Orlando

In ihrer ersten Operninszenierung bringt Nicola Hümpel eines der Meisterwerke G. F. Händels wirkungsvoll auf die Bühne: die Zauberoper rund um den Liebeswahn Orlandos. Welcher Mann würde heute noch wahnsinnig, weil ihn die Angebetete nicht erhört? Als Männer noch Ritter und Helden waren, schien dies noch sehr wohl möglich. 

Orlando

 

Mit der Oper Orlando ist die „musikalisch herrlichste aller Händel-Opern“ überhaupt (Winton Dean) in einer Neuproduktion zu erleben. Die Zauberoper, deren textliche Grundlage das Epos Orlando furioso von Ludovico Ariost bildet, ist ein Meisterwerk des Hallenser Komponisten und bringt Orlandos Liebeswahn wirkungsvoll auf die Bühne… Welcher Mann würde heute noch wahnsinnig, weil ihn die Angebetete nicht erhört? Das scheint, als Männer noch Ritter und Helden waren, sehr wohl möglich gewesen zu sein. 

 

Bei dieser Inszenierung des Orlando trifft ein in der Freien Szene arbeitendes künstlerisches Team, zu dem auch die Darsteller Miyoko Urayama und Patric Schott gehören, auf Sänger eines »klassischen« Opernhaus-Ensembles. Durch einen belebenden Austausch der verschiedenen Arbeits- und Denkweisen ist das Aufregende und Spannende dieser Produktion Wagnis und Chance zugleich. Gemeinsam werden, ausgehend von einer werktreuen Behandlung des Inhalts der Oper, die Seelenlagen der Bühnencharaktere in engem Zusammenspiel mit den individuellen Erfahrungen der Darsteller ausgelotet. Dabei stehen das Experimentieren und Verwerfen von Ideen zu Beginn der Probenphase im Zentrum der Arbeit. Neben der Improvisation spielt auch der Körper eine bedeutende Rolle. Bewegung und Mimik werden aus der Musik und dem Gesang entwickelt und schließlich bis ins kleinste Detail untersucht. 

 

Authentizität und Widersprüche zwischen Sprache und Handeln sind zwei entscheidende Säulen der Theaterarbeit von »Nico and the Navigators«, für die sie in ihren eigenen Produktionen noch sehr viel mehr Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen, als es in einem Opernhaus mit Repertoirebetrieb möglich ist. Nicola Hümpel verweigert sich eindeutiger Antworten auf einen Stoff und fordert so den Rezipienten mit auf, den Blick zu schärfen und existenzielle Fragen zu stellen. Die Denk-Landschaften und Menschen-Bilder sind in eine klare, funktionale und dennoch wirkungsvolle Ästhetik eingebettet. Das Wissen um neuartige und formschöne geometrische Gegenstände, die als sinnlich anmutende Bühnen- und Spielelemente dienen, zeugen von der Experimentierlust mit dem Material. 

 

Eine Produktion von der Oper Halle und den Händel-Festspielen Halle, in Kooperation mit NICO AND THE NAVIGATORS.

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Termine

Pressestimmen

Andreas Hillger / Mitteldeutsche Zeitung

…Es ist ein großer Sprung, den die Oper Halle mit dieser Produktion gewagt hat – eine Lesart, die Händel von den mutwilligen Zurichtungen des Regietheaters befreit und zu einer neuen, zeitlos gültigen Ästhetik öffnet. Diese Feinmechanik des Opern-Glücks fand zur Premiere eine begeisterte Mehrheit…

Andreas Hillger / Mitteldeutsche Zeitung

HALLE/MZ. Diese Götter sind wie Kinder: Noch bevor sich Orlando und Angelica, Dorinda und Medoro ver- und entlieben, bevor sich der kleine Prinz aus der Zerreißprobe zwischen Liebe und Macht in den Wahn flüchtet, kämpfen Amor und Mars einen Stellvertreter-Krieg. Aus anfänglicher Liebkosung wird schnell ein Überbietungs-Duell mit Martern aller Arten, wie man es nur im Stande der Unsterblichkeit führen kann - und erst, als Engelchen und Teufelchen begriffen haben, dass sich dieses Patt bis in alle Ewigkeit verlängern ließe, wenden sie sich lohnenderen, menschlichen Kombattanten zu. Doch es ist keine bloße Affekthascherei, die Miyoko Urayama und Patric Schott da betreiben - sondern die sinnstiftende Klammer in der "Orlando"-Inszenierung von Nicola Hümpel. Zwei ihrer langjährigen Mitstreiter hat die Berliner Regisseurin für ihr Stadttheater-Debüt verpflichtet, das als Opern-Produktion zu den Händel-Festspielen unter besonderer Beobachtung stand. Und nie war der Name ihrer freien, international gefeierten Gruppe stimmiger als hier: Die stummen "Navigatoren" halten die Geschichte auf Kurs, sie lesen den Kompass und manövrieren die Mannschaft durch Flaute und Sturm. Dass sie damit zugleich die Barock-Recherche fortschreiben, die im vergangenen Jahr mit "Anaesthesia" in Halle begann, erkennt man auch an den Accessoires in Oliver Proskes grandiosem Bühnenbild: Mit Hirtenstäben und Wollknäueln, mit Fellen und Federblumen wird ein abstraktes Arkadien beschworen, in dem ein Fächer kleine Papierschmetterlinge zum Fliegen bringt und Kissen wie weiße Blumen blühen. Schatten des Windspiels In dieser Landschaft, in der ein Windspiel tanzende Schatten wirft und eine Grotte wie von Zauberhand aus dem Boden wächst, entwickelt die Regisseurin ihre Figuren mit einer zarten Zeichensprache, die auch ohne aphoristische Kommentare und assoziative Videoprojektionen verständlich bliebe. Da wird ein Strumpf zum roten Faden abgewickelt, der gleich darauf einen anderen Akteur an seiner Krawatte auf die Szene zieht. Da genügen Absatzschuhe, um der barfüßigen Schäferin ihre Bodenhaftung zu nehmen. Und da verwandeln sich Frauke Ritters Kostüme in Lauben und Kränze ... Wie Nadelstiche setzt die Inszenierung zudem musikalische Interventionen, die stets vom Respekt für das Werk getragen sind: hier eine minimale Verzögerung, dort der per Flaschenhals zum Wind verstärkte Atem des schlafenden Helden. Die Deutungshoheit aber liegt unüberhörbar im Graben, wo Bernhard Forck ein beeindruckendes Opern-Debüt als Dirigent des Händel-Festspielorchesters feiert. So verständnisinnig und begeisterungsfähig, so mitleidend und entflammbar rechtfertigen die halleschen Staatskapellenmusiker unbedingt den Rang, den man ihnen als heimischem Ensemble bei den Barock-Festspielen zuweist. Das gilt auch und vor allem für die Sängerbesetzung: Owen Willetts ist nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch ein Orlando, der die blindwütige Raserei wie die ohnmächtige Klage glaubhaft macht. Dmitry Egorovs Medoro hingegen ist ein vokal wie emotional strenger, enger geführter Gegenentwurf zu diesem Radikalen, der buchstäblich am Glockenseil zwischen den Extremen pendelt. Beiden hoch gestimmten Männern sind ebenbürtige Frauen zugewiesen - eine schöne und eine schön gemachte. Während Sophie Klußmann die reine, tief verletzte Unschuld ihrer Dorinda auch in der Kehle trägt, stellt Marie Friederike Schöder den Manierismus und die Posen der erfolgsverwöhnten Angelica auch in der akrobatischen Behandlung ihrer Gesangspartie zur Schau - ironische Selbstentblößung inklusive. Christoph Stegemann schließlich ist ein Zauberer, der mit abgezirkelten Gesten eine Macht behauptet, die ihm nur noch stimmlich gegeben ist. Sprung in die Zeitlosigkeit Es ist ein großer Sprung, den die Oper Halle mit dieser Produktion gewagt hat - eine Lesart, die Händel von den mutwilligen Zurichtungen des Regietheaters befreit und zu einer neuen, zeitlos gültigen Ästhetik öffnet. Diese Feinmechanik des Opern-Glücks spaltet die Meinungen - aber fand zur Premiere eine begeisterte Mehrheit.

Wolfgang Hirsch / Thüringische Landeszeitung

…Ein Wagnis? – Ein Glücksgriff! Denn Nico kann und will sich mit barocken Exaltationen gar nicht identifizieren. Sie wählt eine kühle, ironische Distanz und lässt die Figuren wie mechanische Gliederpuppen an den Fäden ihrer ver- wie entrückten Affekte zappeln… So delektierte sich das Publikum prächtig an einem musikalisch wie szenisch hochartifiziellen, herzhaft humorigen Spiel. Für diesen „Orlando furioso“ spendete es keinen gewöhnlichen Schlussapplaus. Es raste…

Wolfgang Hirsch / Thüringische Landeszeitung

Mit einer fulminanten Premiere von "Orlando" in der Inszenierung von Nicola Hümpel haben am Freitag die Händelfestspiele in Halle begonnen. Halle/Saale. Welch kurioser Held! In unscheinbar grauem Anzug tritt da ein schmalbrüstiger Bube auf die Bühne, auf dem Kopf eine alberne Kosakenmütze und in der Hand ein leerer Reisekoffer. Aus seinen Gesichtszügen spricht Einfalt. D'accord, er hat sich verliebt - aber auf welchem Niveau? Nicht nur sein Mentor, der weise Zauberer Zoroastro, gibt sich damit nicht einverstanden: Das soll Roland, der Recke, sein? Der Edelste unter den Rittern Karls des Großen? Aber Händel, der gerissene Musikmagier und Opernstratege, hat diese Orlando-Figur in der Tat derart schräg angelegt, und die gleichnamige Oper, 1733 auf einem Höhepunkt des Erfolgs in London als Komödie konstruiert, als die Travestie eines Heroen, der, von Liebe verblendet, sich ob seines unmäßigen Wesens in Eifersucht, schließlich in Wahn, ja Raserei hineinsteigert. Der berühmte Farinelli, Händels Vorzugs-Kastrat, war not amused. Das Hallenser Festspielpublikum dafür umso mehr. Der neue Intendant Clemens Birnbaum hat die Verantwortung für die Auftaktpremiere in die Hände Nicola Hümpels gelegt, einer Kultregisseurin der freien Szene, die mit "Nico and the Navigators" schon Berlin aufgemischt hat. Ein Wagnis? - Ein Glücksgriff! Denn Nico kann und will sich mit barocken Exaltationen gar nicht identifizieren. Sie wählt eine kühle, ironische Distanz und lässt die Figuren wie mechanische Gliederpuppen an den Fäden ihrer ver- wie entrückten Affekte zappeln. Dazu genügen ein kärgliches Bühnenarrangement (Oliver Proske) vor blaugrauem Rundhorizont und schlichte Kostüme (Frauke Ritter). Videosequenzen (Tom Hanke) tragen illustrativen wie kommentierenden Charakter. Mimik und Gestik der Akteure entsprechen ihrem schematisierten Gefühlsrepertoire. Einen Coup de maîtrise landet Hümpel allerdings, indem sie zwei ihrer Navigators, Miyoko Urayama und Patric Schott, einfügt: Sie steuern und unterminieren das Spiel mit klugem Klamauk; der Reigen der amourösen Entzündung wird vorgeführt wie eine Moritat. So wird, wer auch immer in Ekstase entflammt, als Depp hingestellt. Zum Beispiel Medoro, der Rivale Orlandos um die Gunst der holden Angelica, oder die naive Schäferin Dorinda. Sobald sie in den höchsten Tönen ihre sehrenden Sehnsüchte beichtet, ribbeln die frechen Pantomimen ihr die knallroten Strickstrümpfe auf. Indessen besorgt Medoro, in ähnlicher Lage, es sich selber, d. h. seiner grotesken Häkelkrawatte - eine Entblößung, im Wortsinn, als Lohn der Entblödung. Als Dorinda Medoro anhimmelt, regnet es Wattebäusche. Und als die pastorale Liebeselevin am Schluss als einzige unbeglückt dasteht, ist sie zu recht die Begossene. Keine überkandidelte Duselei bleibt ungestraft, ungebrochen. Duell der Stimmen auf höchstem Niveau Auch wenn damals eine dermaßene, bis ins Absurdistisch-Boshafte neigende Abgründigkeit nicht vorstellbar war, so ist das doch, auf heutige Weise, ganz aus dem Geiste Händels interpretiert. Das adlige Publikum sollte sich ja nicht unbedingt mit diesen heroischen Komödianten wider Willen identifizieren, sondern sich höchstens an ihrem Gesang weiden. Und was die Hallenser Solisten in musikalischen Belangen zu bieten hatten, war à la bonheur. Selten hat man bei ähnlicher Gelegenheit ein derart vorzügliches, ausgeglichenes Ensemble erlebt. Lokalmatador Christoph Stegemann bestach als Zoroastro mit stabilem, klar konturiertem Bass. Marie Friederike Schöder hatte nur zuweilen, da aus dem Mozartfach, mit Angelicas luftigen Koloraturen ein wenig Not, indessen Sophie Klußmann die Verheißung unschuldig arkadischer Anmut erfüllte. Alle drei gehören der Hallenser Oper an. Das Duell zwischen Owen Willetts, Orlando, und Dmitry Egorov, Medoro, zwei wunderbar fruchtigen Altisten mit divergierender Färbung, endete mit einem Remis auf höchstem Niveau. Kapellmeister Bernhard Forck leitete das Festspielorchester, das enorm spielfreudig und bewährt kompetent auf authentischen Instrumenten musizierte, stets souverän, mit professionellem Gespür für delikate Akzente wie dramatische Stringenz. Das Resultat war ein herrlich straffer, röscher Händel-Sound. So delektierte sich das Publikum prächtig an einem musikalisch wie szenisch hochartifiziellen, herzhaft humorigen Spiel. Für diesen "Orlando furioso" spendete es keinen gewöhnlichen Schlussapplaus. Es raste.

Jörg Königsdorf / Tagesspiegel

…an Halles Opernhaus kümmert sich die Berliner Theater-Macherin Nicola Hümpel keinen Deut um das Woher und Wohin ihrer Figuren und versucht gar nicht erst, glaubwürdige Konstellationen für das allzu Unwahrscheinliche zu finden. Ein poetischer Reigen, der seine Bilder aus der musikalischen Wirkung des Augenblicks schöpft…

Jörg Königsdorf / Tagesspiegel

Federleicht: Nico and the Navigators spielen „Orlando“ bei den Händel-Festspielen in Halle Die Sache mit dem Liebeswahnsinn ist ein echtes Problem. Dass einer durchdreht, weil die Frau, die er liebt, mit einem anderen durchbrennt, kann man ja noch verstehen. Aber spätestens wenn eine Handvoll Opernminuten später die ganze Raserei quasi durch ein Fingerschnipsen wieder abgestellt wird und der eben noch Tobsüchtige plötzlich kreuzbrav die realen Beziehungskonstellationen abnickt, dürfte jedem klar sein, dass der Handlung von Georg Friedrich Händels „Orlando“ mit den Erklärwerkzeugen des psychologischen Realismus kaum beizukommen ist. Denn das 1733 uraufgeführte Stück ist zwar eine der populärsten Händel-Opern, aber eben auch eine der schwierigsten. Erst vor ein paar Monaten war an der Komischen Oper der Versuch des Norwegers Alexander Mörk-Eidem, die krude Stalker-Story um den liebestollen Berserker für bare Münze zu nehmen, gründlich schiefgegangen. Und man darf wohl annehmen, dass sich Nicola Hümpel angesichts dieses Flops bestätigt fühlte, ihre eigene Inszenierung des heiklen Werks vom genau entgegengesetzten Ende her anzugehen. An Halles Opernhaus kümmert sich die Berliner Off-Theater-Macherin keinen Deut um das Woher und Wohin ihrer Figuren und versucht gar nicht erst, glaubwürdige Konstellationen für das allzu Unwahrscheinliche zu finden. Ein poetischer Reigen, der seine Bilder aus der musikalischen Wirkung des Augenblicks schöpft, will ihr „Orlando“ sein. Und weil Hümpels entspannt abstrahierender Ansatz tatsächlich über ganze drei Stunden trägt, könnte es den Hallenser Händel-Festspielen mit dieser Produktion tatsächlich einmal gelingen, frischen Wind in die Barockopernszene zu bringen. Eine Überraschung ist dieser Erfolg allerdings nicht. Denn erstens haben sich Hümpel und ihre Performertruppe Nico and the Navigators in den letzten Jahren langsam an die Oper herangetastet – mit einem Schubert-Projekt und zuletzt mit dem ebenfalls für Halle entstandenen (auch im Berliner Radialsystem gezeigten) Händel-Potpourri „Anaesthesia“. Wirkte dieser erste Händel-Bilderbogen freilich streckenweise noch etwas kunstgewerblich, schafft die Anbindung an das Gerüst einer Opernhandlung eine bessere Balance zu der frei assoziierenden Fantasie, mit der Hümpel Händels Arien illustriert. Im pastellfarbenen Bühnenhalbrund (Oliver Proske) gesellt sie den fünf Sängern zwei ihrer Navigators hinzu, die auf die Musik so reagieren, wie es Kinder tun würden: Mal drehen sich Miyoko Urayama und Patric Schott mit ausgebreiteten Armen windmühlenartig im Kreis, mal vollführen sie zu martialischen Tönen eine Art Luftsäbelkaraoke, dann wieder machen sie alberne Faxen mit den Hirtenstäben und Schaffellen, die die Drehbühne gerade herbeigetragen hat. Dem Stück verleiht diese Verlagerung ins Poetische eine verblüffende Leichtigkeit und macht die Figuren quasi durch die Hintertür sogar glaubwürdig. Weil hier alle wie Kinder agieren, und Angelica eben jetzt lieber mit Medoro spielt als mit Orlando, erübrigt sich auch die Frage nach psychologischer Stringenz. Selbst Orlandos Liebeswahn ist hier die Trotzreaktion eines enttäuschten Jungen – impulsiv und grenzenlos, aber eben auch schnell wieder verraucht. Erstaunlich auch, wie klar die Geschichte bleibt, obwohl die fünf Sänger eigentlich nur durch ihre schräg-märchenhaften Kostüme charakterisiert werden: Angelica mit ihrem silbernen Weltraumprinzessinnen-Kleid, der hasenfüßige Medoro als liebenswürdige E.T.A.-Hoffmann-Figur und der Ritter Orlando als staunender Kinderbuchheld mit Russenmütze und Reiseköfferchen. Dass es an diesem federleichten Abend gar nicht mehr braucht, liegt auch daran, dass Halle nicht auf Koloraturstars, sondern auf junge, gewandte Darsteller gesetzt hat: der wunderbar kulleräugige junge Brite Owen Willetts, der die gefürchtete Titelpartie mit sinnlichem Alt-Timbre gibt; und der junge Russe Dmitry Egorov (Medoro), ein sahnig weicher Countertenor. Beide sind echte Entdeckungen für die Barockoper. Auch der eher klangschöne als elektrisierende Tonfall, den das Hallenser Festspielorchester unter Bernhard Forck, dem Konzertmeister der Berliner Akademie für Alte Musik, anschlägt, verträgt sich gut mit Hümpels entspannter Händel-Fantasie. Im Orchestergraben wird die Musik eher genossen als erklärt. Und das ist ja auch mal ganz schön.

Joachim Lange / Die Deutsche Bühne

…Von den drei aufgeführten Opern der Händel-Festspiele Karlsruhe, Göttingen und Halle gehen Nicola Hümpel und ihr Berliner Theater-Team Nico and the Navigators am konsequentesten neue Wege. Sie erfinden sozusagen die Zauberoper neu, indem sie den Kern der Handlung assoziativ umspielen…

Joachim Lange / Die Deutsche Bühne

(...) Unter seinem neuen Chef, dem Alte-Musik-Spezialisten Bernhard Forck, kann das Händelfestspielorchester in Halle für seinen „Orlando“ (1733) an eine jahrelang gewachsene Händelkompetenz anknüpfen. Mit Owen Willetts als Orlando und Dmitry Egorov als Medoro stehen zudem gleich zwei exzellente Countertenöre auf der Bühne. Marie Friederike Schöder findet als Angelica zu dramatischer Verve, und auch Christoph Stegemann steuert einen grundsoliden Magier Zoroastro als Spielführer herbei. Musikalisch also war auch hier der Ertrag beachtlich. Szenisch hat „Orlando“ seine Tücken, denn auch hier hat der Liebes-Wahnsinn Methode in einem ausgeprägten Durcheinander des „Wer-liebt-wen? Und vor allem des „Wer-liebt-wen-nicht?. In der Zauberoper, die mehr eine Beziehungsoper ist, setzt Händel auf die melodiös ausschwingende Gefühlslage der Liebenden, der Enttäuschten und der bis zum Wahnsinn Verzweifelten. Orlando selbst wird nur durch ei ziemlich drastisch eingreifendes, alle Toten wiedererweckendes lieto fine aus dem Wahnsinn zurückgeholt. Um damit klarzukommen, gehen Nicola Hümpel und ihr Berliner Theater-Team Nico and the Navigators am konsequentesten neue Wege. Sie erfinden sozusagen die Zauberoper neu, indem sie den Kern der Handlung assoziativ umspielen. Vor der halbrunden Projektionswand (Bühne: Oliver Proske) fügen sie dem singenden Personal zwei Performer hinzu, die das Geschehen pantomimisch kommentieren, dabei gelegentlich als imaginäre Ansprechpartner in den Arien agieren oder einfach nur kalauernden Schabernack treiben. Dazu kommen die frei assoziierenden Videos von Tom Hanke und die ironisch stilisierten Kostüme von Frauke Ritter. All das verpasst dem Beziehungskammerspiel eine eher heiter gezügelte Opulenz. Da muss dann auch der rasende Roland gar nicht der kampfeslustige, ritterliche Held sein. Hier ist er einfach nur der traurige kleine Prinz Orlando, der auch in ihm steckt.

Joachim Lange / Gießener Allgemeine

…Für Halle neu (und überfällig) war ein szenischer Wagemut. Hümpel erfindet sozusagen die Zauberoper neu, indem sie den Kern der Handlung auf verschiedenen Ebenen assoziativ umspielt… All das verpasst dem Beziehungskammerspiel eine heiter gezügelte Opulenz…

Joachim Lange / Gießener Allgemeine

Der von vielen Komponisten mit einer Oper bedachte Orlando ist in Halle weniger ein rasender Roland, ein Orlando furioso, wie etwa bei Vivaldi. Er ist in der Festspielproduktion eher ein kleiner Prinz, der sich und seinen Verstand verliert. Was kein Wunder ist in dem Durcheinander des Wer-liebt-wen und vor allem des Wer-liebt-wen-nicht. Auch Georg Friedrich Händel, in Halle geboren, bediente sich beim Orlando- furioso-Stoff, der auf Ludovico Ariostos Epos zurückgeht. Händel nutzte 1733 sogar ein Libretto, das 20 Jahre vor ihm Domenico Scarlatti schon vertont hatte. Händel setzt weniger auf eine mit Bravourarien gespickte dramatische Aktion als auf melodiös ausschwingende Gefühlslagen der Liebenden, der Enttäuschten und der bis zum Wahnsinn Verzweifelten (Orlando selbst kann nur ein ziemlich drastisch eingreifendes und alle Toten wiedererweckendes, magisch alles zurechtbiegendes lieto fine aus dem Wahnsinn zurückholen). Die ariose Ausführlichkeit wird zur Vorlage für die Virtuosität der Sänger. Die Titelpartie hatte Händel immerhin für seinen Kastraten-Star Senesiono geschrieben. Halles Händelfestspiele können mit Owen Willetts als Orlando und Dmitry Egorov als seinem Rivalen Medoro mit zwei exzellenten Countertenören aufwarten. Marie Friederike Schöder findet als Angelica zu dramatischer Verve, und auch Christoph Stegemann steuert einen grundsoliden Magier Zoroastro als Spielführer bei. Einzig Sophie Klußmann fremdelte mit ihrer Dorinda noch allzu deutlich mit den Herausforderungen des barocken Gesangs. Erneut bewies das Händelfestspielorchester seinen Rang als Spezialensemble mit international konkurrenzfähigem Niveau. Der mit historischen Instrumenten spielende Teil der Staatskapelle Halle lief unter Leitung seines neuen Leiters Bernhard Forck, ein Spezialist für Alte Musik, zu echter Festspielform auf. Zauberoper neu erfunden Für Halle neu (und überfällig) war ein szenischer Wagemut. Nach einem Probelauf im Jahr zuvor inszenierte Nicola Hümpel gemeinsam mit ihrem Berliner Off-Theater-Team "Nico and the Navigators", die Hauptproduktion der Festspiele, die der Tradition gemäß das Hallenser Opernhaus beisteuert. Hümpel erfindet sozusagen die Zauberoper neu, indem sie den Kern der Handlung auf verschiedenen Ebenen assoziativ umspielt. Vor der halbrunden Projektionswand (Bühne: Oliver Proske) fügt sie dem singenden Personal zwei Performer, Miyoko Urayama und Patric Schott, hinzu. Die kommentieren das Geschehen pantomimisch, agieren dabei gelegentlich als imaginäre Ansprechpartner in den Arien oder treiben Schabernack. Dazu kommen die frei assoziierenden Videos von Tom Hanke und die von Inszenierungen Robert Wilsons inspirierten Kostüme von Frauke Ritter. All das verpasst dem Beziehungskammerspiel eine heiter gezügelte Opulenz. Da muss Orlando gar nicht der kampfeslustige Held sein. Hier ist er einfach der traurige, kleine Prinz, der auch in ihm steckt.

Sonja Boerdner / Märkische Allgemeine

…Es entsteht ein Dialog zwischen einer reifen, eleganten und sehr emotionalen Opernkomposition jenseits des sich ständig wiederholenden Spiels zwischen Rezitativ und Arie, einem großartigen Händelfestspielorchester unter der Leitung von Bernhard Forck und den Sängern…

Sonja Boerdner / Märkische Allgemeine

Bei den Händel-Festspielen tummeln sich in diesem Jahr „Ritter und Helden“ – aber nicht nur die (...) Sonntagnachmittag und der gar nicht so heldische Ritter „Orlando“ in der Oper Halle. Auf der Bühne ist richtig was los. Zwei Schauspieler von der Theatergruppe Nico and the Navigators verdoppeln die Handlung durch Pantomime. Sie agieren die Gedanken und Gefühle der Protagonisten aus und bringen so eine dissonante Komponente ins Geschehen ein. Es entsteht ein Dialog zwischen einer reifen, eleganten und sehr emotionalen Opernkomposition jenseits des sich ständig wiederholenden Spiels zwischen Rezitativ und Arie, einem großartigen Händelfestspielorchester unter der Leitung von Bernhard Forck und den Sängern. Owen Willetts’ voluminöser Altus verleiht dem nach wahrer Liebe suchenden Orlando den emotionalen Tiefgang. Sein Gegenspieler ist Medoro, gesungen von Dmitry Egorov. Marie Friederike Schöder und Sophie Klußmann beeindrucken als Angelica und Dorinda. Wie auch Christoph Stegemann (Zoroastro) gehören sie zum Hallenser Hausensemble. (...)

Susanne Christmann / Supersonntag / Wochenspiegel Halle

…Des Ritters Orlandos Liebeswahn wurde in besonderer Weise auf die Bühne gebracht (…) und die Chance wahrgenommen, neue Sicht- und Erzählweisen auf Händels Opern zu übertragen…

Susanne Christmann / Supersonntag / Wochenspiegel Halle

...Die mit Spannung erwartete Premiere der Händel-Oper „Orlando“ setzte am Freitagabend den nächsten Höhepunkt. Des Ritters Orlandos Liebeswahn wurde dabei in besonderer Weise auf die Bühne gebracht. Denn mit der Entscheidung für Bernhard Forck als Leiter und der künstlerischen Mitwirkung von Nico and the Navigators wurde nicht nur das Profil des Händelfestspielorchesters gestärkt, sondern andererseits die Chance wahrgenommen, neue Sicht- und Erzählweisen auf Händels Opern zu übertragen. So manchem Puristen stieß das sauer auf - wollte er doch die „musikalisch herrlichste aller Händel-Opern überhaupt“ (Winton Dean) nicht mit solch einem modernen Werkstatt-Charakter versehen wissen....

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