Lie to fly

Zum 25. Jubiläum von Nico and the Navigators

Basierend auf dem Stück „Shaker Loops“ von John Adams entwickeln Nico and the Navigators für das Konzerthaus Berlin einen Abend, der den Titel der Komposition in der 1983 entstandenen Fassung für Streichorchester zum Anlass für zeitgenössische Assoziationen nimmt.

Das Werk, das sich in die vier Sätze „Shaking and Trembling“, „Hymning Slews“, „Loops and Verses“ und „A Final Shaking“ gliedert, bezieht sich auf den Ritus der United Society of Believers in Christ’s Second Appearing, deren liturgische Tänze ihr den Beinamen „Shaker“ eingebracht haben.

Die in England gegründete Freikirche, die in ihrer Blütezeit im 19. Jahrhundert rund 6000 Mitglieder in etwa 20 amerikanischen Siedlungen zählte, ist berühmt für ihre Arbeitsethik („Hands to Work and Hearts to God“), den Verzicht auf Privateigentum und ihre egalitäre Form des Zusammenlebens, die keine Hierarchie von Geschlecht oder Hautfarbe innerhalb der Gemeinschaft kennt. Allerdings verbinden die Shaker diese aufklärerischen Ideen mit einem strengen Zölibat, so dass sie als Religionsgemeinschaft mangels neuer Mitglieder und ohne natürlichen Nachwuchs fast ausgestorben sind – eine eigentümliche Elite, die ihren absehbaren Untergang aufgrund ihres Glaubens bewusst in Kauf nimmt.

Kulturgeschichtlich sind die „Shaker“ nicht nur für ihre Architektur und ihr Möbeldesign berühmt, sondern auch für Tänze, mit denen sie sich in einen tranceartigen Zustand versetzten – und die John Adams zu seiner Suite im Geiste der Minimal Music inspirierten.

Betrachtet man unsere Zeit vor diesem historischen Hintergrund, so ergeben sich viele mögliche Ansätze für einen navigatorischen Ansatz: Zum einen sind die Modelle für die „Shaker Loops“ ein Beispiel für den berührungslosen Tanz, bei dem der Einzelne seine ekstatischen Momente in einer Gruppe suchen muss, ohne direkten Kontakt zu seinem Gegenüber finden zu dürfen – eine spirituelle Gemeinschaft bei gleichzeitiger körperlicher Abstinenz.

Andererseits spiegelt die Konfrontation eines fortschrittsorientierten Weltbildes mit einer irrationalen Endzeiterwartung viele moderne Lebensentwürfe zwischen Achtsamkeit und Angst wider … eine ambivalente Existenz, die sich in pandemischen Zeiten noch verstärkt:

Zur Rücksichtnahme auf Klima und Umwelt, zur bewussten Einschränkung unseres Mobilitäts- und Konsumverhaltens kommt nun auch die Sorge um die Gesundheit unserer Mitmenschen, die uns teilweise zum Verzicht auf direkte Begegnungen, rauschende Feste und Großveranstaltungen zwingt.

Angesichts dieser krisenhaften Erfahrungen droht eine Radikalisierung und der Bruch des bis dahin gültigen Gesellschaftsvertrages, Querdenker und rechtsradikale Parolen machen sich breit … Schüttler in Schleifen, Tänzer in Schleifen?

Nico and the Navigators werden das zentrale Werk des Abends mit weiteren Stücken aus der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts sowie aus Pop und Rock umrahmen und unterbrechen. Darüber hinaus bereichern sie das Szenische Konzert mit typisch navigatorischen Tänzen und Texten, die dem Lebensgefühl zwischen drohender Resignation in der Einsamkeit und einer anhaltenden Sehnsucht nach Gemeinschaft entsprechen.

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Eine Produktion von Nico and the Navigators, gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. In Koproduktion mit dem Konzerthaus Berlin und in Zusammenarbeit mit dem Radialsystem.

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