächen und präzise eingebundenen Videoelementen. So wird ein visuelles Echo jener Doppelungen erzeugt, die im Text bereits angelegt sind: Körper erscheinen real, gespiegelt und entrückt.
Im ausverkauften Radialsystem endete diese intensive, vielschichtige Performance zu Recht mit begeistertem Applaus. Die hier besprochene Premiere fand am 4. Dezember 2025 im Radialsystem statt; weitere Aufführungen folgten am 5., 6. und 7. Dezember.