Zwischen Alltagsszenen und Verweisen auf die Hochkultur

Das Theaterkollektiv Nico and the Navigators adaptiert das richtungsweisende Langgedicht „The Waste Land“ für die Bühne


Als das Langgedicht „The Waste Land“ des US-amerikanischen Autors T. S. Eliot vor rund 100 Jahren erschien, lagen nicht nur der Erste Weltkrieg sowie die Spanische Grippe erst wenige Jahre zurück und hinterließen eine taumelnde Welt angesichts der erlebten Schrecken. Zudem machte eine globale Wirtschaftskrise den Menschen zu schaffen. Auch das Gedicht selbst war durch eine harte Phase gegangen. In Form und Rhythmus die erlebte Realität widerspiegelnd, war es Eliots Schriftstellerfreund Ezra Pound, der mit seinen radikalen Schaffungsvorschlägen zur endgültigen Fassung des heute weltberühmten Gedichts beitrug.


Krieg, Pandemie, Rezession - fast staunt man, wie aktuell das Gedicht auch dieser Tage noch ist. Das fanden auch Nico and the Navigators. Gegründet 1998, gehört das Ensemble heute zu den bedeutendsten Musiktheater-Gruppen in Europa. Mit ihrer aktuellen Inszenierung „Wasted Land“, die am 30. März im Radialsystem Premiere feiert, beziehen sich Nico and the Navigators unmittelbar auf die literarische Vorlage. Dabei half es, dass Nicola Hümpel, zusammen mit Oliver Proske Gründerin des Ensembles, „The Waste Land“ seit ihrer Schulzeit kennt.


„Einerseits ist die literarische Qualität dieser Dichtung über jeden Zweifel erhaben - und andererseits spricht sie dank der darin verhandelten Themen aktuell und direkt zu uns“, fasst die künstlerische Leiterin und Regisseurin zusammen. Es sei das Wechselbad von Gefühlen und Gedanken, die Mischung von trivialen Alltagsszenen und klassischem Bildungskanon, aus idyllischen Erinnerungen und katastrophalen Visionen, die sie faszinierten, erklärt sie. Es brauche schon mehrmaliges Lesen, bis man die Fülle von Anspielungen und inneren Bezügen wirklich verstehe, und das flöße einem enormen Respekt ein, „als würde man am Fuße eines hohen Berges stehen: Da soll ich jetzt hinaufsteigen? Aber die Aussicht entschädigt am Ende für die Strapazen…“, so die Künstlerin.


Der Abend navigiert durch die Vielschichtigkeit der Vorlage


Für die Umsetzung des Gedichts in eine szenisch-musikalische Inszenierung schaute das Team zunächst auf die vielen musikalischen Anspielungen, die Eliot selbst in seinen Text eingeflochten hat. Sie reichen von der Lautmalerei in Richard Wagners Opern über volkstümliche Lieder bis hin zu rituellen Gesängen. Aber auch Rhythmus und Klang der Sprache inspirierten die Künstler zu atmosphärischen Stimmungen und Passagen, die wiederum die szenischen Vorgänge beeinflussten. Diese Vielfalt als Grundlage, entwickelte das Ensemble eine eigene Komposition, die das Stück umrahmt und Akzente setzt. „Es gibt Momente, in denen die Sprache die führende Funktion übernimmt - und andere Abschnitte, die rein instrumental gestaltet werden“, erläutert Nicola Hümpel. Die Besetzung aus Gitarre, Schlagzeug, Violine, Trompete und elektronischen Elementen ermöglicht der Gruppe eine große Bandbreite an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Ein großer und wesentlicher Teil der Inszenierung und der Musik entstanden dabei während der Proben.


Auch wenn Nicola Hümpel am Ende diejenige ist, die aus den Fragmenten, der Spoken-Word-Performance, aus Tanz und Video-Projektionen die Gesamtkomposition macht, so sei die Erarbeitung des Stücks eine Geschmeinschaftsaufgabe gewesen, betont sie. Schauspielerisch arbeitet das Ensemble mit der sogenannten angeleiteten Improvisation. Die Darsteller erhalten Handlungsanweisungen, die sie in ihre Improvisation einbauen. Eine Methode, die viel Raum für Überraschendes, mitunter Erhellendes bietet. „Dieses Unbekannte, Unbewusste“, erklärt Nicola Hümpel, „ist eben nur auf diesem Weg zu erreichen - mit Vorschlägen oder Spiegelungen, die zur Entdeckung des radikal Eigenen führen.“ Und eine Methode, die wie prädestiniert scheint, den Text von T. S. Eliot szenisch umzusetzen. Schließlich gehe es darum, hinter die Ironie zu schauen, die lediglich ein Stilmittel ist, um leichter über den wahren Zustand der Welt und der daraus resultierenden Hoffnungslosigkeit zu sprechen: „Daraus erklärt sich dann das Assoziative, also die im Text angelegte Verknüpfung von historischen und mythologischen Anspielungen mit Eliots Zeit - und dann wieder mit unserer Gegenwart in der Inszenierung“, führt Nicola Hümpel aus. Diese texttreue Auseinandersetzung mit einem so umfangreichen literarischen Werk sei schon besonders gewesen, ergänzt sie.


Einführung in die literarische Vorlage durch den Übersetzer


Entscheidend ist jedoch, dass man die literarische Vorlage nicht kennen muss, um das Stück zu verstehen. „Wasted Land“ rezitiert Eliots „The Waste Land“ nicht nur in voller Länge, es lässt auch Raum für eigene Assoziationen. Mit Norbert Hummelt führt zudem ein Lyriker und der Übersetzer von „The Waste Land“ vor jeder Vorstellung in das Werk ein. Zusammen mit dem kraftvollen Klang der Sprache und dem Rausch der Bilder wünscht sich Nicola Hümpel für die Zuschauer einen ebenso gewaltigen Nachhall, wie sie ihn selbst erlebt hat.

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