Eine musiktheatrale Studie über die Fragilität des Vertrauens
Vertrauen ist keine moralische Tugend, sondern eine stille Technik des Überlebens. Vertrauen wirkt dort, wo wir nicht prüfen können, was uns trägt – und genau deshalb selten bemerken, wie sehr wir von ihm abhängen. Architecture of Trust setzt bei diesem blinden Fleck an: bei jener unscheinbaren Selbstverständlichkeit, die unsere demokratischen, technischen und sozialen Systeme zusammenhält, bis sie nicht sichtbar versagt.
In einer Welt wachsender Komplexität wird Vertrauen zur paradoxen Zumutung. Wir stützen uns auf Institutionen, Expertisen, Prognosen, Algorithmen – wissend, dass wir ihre inneren Mechanismen kaum verstehen und dennoch gezwungen sind, ihnen zu glauben. Je mehr Zustimmung diese Systeme verlangen, desto weniger erschließen sie sich dem Einzelnen. Vertrauen schlägt hier leicht in Glauben, Misstrauen in Lähmung um.
Die Demokratie bewegt sich auf diesem schmalen Grat: Ohne Vertrauen ist sie handlungsunfähig, ohne Misstrauen blind.
Diese Fragilität bildet das musiktheatrale Zentrum von Architecture of Trust. Anders als in früheren Arbeiten entsteht kein Pasticcio verschiedener Musikstücke, sondern eine bewusst brüchige Polyphonie: Klänge, Texte, Bilder und Körper verschränken sich zu einer offenen Komposition, getragen von einer eigenen musikalischen Grundstruktur und durchzogen von einem fortlaufenden Textfluss. Aus Fragmenten, Splittern und Nachklängen unterschiedlichster Herkunft (Klassik, Pop, Neue Musik) formt sich eine Tonspur der Gegenwart – oszillierend zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen Wiedererkennbarkeit und Verunsicherung.
Immer wieder öffnen sich darin kleine musikalische Miniaturen, die an Singer-Songwriter-Formen erinnern: eigens für den Abend geschriebene Texte treffen auf Instrumentalwerke von KomponistInnen wie Robert Schumann, Nina Simone, Claude Debussy, Amy Winehouse, Maurice Ravel oder Bill Withers. Diese Musik wird nicht zitiert, sondern gebrochen, neu montiert, gegen den Strich gelesen. So entsteht ein Klangraum, der sich der Nostalgie verweigert und dennoch auf Poesie und zeitlose Schönheit insistiert – als fragile Gegenkraft zur Dauererregung der Gegenwart.
Ziel ist es, den permanenten Stress, die latenten Ängste, die Reizüberflutung und das unüberschaubare Chaos unserer Zeit nicht zu erklären, sondern bewusst zu machen. In diese dichte musikalisch-visuelle Textur sind kameraverstärkte, intime Close-ups eingeschrieben: Momente existenzieller Nähe, in denen Gesichter, Stimmen und Körper uns unvermittelt mit klaren Gedanken, Zweifeln und Zumutungen des Vertrauens konfrontieren.
Architecture of Trust ist kein Stück über Gewissheiten, sondern über ihre Erosion. Es sucht nicht nach einfachen Antworten, sondern nach einer Haltung jenseits von Naivität und Zynismus: nach einem Vertrauen, das sich seiner eigenen Fragilität bewusst bleibt – und nach einem Misstrauen, das nicht zerstört, sondern den Raum kritischer Verständigung offenhält.
Eine Produktion von Nico and the Navigators, gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. In Kooperation mit dem Radialsystem.
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