Kain, Wenn & Aber

Wer kennt nicht die Lust und Last der Entscheidung? Wieviel Mut gehört dazu? Wieviel Freiheit liegt darin? In Sinnbildern und Momentaufnahmen, die berühren und befremden, nähert sich das Ensemble diesen existenziellen Fragen und setzt sich mit Lebensentscheidungen, aber auch mit der alltäglichen Qual der Wahl auseinander.

Kain, Wenn & Aber

Da gibt’s kein „wenn und aber“?

Wie werden Entscheidungen getroffen? 

Wenn wir sie nicht selbst treffen, wer trifft sie für uns?  

Gibt es eine Bestimmung? Gibt es Wegweiser? 

Oder ist der Mensch mit seinen Entscheidungen allein? 

In ihrer Produktion Kain, Wenn & Aber setzen sich NICO AND THE NAVIGATORS mit Lebensentscheidungen, aber auch mit der alltäglichen Qual der Wahl auseinander. Wer kennt nicht die Lust und Last der Entscheidung? Wieviel Mut gehört dazu? Wieviel Freiheit liegt darin? In Sinnbildern und Momentaufnahmen, die aufrütteln, berühren und befremden, nähert sich das Ensemble diesen existenziellen Fragen.

Wer bestimmt hier eigentlich, wer bestimmt?

Wir bestimmen alle einen Bestimmer, der uns dann alle bestimmt,  

und das ist bestimmt die Lösung, dann stimmt’s bestimmt.

Man tut es oder man tut es nicht. 

Man sagt es oder man sagt es nicht. 

Man will es oder man will es nicht. 

Egoismus – ein wesentlicher Bestandteil bei Entscheidungsfindungen.

Toleranz – ein schöner Begriff. Patric Schott

“This life is a test – it is only a test. If it had been an actual life, you would have received further instructions on where to go and what to do.” Unbekannter Autor (entdeckt in C. Frenzls Küche)

‚Muß ich immer alles müssen was ich kann?’ Wir sind Helden

 

Eine Produktion von NICO AND THE NAVIGATORS und den Sophiensælen, gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, in Koproduktion mit dem Le Carreau Forbach, Inteatro Polverigi, sowie dem Grand Theatre Groningen, in Kooperation mit der Stiftung BAUHAUS Dessau.

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Pressestimmen

Sandra Luzina / Der Tagesspiegel

…Die Regisseurin Nicola Hümpel, unterstützt von ihrem famosen Mitstreiter, dem Bühnenbildner Oliver Proske, ersinnt ein wundersam-surreales Bildertheater… Selten werden die alltäglichen Entscheidungsnöte von Thirtysomethings in der Multi-Options-Gesellschaft so umwerfend komisch dargestellt. „Die erste Entscheidung heißt, zu mir selbst, mutig, allein …“, so beginnt das Stück um die Lust und Last der Selbstbestimmung…

Sandra Luzina / Der Tagesspiegel

Nico and the Navigators – das klingt wie der Name einer Popband. Doch bei den Navigators handelt es sich um eins der eigenwilligsten und auch erfolgreichsten Ensembles der Berliner Szene. Die Regisseurin Nicola Hümpel, unterstützt von ihrem famosen Mitstreiter, dem Bühnenbildner Oliver Proske, ersinnt ein wundersam-surreales Bildertheater. Die präzise choreografierten Szenen balancieren zwischen vergnüglichem Slapstick und philosophischem Nonsense. Und so herrlich versponnene Darsteller findet man sonst kaum auf der Bühne. Ihr Erfolgsstück Kain, Wenn & Aber zeigen Nico and the Navigators nun noch einmal für drei Vorstellungen in Berlin. Nicht in den angestammten Sophiensälen, sondern im Radialsystem. Selten werden die alltäglichen Entscheidungsnöte von Thirtysomethings in der Multi-Options-Gesellschaft so umwerfend komisch dargestellt. „Die erste Entscheidung heißt, zu mir selbst, mutig, allein ...“, so beginnt das Stück um die Lust und Last der Selbstbestimmung. Natürlich schleichen hier auch notorisch entscheidungsschwache Grübler, Drückeberger und Umfaller über die Bühne – eine kleine Typologie der Verwirrten und Konfusen, bei der sich jeder mal ertappt fühlen kann.

/ Berliner Morgenpost

…Unverwechselbar, wie sich die „Navigatoren“ in den multifunktionalen Verwandlungsräumen Proskes bewegen, die ein Eigenleben haben. Ständig klappt etwas auf oder zu, verschiebt oder verzieht sich. Dazwischen: junge, komische Zeitgenossen. Nostalgisch wirken sie und könnten mit ihren Slapstick-Posen und Gesten einem Stummfilm entsprungen sein… ein charmantes kleines Welttheater…

/ Berliner Morgenpost

Nächstes Jahr feiern Nico and the Navigators ihr 10jähriges Bestehen als freies Theater in Berlin. In dieser Zeit hat das Ensemble um die Regisseurin Nicola Hümpel und den Bühnenbildner Oliver Proske ein charmantes kleines Welttheater entworfen. Unverwechselbar, wie sich die "Navigatoren" in den multifunktionalen Verwandlungsräumen Proskes bewegen, die ein Eigenleben haben. Ständig klappt etwas auf oder zu, verschiebt oder verzieht sich. Dazwischen: junge, komische Zeitgenossen. Nostalgisch wirken sie und könnten mit ihren Slapstick-Posen und Gesten einem Stummfilm entsprungen sein. Sie suchen ihren Platz in der Welt und werden in ihrer albernen Ernsthaftigkeit zu Sympathieträgern. Denn natürlich ist vieles, was sie tun, vergeblich, banal und tieftragisch - wie im richtigen Leben. Das Stück "Kain, Wenn & Aber" ist eine viel gereiste Erfolgsinszenierung von 2003, die endlich wieder in Berlin gespielt wird und Nicos Erfolgsthema behandelt: Ist Persönlichkeit Schicksal oder kann man sich entscheiden? Das Ensemble spielt erstmals im Radialsystem.

Christoph Müller / Schwäbisches Tageblatt

…die originellste, innovativste und melancholischste, aber dennoch witzigste Truppe der deutschen Off-Theater-Gemeinde spielt an zwei Abenden, jeweils vor rund 500 gebannten, geradezu enthusiastisch reagierenden Menschen im Publikum… „Nico und die Navigatoren“ haben so viel Spezifisches in ihrer Sprache und erweitern damit die Sprache des Theaters… Der Rest der Theater in Deutschland könnte sich ein Beispiel daran nehmen, wie man große zeitgenössische Kunst durch das Experimentieren mit kleinen Mitteln unterstützen kann…

Christoph Müller / Schwäbisches Tageblatt

Handbuch für den peinlichen täglichen Umgang mit sich selbst Nico and the Navigators erforschen eine neue Leichtigkeit in der Off-Theater-Community Die Freien Truppen haben ihr Zentrum in Berlin. Je schlechter es den traditionellen Theatern geht, desto mehr wachsen und gedeihen die Off-Theater. Den wohl einzigartigsten Stil hat in letzter Zeit das Ensemble von Nicola Hümpel entwickelt, das sich auf absurde Performances konzentriert. Es tourt durch ganz Europa. Forbach/Berlin "Le Carreau", rote Kinosessel in einem anonym wirkenden, hässlichen Raum, ist das soziokulturelle Habitat am uneinladendsten Ort: Forbach, das erste Dorf Lothringens an der westlichen Peripherie von Saarbrücken. Mit dieser unverwechselbaren städtebaulichen Tristesse werden die Deutschen an die DDR erinnert. Und genau hier spielt an zwei Abenden die originellste, innovativste und melancholischste, aber dennoch witzigste Truppe der deutschen Off-Theater-Gemeinde, jeweils vor rund 500 gebannten, geradezu enthusiastisch reagierenden Menschen im Publikum. Dieses Theater als charmant-absurdes Projekt gegen eine Welt ohne Sinn und Seele entfaltet an einem solchen Ort pure Verzauberung und lässt dabei Zeit und Raum vergessen. Vor sechs Jahren aus dem Dessauer Bauhaus hervorgegangen, sind sie inzwischen die Stars unter den Off-Theatern in Berlin. Und die Anzahl der Off-Theater in Berlin ist höher und ihre Verbindungen und Netzwerke sind dichter als anderswo. Es gibt Abende in Berlin, da sind die Produktionen der Off-Theater nicht nur zahlreicher als die der bekannten traditionellen Theater, sondern auch interessanter. Aber auch das muss man anerkennen: Ohne die Gurus der etablierten Kunst - in unserem Fall vor allem Pina Bausch, Achim Freyer, aber auch der absurde Komiker und Regisseur Jacques Tati - als erkennbares Vorbild gäbe es sie in dieser Form nicht. Aber "Nico und die Navigatoren" haben so viel Spezifisches in ihrer Sprache, erweitern damit die Sprache des Theaters, und so viel ausgeklügeltes ambivalentes Stilempfinden, dass sie schon längst zum Berliner Theatertreffen hätten eingeladen werden müssen. Die Titel der kurzweiligen Szenenfolgen, die bei ihrer Feldstudie "Menschenbilder" für die Rätsel eines gestörten Alltags einer surrealen Logik folgen, sind bereits die erste Verheißung, die auf die folgenden zarten, aber nachhaltigen Nonsens-Absurditäten vorbereitet. "Ich war auch einmal in Amerika", "Lucky days, Fremder!" (Glückliche Tage, Fremder), "Eier auf der Erde", "Lilli in Putgarden", "Der Familienrat" und nun, völlig unbegründet, "Kain, Wenn und Aber". Nicola Hümpel, die Regisseurin von sieben Stegreifspielern mit erstaunlichen akrobatischen Fähigkeiten, sowohl körperlich als auch stimmlich, hat ihre Wurzeln in der bildenden Kunst. Entsprechend sind die Figuren wie Skulpturen gemeißelt, bevor sie sich allein oder im Kommunikationschaos in unbeholfene Bewegung setzen und den Spiel- und Verhaltensregeln in dieser gelähmten postmodernen Welt einen Streich spielen. Die ziellosen Navigatoren beginnen, irgendwo im Nirgendwo, aus dem Moment heraus und für den Moment, Kurs zu nehmen. Aber sie tun dies mit einer eigensinnigen und spielerisch-vagen Schimpfwort-Insistenz, die die Wahrnehmung des staunenden Publikums systematisch erschüttert. Sie bringen die Verhältnisse im wahrsten Sinne des Wortes zum Tanzen, indem sie sich des freien Willens von Kant bedienen, ganz im Sinne von Ernst Bloch. Nur eben ohne jeglichen missionarischen Impetus oder einen intensiven und erzwungenen philosophischen Überbau. Eine selbstgenügsame, selbstverantwortliche, verführerisch flackernde Leichtigkeit des So-Seins. Der Soundtrack zart, das Licht mild, die designten und gestylten Toupet-Frisuren schräg, die Kleidung nicht immer nur am Körper - und schon läutet die Glocke unerbittlich, denn wir begegnen uns selbst und, noch verhängnisvoller, der Sache. "Nico und die Navigatoren" sind jetzt in den Sophiensaelen in Berlin beheimatet. Doch sie sind selten in ihrem Hafen, sondern kreuzen fröhlich die Kurse des internationalen Festivals. Die komplexen Wortspiele in "Kain, Wenn und Aber" werden stets landestreu umgesetzt, mit perfekten Untertiteln. In der Off-Theater-Gemeinde ist die absolute und präzise Perfektion der Hümpel-Truppe, sowohl was ihre Kunst als auch was ihr Handwerk betrifft, eher ungewöhnlich. International auf Tournee Nach Frankreich sind bereits Tourneen in den Niederlanden, Russland, Italien, der Schweiz, Ungarn und wohl auch in den unvermeidlichen USA geplant. Die Off-Theater-Gemeinde in den Sophiensaelen, im Podewil und jetzt im dreifach verteilten Hebbel-Theater - das sind Standortvorteile in Berlin, die vom Berliner Senat und dem Stiftungsfonds der Hauptstadt geschickt am Leben gehalten werden. Der Rest der Theater in Deutschland könnte sich ein Beispiel daran nehmen, wie man mit kleinen Mitteln große zeitgenössische Kunst fördern kann...

Reinhard Wengierek / Die Welt

…Nie dem Bedürfnis nachgeben, etwas zu Ende zu bringen. – Und tatsächlich, die szenische Fragmentierung streift nahezu das Genialische. Man staunt, ist verdutzt, hingerissen, konfus. Doch letztlich – und oft erst im Nachhinein – wirkt all das Dadaistische, Anekdotische, Träumerische, Irrwitzige äußerst einleuchtend…

Reinhard Wengierek / Die Welt

„Die erste Entscheidung heißt: zu mir selbst – mutig, allein.“ So geht der erste Satz im neuen Stück „Kain, Wenn & Aber“ von Nicola Hümpel. Dabei mag das Wort „Stück“ einem überhaupt nicht von den Lippen rutschen. Die Veranstaltungen der neunköpfigen Hümpel-Truppe Nico and the Navigators sind nämlich so perfekt hochartifizielle wie naiv spielerische Meditationen: diesmal über das Thema Selbstbestimmung. Und daraus folgend die Frage: Wie selbstbestimmt entscheiden wir eigentlich? Die vor Fantasie und Formbewusstsein berstende Nicola Hümpel ist eine Schwester Tatis, Allens, Keatons und studierte nicht nur an der Kunsthochschule Hamburg, sondern noch – das spürt man deutlich – am Bauhaus Dessau. Die 36-Jährige sagt, ihr Könner-Kollektiv baue sich seine Stücke (also doch!) wie ein Maler sich seine Bilder baue – so zwischen Instinkt und Intellekt. Ihr Credo: Nie dem Bedürfnis nachgeben, etwas zu Ende zu bringen. Und tatsächlich, die szenische Fragmentierung streift nahezu das Genialische. Man staunt, ist verdutzt, hingerissen, konfus. Doch letztlich – und oft erst im Nachhinein – wirkt all das Dadaistische, Anekdotische, Träumerische, Irrwitzige äußerst einleuchtend. „Vergleichsweise vorübergehend bewerkstelligt“, heißt es dann selbstironisch über den „Kommunikationserfolg“ zwischen Hümpel-Kunst und Zuschauer-Kopf. Stimmt. Vergleichsweise vorübergehend – und vorüberfliegend. Dennoch bleiben diese achtzig Minuten unvergesslich. Seltsam. Ein schönes Geheimnis der Kunst. Eine sozusagen nachhaltige Verzauberung. Zusammen mit Michael Thalheimers Hauptmann-Inszenierung „Einsame Menschen“ am Deutschen Theater waren die Navigators im berühmten, die Stars von Morgen präsentierenden Off-Studio Sophiensaele das schönste Theater-Weihnachtsgeschenk. Inzwischen sind sie auf Tour in Frankreich. Und dann weiter durch ganz Europa.

Peter-Hans Göpfert / Berliner Morgenpost

…Schon vorneweg präsentieren sich die sieben Akteure, drei Frauen, vier Männer, mit schräg gegelten Frisuren und sprechend stummem Mienenspiel. Da gibt es Anklänge an die elterliche oder gesellschaftliche Erziehung, Versuche, das Individuum auf eine bestimmte Lebensrichtung festzunageln, astrologische Banalverheißungen… Die jetzige Aufführung ist die schönste, die feinste seit langem!…

Peter-Hans Göpfert / Berliner Morgenpost

Lange waren Nico and the Navigators nicht so gut: "Kain, Wenn & Aber" in den Sophiensälen Der Satz am Anfang: "Die erste Entscheidung heißt: zu mir selbst". Tatsächlich haben Nico and the Navigators entschieden, sich "zu neuen künstlerischen Ufern aufzumachen". Nach "Kain, Wenn & Aber" soll vorerst mit Ensembleproduktionen Schluss sein. Die erst vor fünf Jahren am Bauhaus Dessau gegründete Truppe ist längst Kult. Aber die letzten Inszenierungen von Nicola Hümpel zeigten sanfte Ermüdungserscheinungen und Leerstellen. Und nun diese Überraschung: Die jetzige Aufführung ist die schönste, die feinste seit langem! Selbst das Premierendatum, den N i k olausabend, hatten die Navigatoren erstklassig ausgewählt. Einen Socken gibt es tatsächlich. Der wird aber nicht mit Keksen gefüllt, sondern verschwindet im Mund eines Darstellers. Und dieser verabreicht alsbald einem Kollegen mit Hand und Fuß eine Frisur-Gewaltbehandlung, wie sie kein Haarkünstler in Berlin, Moskau oder Ancona zu bieten hätte - selbstredend sind dort bereits Gastspiele gebucht. Das Ensemble macht in seinen aus Improvisationen hervorgegangenen Stücken nicht viele Worte. Aber nachdem zu Beginn in einem Ketten-Wortspiel der Begriff "Bestimmung" durchgearbeitet wurde - "wer bestimmt eigentlich, wer bestimmt?" - ist klar, wo der Hase lang laufen wird. Es geht, irgendwie, irgendwo, um die uralte Menschheitsfrage, ob der Mensch frei sei, sein Schicksal zu gestalten, oder ob nicht vielmehr dieses ihn im harten Griff festhalte. Wer die Nicos kennt, weiß: Der Abend wird nie grundsätzlich oder eindeutig festgelegt. Schon vorneweg präsentieren sich die sieben Akteure, drei Frauen, vier Männer, mit schräg gegelten Frisuren und sprechend stummem Mienenspiel. Da gibt es Anklänge an die elterliche oder gesellschaftliche Erziehung, Versuche, das Individuum auf eine bestimmte Lebensrichtung festzunageln, astrologische Banalverheißungen. Von globalisiertem Geflügel, vom Auf und Ab des Dax an der Börse wird erregt berichtet. Und in einer Szene ergeht die Aufforderung, alles Persönliche bitte abzulegen, den Mantel, die Kreditkarte, das letzte Piercing. Diesmal werden keine Staubsauger Gassi geführt, kein Hühnerei erlebt auf dem Luftkissen eines Haushaltsgerätes unerwartete Höhenflüge. Die Szenencollage gehorcht ihrerseits selbst und restlos dem Gesetz surrealer Schwerelosigkeit. Nach dem Sinn darf gefragt werden, aber um die Antwort wird amüsant, hintergründig vordergründig und entzückend albern herum gespielt. Diesen Satz haben wir uns für den täglichen Bedarf sofort eingeprägt: "Die Fähigkeit, intellektuelle Zusammenhänge zu verstehen, nimmt jetzt drastisch zu". So empfindsam und crazy, so liebevoll verrückt waren Nico and the Navigators noch nie. Draußen im Nikotin-gesättigten Foyer haben wir uns zuvor beinahe ein Cocktailparty-Syndrom in die Beine gestanden, bis endlich die Tür aufging. Und dann lief der Spaß so geölt, dass wir nicht ein einziges Mal auf die Uhr sahen. Wir weinen daher zum (langsamen) Abschied eine Träne in unsere eigenen Socken.

Renate Klett / Die Zeit

…„Nico and the Navigators“: Eine der originellsten Theatergruppen Deutschlands wird berühmt – Manche haben sie erst spät entdeckt, andere wussten es sofort, und alle sind sich einig: Ein Gespenst geht um in Europa, das kein Manifest braucht, um Kult zu sein, und das auf den Namen Nico and the Navigators hört. Das klingt nach Popband, ist aber eine Theatergruppe, vermutlich die beste in der Freien Szene Berlins und drüber hinaus…

Renate Klett / Die Zeit

„Nico and the Navigators“: Eine der originellsten Theatergruppen Deutschlands wird berühmt Manche haben sie erst spät entdeckt, andere wussten es sofort, und alle sind sich einig: Ein Gespenst geht um in Europa, das kein Manifest braucht, um Kult zu sein, und das auf den Namen Nico and the Navigators hört. Das klingt nach Popband, ist aber eine Theatergruppe, vermutlich die beste in der Freien Szene Berlins und drüber hinaus. Ihre Karriere verlief rasant, und das Schönste an dieser Erfolgsgeschichte ist, dass sie so untypisch ist, so Zeitgeist-konträr und unkalkuliert. Alles, was man heute so macht auf der Bühne, das Videogemotze und Blut-Sperma-Gepansche, all das verweigerten sie von Anfang an. Stattdessen ganz altmodisch: Humor und Poesie, Sturheit, Melancholie und Ungeschick. Wieder diese Schweizer Art der sanften Subversion, denkt man, Häusermann, Kienberger, Marthaler – und dann das: Aus Lübeck kommen sie, aus Hamburg, Dessau und Berlin. Trotzdem: „N & N“ sind Ehrenschweizer der Kunst. „Warum am Abhang die Herkunft verleugnen“ – na also, da sagen sie’s doch selbst. Der Satz stammt aus ihrer szenischen Installation Lucky days, Fremder! Roter Teppich, grüne Wand und dazwischen sechs einsame Inseln in Menschengestalt. Die Wand besteht aus lauter Schubladen, die manchmal knallgelb sind und auch sonst nicht sehr zuverlässig: Wenn man sie am dringendsten brauchte, bleiben sie zu oder, man muss das selbst sehen, verschlucken die Treppe. „Nie wieder für immer stolz“ heißt ein schöner Satz aus diesem Stück, in welchem die Ferne schon beim nächsten Menschen beginnt. „Stimmen Sie für den Horizont“ heißt auch nur: „Ich liebe dich“, aber es klingt halt cooler. Lucky days, Fremder! handelte vom Abschied, kam 1999 in den Berliner Sophiensælen heraus und avancierte schnell zum Geheimtipp. Zuvor gab es zwei Produktionen am Bauhaus Dessau, DenkVorGang (1996) und Ich war auch schon mal in Amerika (1998), wie alle Folgenden von Nicola Hümpel inszeniert, im Bühnenbild von Oliver Proske (Licht: Peter Meier). 1997 entsteht der Name der Gruppe, und ab da ist kein Halten mehr: jedes Jahr ein neues Stück, lauter Bausteine fürs Sisyphos-Denkmal namens „Menschenbilder“. „Edith, die Apotheke kommt!“ Die Regisseurin, 1967 in Lübeck geboren, studierte bei Achim Freyer und am Bauhaus in Dessau. Aber wie die Fantasie Haken schlägt und allen eine Nase dreht, das kann man sowieso nicht lernen, höchstens die Methodik dazu. Die Aufführungen sind kühl komponiert, hellwach, intelligent und pfiffig, ihre Dada-Logik schiebt Welt und Wahrnehmung in eins, der Blickwinkel gleicht dem eines Schlafwandlers kurz vor dem Absturz. Wundersame Sätze wie Morsebotschaften aus dem Gulli oder aus dem All verkünden, was niemand versteht, aber jedem einleuchtet: „vergleichsweise vorübergehend bewerkstelligt“ gilt da als legitime Aussage, und eine Drohung? Verheißung? lautet: „Edith, die Apotheker kommen!“ Dabei sind das eigentlich Spiele fast ohne Worte, wodurch jeder geraffte Satz doppeltes Gewicht erhält. Sprach- und Mimikdompteure sind hier am Werk, Ganzkörperpoeten des Absurden, die jeden Sinn so lange wörtlich nehmen, bis er sich verflüchtigt. Wie jemand geht, liegt, träumt, wird gezeigt und warum jemand nach oben will und nie ankommt, aber warum gerade das ihn beflügelt. Der Widerspruch als Lebensziel, das breiteste Lächeln als giftigster Pfeil, und Konsequenz zeigt sich sowieso nur im Schlamassel – lauter stille, böse Bilderrätsel übers Scheitern und seine Glorie. In der Anfangsszene von Eggs on Earth (2000) nähern sich die Darsteller einer Schuhputzmaschine, wie man sie auf Hotelfluren findet; sie benutzen sie und verschwinden. Nur die Beine sind noch zu sehen, und die liefern ziselierte Charakterstudien, indem sie der Maschine entgegenschreiten oder -tändeln, den Startknopf malträtieren oder liebkosen und dann frisch glänzend ihren Tag beginnen. Wenn man die Beine später wiedersieht, weiß man schon alles über ihre Träger. Das sind Wesen, die Karriere machen wollen; man sieht sie im freien Fall nach oben taumeln. Hümpel denunziert ihre Figuren nicht, sie stellt sie bloß, aber sie liebt sie dabei; ihr Spott ist zärtlich, nicht zynisch; trotzdem bleiben die Schlachtmesser scharf. „Wir wollen die menschliche Seele blank legen“, sagt sie, „alle Schutz- und Festhaltemöglichkeiten wegnehmen, sodass der Darsteller nur noch sein Gesicht hat, seine Existenz und seine zwei Sätze.“ Die Figuren, Bilder und Situationen entstehen durch Improvisation. Man verständigt sich über ein Thema, eine Farbe, einen Geschmack, und dann spinnt man los, jeder für sich und alle zusammen. Ein kontrollierter Kollektivrausch, der die Kreativität der Einzelnen nicht addiert, sondern multipliziert, alle in ungeahnte Inspirations- und Assoziationshöhen katapultierend. So etwas kann nur in einer Gruppe funktionieren, die alt genug ist, um verschworen zu sein, und jung genug, um sich gegenseitig noch zu überraschen. Im Geist Tatis, Allens und Keatons Dazu kommt die Arbeit am Tisch, eine écriture automatique, in der unzählige Satzschnipsel so lange neu zusammengesetzt werden, bis sie jene Eindeutigkeit des Abstrusen erreichen, für die N & N berühmt sind. „Wir bauen unsere Stücke, wie ein Maler seine Bilder baut“, sagt Nico Hümpel, „das ist ein schwieriger Prozess zwischen Instinkt und Intellekt, bei dem man nie dem Bedürfnis nachgeben darf, etwas zu Ende zu bringen.“ Wenn sie aus der Fülle des Materials später die Aufführung komponiert, achtet sie darauf, alles in der Schwebe zu halten. Sie hütet sich vor Begründungen oder Botschaften: „Es ist wichtig, die Sekunde zu finden, in der eine Szene abgebrochen werden muss, damit sie offen bleibt.“ Die Arbeitsweise erinnert an Pina Bausch, und die Ergebnisse werden denn auch oft als „Tanztheater“ beschrieben, andere nennen es „Bildertheater“. Aber natürlich lässt sich dieses aberwitzige Gebräu aus Alltag und Absturz in keine Schublade stecken. Wo „der Sinn eines Gegenstands sich erst durch den Gebrauch erweist“ (Oliver Proske), muss jede Kennzeichnung kapitulieren. Folgerichtig waren Die Dinge, nach Abschied und Arbeit, das Thema der nächsten Produktion Lili in putgarden (2001). Dabei ging es weniger um deren Gebrauchs- als um den emotionalen Mehrwert, denn schließlich kann man auch einen Staubsauger lieben: hängt nur von der Geschichte ab, die man zusammen hat, und vom Grad der Sentimentalität, den man sich gestattet. „Herrschsüchtige Mitbringsel“ und fremde Teetassen können das Leben aber auch ganz schön erschweren, und das umklappbare Bühnenbild, halb Zelt, halb Lotterbett, verschluckt Menschen und spuckt Kleiderbügel aus. Im Jahr 2002 entstand Familienrat. Proskes Bühne ist hier eine besonders raffinierte Mehrzweckfalle, in der Schuhregale zu Treppen mutieren, Tische zu Duschkabinen und Schwerter noch lange nicht zu Pflugscharen. Hier verändern sich die Dinge, nicht die Menschen, nur die Festung Familie ist ewig und uneinnehmbar. Weihnachten, das Fest der Schrecken, lässt Brötchenflocken schneien und vereint die Familienkrüppel in liebevoll verlogener Runde. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt, ein Dummkopf, wer’s nicht tut. Dabei haben sie gar nichts gegen Familien, sie sind ja selber eine, nur eben eine ohne Besitzanspruch. Das geht bis zum Verzicht aufs interne Copyright, jede Szene, die einer erfindet, darf von jedem anderen benutzt, verändert, plagiiert werden. Das klappt, weil sie einander vertrauen, auf der Bühne wie im Leben. Im Gespräch schwärmen sie von der Ehrlichkeit und Freiheit im Umgang miteinander, von Nestwärme, die nicht einengt, und Treue, die nicht stumpf macht. Eine Gruppe aus Gleichen, jeder Dichter und Athlet, lauter kleine Chaplin-Allen-Keaton-Tatis. Alle um die 30, kaum gelernte Schauspieler dabei – vielleicht wirken sie deshalb so authentisch und klar: jedes Gesicht eine Landschaft, jeder Körper der Sturm, der drüber hinwegfegt. Ihre Namen sind: Martin Clausen, Annedore Kleist, Lyon Roque, Verena Schonlau, Patric Schott, Peter Stock, Isabelle Stoffel, Lajos Talamonti, Sinta Tamsjadi, Julius Weiland. Man sollte sie sich merken, diese Namen, denn es kann sein, dass man ihnen bald auch anderswo begegnet. Ihre neue Produktion, die am 6. Dezember in den Berliner Sophiensælen Premiere hat, ist in dieser Zusammensetzung die letzte. Mit zunehmendem Erfolg, inzwischen quer durch Europa, weiten sich Horizont und Entdeckungslust, deshalb wird Nico Hümpel als Nächstes eine internationale Koproduktion machen. Die alten Stücke werden weitergespielt – an Einladungen mangelt es nicht. Aber nun gibt es noch mal Navigators pur. Kain, Wenn und Aber heißt das neue Stück, das von Entscheidungen handelt und von deren Unmöglichkeit. To be or not to be ist nie wirklich beantwortet worden – vielleicht geht’s mit Slapstick leichter als mit Shakespeare. Alle großen Fragen haben einen kleinen nöligen Kern. Also dann: „Die erste Entscheidung heißt: zu mir selbst – mutig – allein“, so beginnt das Stück, und man ahnt schon, wie dabei die Äuglein blitzen, während fahrige Finger alles gleich widerlegen.

Caroline Uhlig / Russland Aktuell

…„Nico and the Navigators“ beleuchten die unergründlichen Wege der Entscheidung, ihre Parameter und vor allem ihre (Un-)Freiheit. Szenisch einfach werden diese existenziellen Fragen sehr minimalistisch auf die Bühne gebracht. Die Dekorationen und Requisiten sind klein aber fein, ein Großteil der Wirkung wird durch Lichteffekte erzeugt. Das Stück lebt aber besonders von den brillanten Schauspielern, die zu wahren mimischen und körperlichen Akrobaten werden… Ohne Übertreibung kann tatsächlich von neuem deutschen Theater gesprochen werden – von zeitgenössischem, kreativem Theater, welches den Konflikt der manisch-depressiven Gegenwart mit einem zwinkernden Auge reflektiert…

Caroline Uhlig / Russland Aktuell

Was sich nach dem Namen einer Popband anhört, ist in Wirklichkeit eine junge Theatertruppe aus Berlin, die allerdings momentan in ganz Europa wie kleine Stars gefeiert wird. „Nico and the Navigators“ sind anders als die anderen Theaterschaffenden, denn sie greifen den Zeitgeist ohne allgemeines Lamento auf. Ihr neues Programm, mit dem sie anlässlich der Berliner Tage Moskau besuchten, heißt „Kain, wenn und aber“ – allein der Titel jagt schon kalte Schauer über den Rücken. Der biblische Kain, jener, der seinen Bruder im Grimme erschlug, ist sofort im Geist präsent. Es stellt sich die Frage: Wer wird wohl im Stück für was verantwortlich gemacht und warum? Vor diesem Hintergrund ist darüber hinaus Furcht einflößend, dass zeitgenössisches Theater heute kaum noch ohne aufwendige Videoprojektionen, ordinäres Geschrei und obszöne Gesten auskommt. Geboten wird allerdings etwas anderes. Zwar werden auch hier die Neurosen des gegenwärtigen Homo sapiens thematisiert, doch geschieht dies mit Humor und dem Mut zum Paradoxen. Die Kernfrage von „Kain, wenn und aber“ beschäftigt sich mit dem Thema Entscheidung – ihrer Last und Lust. Zitat: „Die erste Entscheidung: zu mir selbst – mutig – allein“, so beginnt das Stück und leitet den Grundtenor ein. „Nico and the Navigators“ beleuchten die unergründlichen Wege der Entscheidung, ihre Parameter und vor allem ihre (Un-)Freiheit. Szenisch einfach werden diese existenziellen Fragen sehr minimalistisch auf die Bühne gebracht. Die Dekorationen und Requisiten sind klein aber fein, ein Großteil der Wirkung wird durch Lichteffekte erzeugt. Das Stück lebt aber besonders von den brillanten Schauspielern, die zu wahren mimischen und körperlichen Akrobaten werden. Die Meisterleistung allerdings liegt im Wortwitz begründet, der sich teilweise ins Absurde steigert. „Wer bestimmt hier eigentlich, wer bestimmt? Wir bestimmen einen Bestimmer, der uns dann alle bestimmt, und das ist bestimmt die Lösung, dann stimmt’s bestimmt.“ Ohne Übertreibung kann tatsächlich von neuem deutschen Theater gesprochen werden – von zeitgenössischem, kreativem Theater, welches den Konflikt der manisch-depressiven Gegenwart mit einem zwinkernden Auge reflektiert. Und das stimmt bestimmt!

Nina Peters / Theater der Zeit

…Nico and the Navigators gehört sicherlich zum Auffallendsten, was Deutschlands Freie Szene zu bieten hat. Warum? Das Ensemble hat in kurzer Zeit eine eigenwillige Handschrift entwickelt, die sich auch in „Kain, Wenn und Aber“ schauspielästhetisch zwischen Buster-Keaton-Slapstick, Grand Guignol, Tanz- und präzisem Bewegungstheater und dem alltäglichen Hochdruck-Realismus von Fernsehshows und deutschen Stammtischreden bewegt…

Nina Peters / Theater der Zeit

Sophiensaele: "Kain, Wenn & Aber" von Nico and the Navigators Regie Nicola Hümpel, Bühne Oliver Proske Am Anfang herrscht noch Ordnung. Blau ausgeleuchtet strahlt die Bühne in den Berliner Sophiensaelen die kühle Eleganz eines Showrooms aus. Drei bewegliche Bühnenmodule geben dem Raum eine klare Architektur: Vor einer Leinwand in Panoramaformat stehen sich zwei hohe Quader gegenüber, davor ist ein geschwungenes Element platziert, eine niedrige Bank. Am Ende siegt die Unordnung: Papier liegt auf dem Boden, als hätte jemand im Büro zum falschen Zeitpunkt das Fenster geöffnet. Der Ledersitz des Holzstuhls, der zu Beginn in einem Lichtkegel im Vordergrund stand, wurde nach oben geklappt. Und in der Bühnenperipherie liegt zusammengeknüllt ein Jackett. „Man muss das Chaos in sich täuschen“, sagt eine Figur in der jüngsten Produktion von Nico and the Navigators, „Kain, Wenn und Aber“, die um das Thema Lebensentscheidungen und die alltägliche Qual der Wahl kreist. Es geht also um nichts Geringeres als den so genannten freien Willen. Den kann man zunächst mal philosophisch denken. Und wie gelangt man trotz persönlichem Chaos zu Entscheidungen? Das liegt wohl wieder in der Psychologie des Einzelnen. Nico and the Navigators ist derzeit das erfolgreichste Ensemble der Berliner Freien Szene. Gegründet hat sich die Gruppe 1998 am Bauhaus Dessau. Entdeckt wurde sie von den Berliner Sophiensaelen, wo die jungen Darsteller mit den eher unkonventionellen Berufsbiographien um Regisseurin Nicola Hümpel bis heute als artists in residence produzieren. In diesem Jahr stehen Tourneen nach Frankreich, in die Niederlande, nach Budapest und Russland an. Nico and the Navigators gehört sicherlich zum Auffallendsten, was Deutschlands Freie Szene zu bieten hat. Warum? Das Ensemble hat in kurzer Zeit eine eigenwillige Handschrift entwickelt, die sich auch in „Kain, Wenn und Aber“ schauspielästhetisch zwischen Buster-Keaton-Slapstick, Grand Guignol, Tanz- und präzisem Bewegungstheater und dem alltäglichen Hochdruck-Realismus von Fernsehshows und deutschen Stammtischreden bewegt: „Was ist denn da los in Kolumbien? Und was ist mit der CIA? Und die Geldvernichtung? Auf welches Konto ist das Geld denn hin vernichtet worden?“, wettert Lajos Talamonti vom Plafond eines der Quader herunter. Währenddessen sitzt Peter Stock stumm und verklemmt in fahlem Licht im Holzstuhl. Denn bei den Navigators herrscht das Prinzip der Simultanbühne: Der Betrachter blickt in eine Produktions- und Improvisationswerkstatt von drei weiblichen und vier männlichen Darstellern, die nicht an einem bestehenden Stücktext, sondern an einem impressiven Bildertheater laborieren. Der große Sinn ist eh verloren gegangen. „Du musst doch eine Vision haben“, schreit Annedore Kleist ihr männliches Gegenüber an. Und der schweigt mal wieder. Und vielleicht ruht darin ja das Erfolgsrezept von Nico and the Navigators: dass vor allem die männlichen Darsteller in ihren wasserblauen Anzügen, mit dem blassen Teint und den ernsten Gesichtern eben so gar keine Entscheidungsträger verkörpern, sondern Traumtänzer sind mit schräg gestriegelten, subversiven Frisuren. Das ist das Identifikationsangebot, das Nico and the Navigators den Zuschauern machen in dieser „Akkreditier-mich-doch-mit-Gehoppel“-Welt, in dieser „Hochglanz-Boulevard-Gerammel“-Welt (so die Schauspielerin Sinta Tamsjadi): Voilà, der Sonderling! Einen Korb liebkost er, zusammengekauert, mit der Leidenschaft eines Autisten (Peter Stock). Und die Zusammenhänge der Welt erklärt er (Lajos Talamonti) mit so kantigen Sätzen wie: „An der Erde hängt der Mensch, an ihm der Himmel.“ Dann lacht er kurz und hell auf.

Simone Kaempf / Süddeutsche Zeitung

…„Bestimme ich eigentlich, was passiert, oder bestimmt meine Bestimmung“, heißt es zu Beginn des Abends,… Da gab es mal Entscheidungen, die getroffen wurden und Erinnerungen daran wecken, dass sie getroffen wurden. Die Geschichten, die sich dazwischen abgespielt haben, schweben lautlos wie Ballons über den Figuren, die sich gleich Lemuren in Zeitschleifen bewegen. Ein beklemmend schöner, so formsicherer wie sanfter Abend, der den menschlichen Erschöpfungszuständen einige glückliche Momente abtrotzt…

Simone Kaempf / Süddeutsche Zeitung

"Kain, Wenn & Aber" - Abschied von Nico and the Navigators Sie drehen ein letztes Mal den halbrund gebogenen Holzkasten um: Nur ein grau-blauer Holzkasten? Kommt drauf an, was man daraus macht. Und so ist der Kasten plötzlich eine Wippe, aus der Wippe wird eine Bar, hinter der jemand unsichtbare Cocktails schüttelt, während sich vorne einer aufstützt, wie es nur Betrunkene tun, und eine Frau mit lasziver Geste um Feuer bittet, als dürfe es auch die ganze Nacht sein. Diese Szene ist die Zugabe des neuen Abends von Nico and the Navigators und fasst in zeitloser Schönheit die sechsjährige Arbeit der Gruppe zusammen: herauszufinden, wovon die Dinge erzählen und wie sie auf die Menschen zurückschlagen, deren Sätze wiederum zu Gegenständen werden. Die Regisseurin und Künstlerin Nicola Hümpel, Bühnenbildner Oliver Proske und ihre sieben Performer entfesseln mit dieser Spielweise Welten. Mochten sich andere freie Gruppen in den vergangenen Jahren durch experimentelles Dekonstruieren auf der Bühne gegen das psychologisierende Erzählen stemmen, haben Nico and the Navigators sich um Unaufdringlichkeit gesorgt, mehr gestaltet als gespielt und Stücke entworfen, in denen Menschen knetbare Urmaterie sind. Auf der Bühne verwandelt sich einer in einen Friseur, scheitelt seinem Kunden das Haar rechts, scheitelt wieder links, bis sich das Entscheidungsproblem im Zerwühlen der Frisur auflöst. Der Titel „Kain, Wenn & Aber“ deutet an, dass es um einen modernen Katechismus individueller Selbstbehauptung im Bewusstsein alttestamentarischer Kräfte geht. „Bestimme ich eigentlich, was passiert, oder bestimmt meine Bestimmung“, heißt es zu Beginn des Abends, der als letzter in dieser Ensemble-Konstellation angekündigt ist. Nicola Hümpel, Kopf der Gruppe, will zukünftig international arbeiten, nachdem sie auf zahlreichen Festivals im in- und Ausland die Herzen erobert hat. Da konnte die Entscheidungsfindung gleich selbst ausprobiert werden. Welche Strategie wählt man? Einer schleicht konzentriert mit einem Pendel über die Bühne, ein anderer trainiert Boxschläge, Tarotkarten werden gelegt. Die Multifunktions-Holzelemente auf der grau-blau angepinselten Bühne fahren zu Podesten hoch, auf denen Brandreden gehalten werden – Appelle, die unaufdringlich mehr an den Sprecher selbst gerichtet sind als ans Publikum. Ein Papier, das genau studiert wird, entpuppt sich als Horoskop. Aber die Dinge haben ihre Risse, jede Hoffnung wird mit sanfter Ironie abgekühlt. „Scheiß Astrologie“, flucht die Frau später und leitet den zweiten Teil des Abends ein: Da gab es mal Entscheidungen, die getroffen wurden und Erinnerungen daran wecken, dass sie getroffen wurden. Die Geschichten, die sich dazwischen abgespielt haben, schweben lautlos wie Ballons über den Figuren, die sich gleich Lemuren in Zeitschleifen bewegen. Ein beklemmend schöner, so formsicherer wie sanfter Abend, der den menschlichen Erschöpfungszuständen einige glückliche Momente abtrotzt. Nico and the Navigators touren mit „Kain, Wenn & Aber“ nun durch Europa, nachdem ihr Abschiedsstück zunächst in den Berliner Sophiensaelen gezeigt wurde.

Katrin Kruse / TAZ

…Die Baskenbemützte etwa verteilt Flugblätter; agitatorisch aber stumm formt sie ihre Botschaften vom Halbrund der Bühne hinunter, während ihr Kollege unten einen Socken in seinen Mund schiebt. Zwei andere ringen sich die Kleider vom Leib. Später werden die Flugblätter zu Pässen, dann zu Tarotkarten und halten in einer vergangenen Sprache ein Versprechen bereit: „Da ist jemand aus deinem Kollegenkreis, der dir sehr zugetan ist“. Bisweilen fallen die Sätze im Vorübergehen und wenn eine Erkenntnis erlangt wird, bleibt sie ein kleines Rätsel…

Katrin Kruse / TAZ

Metamorphose als Kontinuum: In "Kain, wenn & aber" der Berliner Performergruppe "Nico and the Navigators" geraten Bewegungen, Bedeutungen und Bilder ins Fließen Am Anfang steht das Bekenntnis. Da ist der Stuhl auf der Bühne, hinter den die Darsteller einzeln treten, den Blick in die Ferne gerichtet. Der Blick spricht von der Entscheidung, die man getroffen hat. Entschlossen zieht die Erste ihre Baskenmütze über den Kopf; der mit den goldenen Schnallen am Schuh hingegen scheint seine Mission vergessen zu haben, befühlt zögerlich die Lehne. Dafür steht seine Kollegin umso großäugiger mit dem "Ja, ich will"-Blick im Orgelklang. "Die erste Entscheidung heißt, zu mir selbst - allein", wird sie später sagen, als die anderen Ensemblemitglieder von "Nico and the Navigators" sich auf der Bühne verteilt haben und dort ihre Parallelwelten entfalten. "Kain, wenn & aber", die neue Produktion der Berliner Performergruppe, ist die Metamorphose als Kontinuum. Kein Erzählen einer Geschichte, sondern eine Abfolge von Szenarien, weniger Handlungsstrang als Stimmungen, mal ineinander gleitend, mal scharf durchtrennt. Zusammenhalt geben die Motive; Sätze, die wieder auftauchen und, von einem anderen gesprochen, ihre Bedeutung verändern, oder Bewegungen. Die Baskenbemützte etwa verteilt Flugblätter; agitatorisch aber stumm formt sie ihre Botschaften vom Halbrund der Bühne hinunter, während ihr Kollege unten einen Socken in seinen Mund schiebt. Zwei andere ringen sich die Kleider vom Leib. Später werden die Flugblätter zu Pässen, dann zu Tarotkarten und halten in einer vergangenen Sprache ein Versprechen bereit: "Da ist jemand aus deinem Kollegenkreis, der dir sehr zugetan ist". Bisweilen fallen die Sätze im Vorübergehen und wenn eine Erkenntnis erlangt wird, bleibt sie ein kleines Rätsel. Ah, mag man sich denken, Bedeutung in der Schwebe: Vom Sowohl zum Auch einen Spannungsbogen ziehen und dann das weite Feld schillern lassen. Hat man von Ambivalenz, dieser populärsten aller Schonhaltungen, nicht langsam genug? Wie heißt es doch im Stück: "Rien ne va plus, und zwar jetzt." Dabei geht es der Regisseurin Nicola Hümpel nicht um die Unentschiedenheit, als die Ambivalenz meist verstanden wird. Die sei ein "Ärgernis der Zeit". Was sie sehr wohl interessiert, ist das "dualistische Prinzip": die Gleichzeitigkeit von Schmerz und Glück etwa. Der Moment sei immer entschieden, sagt Hümpel. In diesem Moment beginnt die Geschichte, allerdings im Kopf des Betrachters. Das Bühnenbild, dieses graublaue teilbare Halbrund - grau als die Farbe, die alles in der Schwebe lässt - ist der offene, unentschiedene Raum. Ist er Mauer, Hain oder Stube? Jeder mag in ihm etwas anderes sehen, und ohnehin konkretisiert er sich immer wieder neu, wird Revoluzzerkeller, Marktplatz oder Raumstation. Hümpel treibt den Moment weiter, dann kommt der Schnitt. Wie in der bildenden Kunst, von der sie kommt: die Linie, die nicht im Ornament erstickt. Das bildnerische Verfahren auf das Theater übertragen heißt, "eine gestochene Frage sichtbar zu stellen". Der erfolgreiche Betrachter also navigiert im Stück wie in einem anderem Medium. Damit folgt er dem Verfahren der Navigators selbst: Prinzipien eines Mediums in ein anderes zu überführen. Das führt zur Frage, wie das, was dabei herauskommt, eigentlich zu bezeichnen ist: "Designtheater" klingt ebenso despektierlich wie "Figurentheater" und führt dazu auf falsche Pfade: als ginge es um die hübsche Oberfläche. Wie ihre Arbeit zu bezeichnen ist, weiß Hümpel selbst nicht. Dafür umso genauer, was es mit ihr zu erreichen gilt: den Betrachter in die Nachdenklichkeit zurückzuführen."

Katja Oskamp / Berliner Zeitung

…Der Abend ist ein Ergebnis von Improvisation. Er lebt von streng geführter siebenfacher Fantasie, von Wortarmut und Körpervielfalt. Die Szenen – feinfühlig mit diversen Musiken unterlegt – flammen auf und ebben ab, von Regisseurin Nicola Hümpel mit sicherer Hand sortiert und arrangiert. So konkret wie nötig, so offen wie möglich sind die Geschichten eine charmante, fast zurückhaltende Einladung zum Hineindenken und Mitfühlen… Was entsteht, ist eine melancholische Komik, samt notwendigem Lachen…

Katja Oskamp / Berliner Zeitung

Nico & the Navigators zeigen Neues in den Sophiensaelen Schritte, eine Frau, ein Stuhl. Sie stellt sich dahinter, blickt uns unverwandt an. Die Hände legt sie auf der Rückenlehne des Stuhls ab. Es ist, als zeige sie sich die Frau selbst vor. Sie dreht sich um, verschwindet im Dunkel, erscheint auf halber Höhe neu, mit dem Rücken zu uns. Ihre Aussicht ist ein Rundhorizont, fest, unüberwindbar. Die Farben jedoch, die sich im Verlauf des Abends darauf spiegeln werden, lassen die Menschen davor stets in anderem Licht erscheinen. Siebenfach vollzieht sich dieser Auftritt, immer ähnlich, nie identisch, dann sind die drei Frauen und vier Männer von "Nico and the Navigators" vollzählig angetreten zur Versuchsanordnung "Kain, Wenn und Aber". Das Thema heißt: Entscheidungen. Sieben Stück haben wir zu diesem Zeitpunkt schon gesehen. Eine Frau klemmt einen Mann an sich fest. Der wehrt sich, macht sich von ihr los, kann sich nicht halten und fällt mit Wucht auf eine andere, die zufällig in der Gegend herumliegt. Nun klebt er an der nächsten. Einer frisiert einen anderen und verzweifelt, kann er doch nicht herausfinden, auf welche Seite der Scheitel gehört. "Hab doch mal ne Vision!", brüllt eine, tritt ihrem bleich-erstarrten Nachbarn in den Hintern und fällt in Ohnmacht. Zwei basteln sich Papierschiffchen, nehmen sie zwischen die Lippen wie Entenschnäbel und küssen sich. "Meine Zwickmühle steht auf der Kippe", sagt jemand folgenlos ins Leere. Ein jeder läuft nach Lageskizze, nach Stadtplan, die Nase übers Papier gehängt, als handle es sich um eine Gebrauchsanleitung für sich selbst. Man kann zwar in mehrere Richtungen gleichzeitig gehen, doch endet jede noch so emsig angestrengte Grätsche spätestens im Spagat. Nach dem Besuch der Aufführung möchte man den Lebenslauf in Scheideweg umbenennen. Der Abend ist ein Ergebnis von Improvisation. Er lebt von streng geführter siebenfacher Fantasie, von Wortarmut und Körpervielfalt. Die Szenen - feinfühlig mit diversen Musiken unterlegt - flammen auf und ebben ab, von Regisseurin Nicola Hümpel mit sicherer Hand sortiert und arrangiert. So konkret wie nötig, so offen wie möglich sind die Geschichten eine charmante, fast zurückhaltende Einladung zum Hineindenken und Mitfühlen. Es geschieht stets mehr, als man zu sehen schafft, doch nie so viel, dass man den Anschluss verliert. Stellt man die Wahrnehmung auf Totale, so entblättert sich vor Oliver Proskes Kulisse zwischen Silo-Innenansicht und Zirkusmanege eine anmutige Welt. In kühl-hellen, korrekten Kostümen arbeiten sich die Spieler in die Nähe von Clowns: Fernab von Ironie verfolgen sie mit Ernst und mit Mut ihre Ziele. Was entsteht, ist eine melancholische Komik, samt notwendigem Lachen. Gegen Ende sitzen sie friedlich im Zirkusrund, sprechen sich mit dem Vornamen an und stellen einander Fragen: Hast du alle Kräfte in dir ausgeschöpft? Glaubst Du, dass dir noch viele Türen offen stehen? Hast du alle deine Chancen genutzt? Die Antworten lassen auf sich warten. Zwischen Saal und Bühne ist hundertfach gefülltes Schweigen zu hören. Die Antworten kommen. Sie sind kurz. Und es gibt nur zwei: Ja oder Nein. Sie klingen trotzdem wie Romane.

Peter-Hans Göpfert / Kulturradio

…„Kain, Wenn & Aber“ ist ein witziges Wortspiel, aber der biblische Kain kommt hier nicht mit einem mutierten und einem dritten Bruder daher… Die uralte Frage, inwieweit der Mensch frei sei, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, oder ob nicht vielmehr dieses ihn fest in der Faust halte, diese Frage steht den ganzen Abend in den vielen aus Improvisationen hervorgegangenen Szenen im Raum…

Peter-Hans Göpfert / Kulturradio

Das Premierendatum war vorzüglich gewählt: der Nikolausabend für Nico and the Navigators. Und tatsächlich kommt auch ein Socken im Stück der Theatergruppe vor, die längst Kult ist und nun aber ankündigt, dies sei vorerst die letzte in einer Reihe von Ensembleproduktionen, bevor man sich „zu neuen künstlerischen Ufern“ aufmachen wird. Eine Premiere also mit einer Träne im Auge. Besagte Socke wird hier natürlich nicht mit Süßigkeiten gefüllt, sondern einer der Darsteller stopft sie sich in den Mund. Wenn das Ensemble um Nicola Hümpel, das sich vor erst fünf Jahren am Bauhaus Dessau gegründet hat, jetzt eine Zäsur setzt, scheint das auf den ersten Blick konsequent, denn zuletzt meinte man, Ermüdungserscheinungen wahrzunehmen, die Inszenierungen zeigten leerstellen. Und nun kommt diese neue Produktion, und sie ist die schönste, die feinste seit langem. Von dem Titel darf man sich natürlich nicht ins Boxhorn jagen lassen. „Kain, Wenn & Aber“ ist ein witziges Wortspiel, aber der biblische Kain kommt hier nicht mit einem mutierten und einem dritten Bruder daher. Am Anfang steht der Satz „Die erste Entscheidung heißt: zu mir selbst“, und wenig später wird in einem Ketten-Wortspiel der Begriff „Bestimmung“ durchgeknetet: „wer bestimmt hier eigentlich, wer bestimmt?“ Die uralte Frage, inwieweit der Mensch frei sei, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, oder ob nicht vielmehr dieses ihn fest in der Faust halte, diese Frage steht den ganzen Abend in den vielen aus Improvisationen hervorgegangenen Szenen im Raum. Aber wie das bei dieser Gruppe so ist, sie macht gar nicht so viele Worte, sie wird niemals belehrend, analysierend, geschweige philosophisch oder religiös grundsätzlich. Allein schon, wie die sieben Spieler, drei Frauen, vier Männer (übrigens alle mit etwas schräg angegelten Frisuren), - wie sie einzeln vor das Publikum hintreten und mit ihm ein stummes Mienenspiel treiben, ist überaus reizvoll. Da sind tatsächlich Szenen, in denen Spurenelemente elterlicher oder gesellschaftlicher Erziehung auszumachen sind, Versuche, den Einzelnen auf eine bestimmte Lebensrichtung festzulegen. Da gibt es Selbstaussagen („Hast Du schon mal jemanden enttäuscht“ lautet die Frage, und die kurze Antwort einfach „ja“), oder verrückte astrologische Banalverheißungen. Und eine Szene, in der das Individuum alles abgeben soll, den Mantel, die Kreditkarte, den Körperschmuck. Und da ist die Ratlosigkeit angesichts globalisierter Hühner und vor dem Auf und Ab des Dax an der Börse. Die Bestimmung dieser Szenencollage selbst gehorcht allerdings ganz dem Gesetz eines schwerelosen Surrealismus. Diesmal wird kein Staubsauger Gassi geführt, kein Hühnerei erlebt auf dem Luftkissen eines Haushaltsgerätes Höhenflüge. Alle Sens und Nonsens ist diesmal lockerer, leichter geworden. Gespielt wird wieder mit rätselhafter Verlangsamung. Mal abgesehen von Momenten wie jenem, wo ein Mann einem anderen die Haartolle buchstäblich mit Händen und Füßen traktiert, wie es kein Friseur in Berlin, Ancona oder Moskau fertig brächte, wo längst natürlich Gastspiele gebucht sind. Da steht ein Satz zum Merken im formschönen Raum, dessen Kastenwände sich verschieben: „Die Fähigkeit, intellektuelle Zusammenhänge zu begreifen, nimmt jetzt drastisch zu“. Wir merken schon, wir sollen immer mal wieder auf den Leim navigiert werden. Dies aber so empfindsam wie crazy, so verrückt wie liebevoll. Und die Akteure figurieren dabei wie in einem ständig in Veränderung befindlichen absurden Tableau. Das ist die schönste Bestimmung des Theaters, nach dem Sinn fragen zu dürfen, aber um die Antwort so amüsant, so hintergründig, so verspielt, so entzückend albern betrogen zu werden wie hier.

Tom Mustroph / Neues Deutschland

…Als Angehörige der Generation der Mittzwanziger bis Mittdreißiger – und stellvertretend für diese – stellt sich das Ensemble der Frage nach dem Sinn des Lebens, ihres Lebens… Doch die Ernsthaftigkeit der Selbstbefragung nimmt ein. Sie ist wunderbar ausbalanciert mit dem ironisch-leichtfertigen Zugriff, der dieser Generation immer zugeschrieben wird und der auch zum Kennzeichen der Ästhetik von Nicola Hümpel und ihren Navigatoren wurde…

Tom Mustroph / Neues Deutschland

Als beste Berliner Off-Theatertruppe wird »Nico & the Navigators« gehandelt, mit ihrem neuen Stück »Kain, Wenn & Aber« in den Sophiensälen werden die Künstler diesem Prädikat vielleicht nicht ganz gerecht, ihre Klasse in puncto Leichtigkeit und Skurrilität bestätigen sie aber erfreulich. Ihrem Namen im wörtlichen Sinne alle Ehre machend, haben die Navigatoren sich in die unendlichen Weiten des Weltraums geschossen. An Bord einer Raumstation entwerfen sie ein Lebensexperiment, das wie eine Kreuzung aus »Raumpatrouille Orion« und Seelenerkundungen wirkt. Sehr langsam, fast sakral anmutend, nimmt die Besatzung zunächst die Plätze ein. Die sieben Performer scheinen noch in der Kälteschlafphase zu sein. In die bizarr erstarrten Körper fährt langsam Wärme. Sie gestalten nun Miniszenen, in denen sie das weit entfernte irdische Leben nachahmen. Die Kausalität des Lebens wird konstatiert, über Verantwortung und Verantwortlichkeit nachgedacht, gar ein Wille zum Handeln eingefordert. Dann wieder verlagert sich das Geschehen auf die Ebene der Selbstbefragungen. Als Angehörige der Generation der Mittzwanziger bis Mittdreißiger – und stellvertretend für diese – stellt sich das Ensemble der Frage nach dem Sinn des Lebens, ihres Lebens. Prägnantes – in Form von Handlungsanleitungen etwa – kommt dabei nicht raus. Soll nicht, darf nicht heraus kommen. Theater ist schließlich keine Ratgebersendung. Doch die Ernsthaftigkeit der Selbstbefragung nimmt ein. Sie ist wunderbar ausbalanciert mit dem ironisch-leichtfertigen Zugriff, der dieser Generation immer zugeschrieben wird und der auch zum Kennzeichen der Ästhetik von Nicola Hümpel und ihren Navigatoren wurde.

Christine Wahl / tip

…So formvollendet sieht Entscheidungsschwäche selten aus: Nico and the Navigators, die in ihrer neuen Produktion „Kain, Wenn & Aber“ das Dilemma der Entschlussfindung in verschiedenen Lebenslagen – und in gewohnt loser Szenenfolge – behandeln, sitzen ihre Entscheidungen im geschmackssicher designten grauen Bühnenhalbrund (Oliver Proske) aus…

Christine Wahl / tip

Nico and the Navigators in den Sophiensaelen So formvollendet sieht Entscheidungsschwäche selten aus: Nico and the Navigators, die in ihrer neuen Produktion „Kain, Wenn & Aber“ das Dilemma der Entschlussfindung in verschiedenen Lebenslagen - und in gewohnt loser Szenenfolge – behandeln, sitzen ihre Entscheidungen im geschmackssicher designten grauen Bühnenhalbrund (Oliver Proske) aus. Über die Pflicht zum Beschluss und die Neigung zum Fatalismus wird in farblich exakt abgestimmten Kostümen räsoniert. Einer tagesaktuellen Horoskopverlesung folgt eine auf höchstem Niveau verhinderte Tanzeinlage. Und selbst wenn ein Mann auf sämtliche Welterklärungsversuche von der Psychologie bis zur Astrologie schimpft oder eine Frau leidenschaftlich auf einen Kollegen eintritt, der mit einer so ausgereiften Entscheidungsunlust gesegnet ist, dass ihn bereits ein Ja zur Selbstverteidigung überfordert, sind alle Abläufe formbewusst arrangiert. Für ihr wunderbar leichthändig stilisiertes Theater ist die 1998 am Bauhaus Dessau gegründete Truppe um Nicola Hümpel schließlich bekannt. Und damit hat sie – zu Recht – Erfolg – handelt es sich doch um einen der raren Fälle, in denen die Formel von der eigenen Theatersprache ungeachtet aller Moden wirklich zutrifft. Allerdings scheint nach fünf Jahren die Improvisationslust mit den perfekt aufeinander eingespielten Navigatoren bisweilen durchzugehen: Zwischen sehr präzisen, zielsicheren Entscheidungen und Unentschiedenheiten ist die eine oder andere großzügig von Thema und Zuschauer sich emanzipierende Passage zu überbrücken. Das ist bei einer mit so feinem Nerv fürs Absurde begabten Darstellerriege zwar nicht uncharmant anzusehen, zeitigt aber trotzdem leichte Ermattungserscheinungen. Insofern ist es eine gute Entscheidung, dass die Navigators zu neuen inspirativen Ufern aufbrechen: „Kain, Wenn & Aber ist die vorerst letzte Produktion in dieser Besetzung. Als nächstes realisiert Nico ein internationales Projekt.

Peter Laudenbach / Der Tagesspiegel

…Ein Herr im Anzug drückt sich mit gesenktem Kopf an einer Wand entlang, ein anderer stößt Flüche aus („Scheiß Psychologie! Scheiß Philosophie!“), während er immer wieder von einer Bank herunterstürzt: ein menschliches Perpetuum Mobile der ausweglosen Erregung. Die Navigators, die charmanteste Gruppe der Freien Szene Berlins, führen in knapp zwei Stunden etwa hundert solcher Minidramen vor, meist wortlos und so lakonisch wie komisch…

Peter Laudenbach / Der Tagesspiegel

Sie können sich nicht entscheiden, nicht füreinander und nicht dafür, was sie mit dem Rest ihres Lebens machen wollen. Die einsamen Großstädter , die in „Kain, Wenn & Aber“, der neuen Produktion von Nico & the Navigators in den Berliner Sophiensaelen die Bühne bevölkern, wirken wie Zufallsbesucher im eigenen Leben, späte, etwas ironische Verwandte der Eiligen und Melancholischen aus Handkes „Stunde, da wir nichts voneinander wussten“. Sehr verloren wirken sie auf der von Wänden im Halbrund begrenzten Bühne: Unentschlossene und Unbehauste, die, auch wenn sie sich manchmal für Momente übereinander wälzen oder kokett umkreisen, sich anschmachten oder energisch in den Hintern treten („Hab’ doch mal eine Vision!“), leicht autistisch wirken. Ein Herr im Anzug drückt sich mit gesenktem Kopf an einer Wand entlang, ein anderer stößt Flüche aus („Scheiß Psychologie! Scheiß Philosophie!“), während er immer wieder von einer Bank herunterstürzt: ein menschliches Perpetuum Mobile der ausweglosen Erregung. Die Navigators, die charmanteste Gruppe der Freien Szene Berlins, führen in knapp zwei Stunden etwa hundert solcher Minidramen vor, meist wortlos und so lakonisch wie komisch. Das Ich und die Welt – beides scheint diesen Existenzclowns abhanden zu kommen. „Das bin ja ich, das ist alles einfach so da, da kann ich nichts dafür tun und nichts dagegen.“ Nicola Hümpel, Regisseurin der Navigators, hat einen Abend inszeniert, der schön und etwas ziellos durch die Ratlosigkeiten tänzelt.

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