Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten

Ensembleproduktion: Nico and the Navigators kehren zurück zu ihren Wurzeln und richten ihr Vergrößerungsglas wieder auf skurrile Alltagsmomente.

Mit der Ensembleproduktion sind Nico and the Navigators zu den Wurzeln ihrer Arbeit zurückgekehrt. Wie in frühen Stücken haben sie ihr Vergrößerungsglas auf skurrile Alltagsmomente gerichtet, um die Keimzelle menschlicher Verhaltensrituale und ihre Widersprüche zu untersuchen.

Dabei bildet der Titel Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten eine augen­zwinkernde, dialektische Anspielung auf Peter Handkes berühmte Die Stunde da wir nichts voneinander wussten. Seine Anordnung diente als Ausgangspunkt und Inspiration­s­quelle: Wo das Original allerdings an die dreihundert stumme Charaktere per Regie­anweisungen über die Bühne schickt, richtet das Ensemble mit nur acht Darstellern sein Augenmerk auf Menschen, die unverhofft aufeinanderprallen und sich diesen Situationen stellen müssen. Das kann in heutigen Zeiten, in denen die Kommunikation vorrangig über Medien stattfindet und denken sowieso ‚out‘ ist, eine verzwickt komische Heraus­forderung sein, deren Flüchtigkeit tiefe Spuren hinterlässt. 

Mit Blitzbegegnungen, flüchtigen Erscheinungen und listigen Verstellungen zeigen Nico and the Navigators im Gegensatz zum Original ein kleineres Spektrum an Figuren, vergrößern kurze Momente wie durch eine Lupe, lassen diese länger auf der Bühne stehen, verwenden Musik und Textfragmente.

Mit neu interpretierten Songs und Liedern von Bonnie „Prince“ Billy bis Benjamin Britten greifen sie dabei den von Regeln und Zufall bestimmten Takt des Lebens auf: Wie fremd sind wir uns? Wie aufmerksam und intuitiv sind wir heute noch, wenn wir einander unvorhergesehen begegnen? Wissen wir am Ende tatsächlich zu viel voneinander? Und wie sind unsere Geschichten miteinander verbunden?  

  

 

Eine Produktion von Nico and the Navigators mit Kampnagel Hamburg. Koproduziert vom Théâtre de Nîmes – scène conventionnée pour la danse contemporaine. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, die Schering Stiftung, die Rudolf Augstein Stiftung, die Radial Stiftung und aus den Mitteln des Landes Berlin. In Zusammenarbeit mit dem Radialsystem V.

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Pressestimmen

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung

Es ist eine funkelnde, oft komische, manchmal tief traurige Collage des Lebens in unserer selbstverschuldeten Verständnislosigkeit.

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung

Das Theaterensemble Nico and the Navigators zeigt im Radialsystem in Berlin eine furiose Großstadt-Collage: „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“. Es ist ein beständiges, wiederkehrendes Kommen und Gehen, Tanzen, Laufen und Stürzen. Es wird wunderschön gesungen und viel geschwiegen. Große Dialog-Gewitter sind nie das Markenzeichen von Nico and the Navigators gewesen. Das hat seinerzeit, als Nicola Hümpel und Oliver Proske 1998 das Ensemble (oder besser: die Idee eines Ensembles mit wechselnder Besetzung) am Bauhaus Dessau gründeten, einige Zuschauer in Erstaunen versetzt - und viele auf der Stelle begeistert. Ein solches Theater, wie Nico and the Navigators es anboten, hatte man noch nicht so oft gesehen - eine Mischung aus Schauspiel, Pantomime und Ballett, die Alltagssituationen mikroskopisch genau festhält und den Moment durch die Beobachtung zur Kunst erhebt. Die Regisseurin Nicola Hümpel und der Bühnenbildner Oliver Proske stehen den Navigators immer noch vor, die ehemalige Dessauer Studententruppe hat sich längst etabliert, auch international. Nun zeigt sie im Radialsystem in der Berliner Holzmarktstraße, gegenüber dem Ostbahnhof an der Spree gelegen, die Produktion „Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten“, eine offensichtliche und liebevolle Anspielung auf Peter Handkes 1992 uraufgeführtes Stück „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Zuvor waren Nico and the Navigators mit ihrem neuen Werk schon in Hamburg angetreten. Was bei Handke mit großem Personal über die Bühne geht, leisten hier acht Darstellerinnen und Darsteller - allein das ist schon eine staunenswerte Leistung. Zumal das Tempo fast durchgängig hoch ist während der 90 Minuten, die das Spiel dauert - und die Damen und Herren sich dabei auch noch unaufhörlich umziehen müssen. Dies nur, um wenig später wieder in einen der früheren Charaktere zu schlüpfen. Die Inszenierung ist spiegelbildlich um eine gedachte Mitte gebaut, man könnte die Idee auch als ironische Illustration eines inflationär gebrauchten Gemeinplatzes verstehen: Man trifft sich im Leben immer zwei Mal. Was aber geschieht, wenn Frauen und Männer, Fremde zumeist, einander begegnen, aufeinanderprallen oder aneinander vorbeirasen? Alles ist flüchtig, es muss schnell gehen - und manches geht gar nicht mehr. So bemerkt ein Mann die Bemühungen seiner Partnerin um Zärtlichkeit offenbar gar nicht mehr. Oder er will sie nicht bemerken, weil zu lange zu viel Kälte zwischen ihnen war. Ein anderer Mann entdeckt das vermeintliche Glück mit einer täuschend menschenähnlichen Puppe, die aber plötzlich ein Eigenleben gewinnt und ihrem zuvor frohlockenden Besitzer Angst einjagt. Eine Frau wiederum, die einer anderen begegnet, die entkräftet zusammengebrochen ist, überlegt sehr lange, ob sie der Schwachen ihr Sandwich geben soll. Sie tut es schließlich und entfernt sich dann rasch, als hätte sie nicht Gutes, sondern etwas Unerlaubtes getan. Es ist eine funkelnde, oft komische, manchmal tief traurige Collage des Lebens in unserer selbstverschuldeten Verständnislosigkeit.

Sandra Luzina / Tagesspiegel

Nico and the Navigators sind eine der eigenwilligsten und zugleich eine der erfolgreichsten Berliner Gruppen. Sie sind sich immer treu geblieben – das beweist die neue Produktion „Die Stunde, da wir zu viel voneinander wussten“…

Sandra Luzina / Tagesspiegel

Nico and the Navigators zeigen in "Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten" einen poetischen Reigen der Vergeblichkeiten. Nicola Hümpel könnte man auch mit einer Gärtnerin vergleichen. Die Regisseurin, die von der bildenden Kunst kommt, sorgt dafür, dass ihre Spieler sich frei entfalten können. Die sind eine besondere Spezies und brauchen Luft und Liebe. Nico and the Navigators sind eine der eigenwilligsten und zugleich eine der erfolgreichsten Berliner Gruppen. Sie sind sich immer treu geblieben – das beweist die neue Produktion „Die Stunde, da wir zu viel voneinander wussten“, die am 27. Mai Premiere hat. „Das Wunderbare an dieser Arbeit ist, dass wir zu unseren Wurzeln zurückkehren konnten", schwärmt Nicola Hümpel. Dass das gemeinsame Erarbeiten eines Stückes ein lustvoller Prozess ist, war schon immer so. Jeder der Navigatoren ist im Grunde Mit-Autor und bringt seine besonderen Fähigkeiten, Talente und auch Marotten ein. Die Steuerfrau behält den Überblick. In den letzten Jahren haben Nico and the Navigators sich mit ihren bildstarken Musiktheater-Produktionen internationalen Ruhm erworben. Doch die Koproduktion mit großen Häusern erforderte manchmal auch Kompromisse und Abstriche in der Arbeitsweise. Bei der neuen Produktion gibt es keine Einschränkungen und dramaturgischen Zwänge. Denn eine Neuinterpretation von Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, so stellt Hümpel gleich klar, hatte sie nicht im Sinn. Vielmehr diente seine Anordnung als Ausgangspunkt dieses Projekts. „Wir haben nach viel Recherche unsere eigenen Figuren erfunden und konnten so intuitiv, unserem inneren Blick auf die aktuelle Gesellschaft folgen.“ Dennoch gibt es eine Gemeinsam­keit: Wie in Handkes Stück ohne Worte ist der Schauplatz ein Platz, wo Paare und Passanten zusammentreffen oder aneinander vorbeigehen. „Es geht um kurze Blitz-Begegnungen“, sagt Hümpel. „Und um Fragen wie: Was wissen wir wirklich vonein­ander? Wie fremd sind wir uns? Inwiefern folgen wir bei einer kurzen Begegnungen unseren Instinkten“ Lauter Fragen, die ungemein aktuell sind, findet sie. Letztlich gehe es darum: Was macht die Gesellschaft aus? Wie gehen wir mit dem Fremden, dem Anderen um. „Sich diesen unverhofften Situationen zu stellen, kann in heutigen Zeiten, in denen die Kommunikation vorrangig über Medien stattfindet und denken sowieso ‚out‘ ist, eine verzwickt komische Herausforderung sein.“ Die Navigatoren haben sich viel Zeit für die Recherche genommen. „Wir sind über Plätze gegangen und haben die Menschen beobachtet. Jeder kam mit seinen eigenen Eindrücken zurück. Dann haben wir festgestellt, dass wir zu viel wollten“, erzählt Hümpel. Anfangs hatten sie an die 120 Figuren skizziert, doch die ständigen Verwandlungen sind für acht Spieler nicht zu bewältigen. Jetzt spielt jeder Darsteller höchstens fünf Figuren. Nur Yui Kawaguchi hat mehr. „Das Spektrum ist nicht mehr ganz so groß, aber ehrlicher“, findet Hümpel. Wie immer bei Nico and the Navigators sieht man ein Kabinett schräger Typen, die sich unbeirrt ins Absurde navigieren. Die Regisseurin konzentriert sich auf „merkwürdige Momente, die wie durch eine Lupe vergrößert werden“. Ihr geht es wie in all ihren Arbeiten darum, „Grundphänomene des Menschseins zu sezieren“. Die existenziellen Fauxpas, das Einander-Verfehlen hat sie sehr musikalisch inszeniert. „Sie sind alle Suchende, Scheiternde, um ihre Existenz Kämpfende und nie ohne Sehnsüchte “, beschreibt sie die Figuren. Es ist nicht nur ein Reigen der Vergeblichkeit zu bewundern, die Zuschauer können sich auch am Sprachwitz erfreuen. Annedore Kleist trägt zum Einstieg etwa den Zungenbrecher vor: „Du nett nachmittäglich vorm knackenden Kaminfeuer knietief in knisternden Nachrichten blätternder nüchtern nachdenkender Newspaper-Nerd.“ Welcher Mann fühlt sich schon davon angesprochen? Und mit dem „schön errötet röhrenden Romantiker im Endlos-Rondo“ klappt es auch nicht. Die Musik spielt eine große Rolle. Der Tenor Ted Schmitz interpretiert Lieder von Bonnie „Prince“ Billy bis Benjamin Britten. Und erstmals spielt auch ein Hund mit. Der Abend ist eine Liebeserklärung an die Darsteller. „Ich habe mal wieder so fragil inszeniert“, lächelt Hümpel, „dass alles auf ihrem Strahlen aufbaut, ihren persönlichen Qualitäten, ihren skurrilen Seiten und ihrem Charme.

Roland Klein / Berliner Morgenpost

„Skurrile Alltagsbeobachtungen kennzeichnen dieses kurzweilige und trotzdem tiefgründige Musiktheaterstück, das wie eine Lupe funktioniert.“

Roland Klein / Berliner Morgenpost

Als 1992 Claus Peymann Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" uraufführte, war der Anspruch, ein zeitloses Stück auf die Bühne zu bringen. Kurze, fast blitzartige Szenen sollten illustrieren, was das Leben ausmacht. Dieser enorm ambitionierte Anspruch wohnte jedoch weder dem Text noch Peymanns Inszenierung inne, sodass Regisseure wie Jürgen Gosch oder Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo stets Veränderungen vornahmen. Darauf wollte sich die Berliner Musiktheater-Formation Nico and the Navigators gar nicht erst einlassen, wie Regisseurin und Ensemble-Leiterin Nicola Hümpel betont: "Von Peter Handke kommt nur die Grundidee, Menschen einen Platz passieren zu lassen. Für ,Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten' haben wir eigene Recherchen gemacht, skurrile Mikromomente und Blitzbegegnungen beobachtet, weiterentwickelt und vergrößert. Da treffen charakteristische bis abstrakte Typen unserer Zeit aufeinander - mit und ohne Sprache, singend oder stumm." Psychologen betonen, welch enormes Potential in dem Moment der unvoreingenommenen Begegnung liegt, denn bereits nach wenigen Sekunden entscheiden die Menschen, ob ihr Gegenüber ihnen sympathisch erscheint. Während der Recherche auf dem Berliner Alexanderplatz stellte jedoch Hümpel verblüfft fest, dass es zu diesen kurzen Begegnungen kaum noch kommt: "Die wenigsten begegnen einander, weil sie sich nicht beachten, sondern meist mit ihren digitalen Geräten kommunizieren." Die Folgen der Digitalisierung wirken sich auf Wahrnehmung und Verhalten aus: "Ich bilde mir ein, eine gute Intuition zu besitzen", betont Hümpel. "Dennoch musste ich meinen ersten Eindruck schon oft revidieren. Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Menschen sehr gut gelernt haben, sich zu verstellen. Die Medien haben die Menschen gelehrt, permanent an ihrer Performance zu arbeiten." Digitale Medien sind jedoch nur eine der unterschiedlichen Motive und Accessoires, die bei den Bühnen-Begegnungen in den Fokus rücken. "Auch die Vielfalt der dargestellten Typen spiegelt sich in den Facetten der Musik", erläutert die Regisseurin. "Die Kompositionen reichen von Franz Schubert über Benjamin Britten bis hin zu Bonnie 'Prince' Billy." Skurrile Alltagsbeobachtungen kennzeichnen dieses kurzweilige und trotzdem tiefgründige Musiktheaterstück, das wie eine Lupe funktioniert. Wer am Flughafen jemand weinen sieht, muss nicht wissen, ob derjenige gerade seine Freundin verabschiedet hat oder kurz zuvor einen bedrückenden Telefonanruf erhalten. Manchmal reicht eine Geste, die Mitgefühl ausdrückt, damit sich der Weinende im Schmerz nicht allein fühlt. "Empathie funktioniert auch ohne kontextuelles Vorwissen", ist sich Hümpel sicher.

Tom R. Schulz / Hamburger Abendblatt

Wo sie aufeinandertreffen, werden immense Quanten von Befremden, Peinlichkeit, Unbehagen oder Gewalt freigesetzt. […] sie erforschen die Struktur des gesellschaftlichen Miteinanders, indem sie menschliche Monaden auf Kollisionskurs bringen…

Tom R. Schulz / Hamburger Abendblatt

Im Teilchenbeschleuniger werden subatomare Partikel auf Kollisionskurs gebracht. Die Physiker lassen kleine Energiebündel aufeinanderprallen und schauen, was so passiert. Die Berliner Theatertruppe Nico and the Navigators hat dieses experimentelle Verfahren auf die Bühne gebracht. In ihrem von Peter Handke in­spirierten Stück "Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten", das auf Kampnagel Premiere hatte, erforschen sie die Struktur des gesellschaftlichen Miteinanders, indem sie menschliche Monaden auf Kollisionskurs bringen. Von links und rechts treten da die seltsamsten Typen aus den Kulissen, um beim Überqueren des kargen Bühnenraums aufeinanderzutreffen oder – weit häufiger – sich einfach zu verfehlen. Ein Metrosexueller in Lederjacke und High Heels, ein Kampfjogger, ein mit seinem Handy verwachsener Yuppie, eine Diva, eine Tussi, ein Ehekrüppel und seine Megäre bevölkern das soziale Kuriositätenkabinett. Wo diese aufeinandertreffen, werden immense Quanten von Befremden, Peinlichkeit, Unbehagen oder Gewalt freigesetzt. Spontane Fusionen sind dagegen selten und bleiben instabil. Einzig eine Nonne und eine Frau im Tschador durchkreuzen während der 90 Minuten den Bühnenraum auf parallelen Bahnen und im besten Einverständnis. Die Versuchsanordnung, derer sich Nico and the Naviagtors bedienen, stammt aus Handkes Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" von 1992. Neu ist sie also nicht. Offenbar lohnt es sich aber, das Experiment in regelmäßigen Abständen zu wiederholen, um an den aktuellen Menschentypen die alten Einsichten zu verifizieren. Dank ihrer Schauspiel-, Tanz- und Gesangskunst gelingt den Berlinern ein zeitgemäßes Update von Handkes Grundidee. Nur acht Darsteller erwecken den gesamten sozialen Kosmos zum Leben. Am beredtsten sprechen sie dabei mit ihren Körpern; die gesprochene Sprache erfüllt eher die Funktion eines Kostüms: Die jeweiligen Floskeln charakterisiert den Typus. Es gibt viel zu schmunzeln und einiges zu lachen bei diesem Typentheater. Der Grundton ist milde Resignation. Einmal, nach rund zwei Dritteln des Stückes, treffen sich alle Akteure kurz zu einem echten Gespräch. Doch das bleibt nur Episode. Gleich danach geht der absurde Reigen weiter.

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