Theatergruppe veröffentlicht Rufe aus der Pandemie

Kunstaktion


Die Theatergruppe Nico and the Navigators hat Meldungen Betroffener zu sechs Kurzfilmen verarbeitet und diese ins Internet gestellt - mit großer Resonanz.


Ein gefilmtes Dominospiel, dessen Steine hier Selbsttests auf das Corona-Virus sind. Die stürzenden, die nächsten umreißenden Figuren symbolisieren unübersehbar die Opfer der Pandemie. Dazu gibt es wenige Texttafeln, die die Sprachnachricht eines persönlich Betroffenen an die Theatergruppe Nico an the Navigators weitergeben.


Der Absender, in der Veranstaltungsbranche tätig, war dem Aufruf der Künstler gefolgt, möchte aber ungenannt bleiben. Seine Botschaft ist ebenso karg wie hochemotional. Er berichtet, sein Vater habe sich im Krankenhaus mit Covid-19 infiziert und den Kampf gegen das Virus verloren: „Das Schlimmste daran war, dass meine Mutter und ich ihn nicht richtig begleiten konnten.“


Theatergruppe stellt Würde der Betroffenen in den Mittelpunkt


Der Film dauert zwei Minuten und 18 Sekunden. Er zeigt eine mit klassischer Musik unterlegte, höchst kunst- und technisch anspruchsvolle Choreografie des Fallens. Sie erzählt aber vor allem eines: Bitte vergesst über allem Streit und den alltäglichen Sorgen die Würde der Betroffenen nicht!


Insgesamt sechs Filme sind es, die Nico an the Navigators seit Ende März unter dem Titel „Present: Wenn wir uns mitten im Leben meinen“ ins Internet gestellt haben. Der renommierte Berliner Konzertort Radialsystem hat der vor mehr als 30 Jahren von Nicola Hümpel und Oliver Proske am Bauhaus in Dessau gegründeten, inzwischen weit über Deutschland hinaus bekannten Truppe dafür einen prominenten Platz auf seiner Website zur Verfügung gestellt. Und der Erfolg ist überwältigend: Mehr als 60.000 Zugriffe sind registriert worden, und das Interesse ebbt nicht ab.


Die Filme sind für Nico, wie die Chefin der Navigators kurz genannt wird, „kein Produktionsersatz“, aber auch kein „Beifang“, um etwaiger Tatenlosigkeit zu begegnen. „Wir gehören ja zu den Glücklichen, die arbeiten dürfen“, sagt Nico im FaceTime-Gespräch. Freilich findet die Arbeit jetzt nicht auf der Bühne statt. Aber sie haben geprobt, zwei neue Produktionen liegen fertig in der Schublade. Eine davon, das Beethoven-Projekt „Force & Freedom“ mit dem Kuss-Quartett, hatte bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt werden sollen.


Kurzfilme als Lebenszeichen von Künstlern im Wartestand


Dieser Plan fiel ebenso ins Wasser wie die Berliner Premiere des Stückes - diese bereits zwei Mal. Immerhin war die Arbeit bei Arte Concert präsent und wird es demnächst wohl ins Arte-Fernsehprogramm schaffen.


Fertiggestellt ist auch die Produktion „Empathy for the devil“. Ursprünglich im Konzerthaus Berlin mit großem Orchester geplant, wird es nun, so Gott will, vor Weihnachten eine Kammer-Fassung des Werkes im etablierten Radialsystem unweit des Berliner Ostbahnhofs geben.


Jetzt aber senden die Kurzfilme Lebenszeichen aus. Sie lenken den Blick auf Einzelschicksale, die im Stimmengewirr während der Pandemie unterzugehen drohen. „Es ist die schrecklichste Zeit, die wir jetzt durchmachen“, sagt Nico: „Aber es ist besser, sich auf die eigenen künstlerischen Möglichkeiten zu besinnen als zu meckern.“ Über die Aktion von Schauspielerinnen und Schauspieler, die zuletzt mit ironischen Videos für eine heftige Kontroverse gesorgt hatten, ist Nico verärgert. Narzissmus sei den Akteuren offenbar wichtiger als der Inhalt. Was eine Pandemie auch auslösen könne, mache sie fassungslos.


Nico and the Navigators haben einen anderen Weg gewählt, mit Videokunst öffentlich zu wirken. An diesem Samstag wird es, als Bonus zu den sechs vorliegenden Filmen, ein russisches Heimweh-Lied geben, interpretiert von dem Sänger Nikolay Borchev. „Hinreißend“, verspricht Nico.

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