Quartett zum Quadrat

Heiner Müllers „Quartett“ trifft auf Leoš Janáčeks Streichquartette

Mit Inszenierung der Streichquartette Nr. 1 „Kreutzer-Sonate“ und Nr. 2 „Intime Briefe“ von Leoš Janáček (1854-1928) setzen wir die Zusammenarbeit mit dem renommierten Kuss Quartett fort. Diese hatte im Beethoven-Abend „Force & Freedom“ ihren hoch gelobten Anfang gefunden. Dass die beiden 1924 und 1928 uraufgeführten Streichquartette, nicht anders als die adaptierten Streichquartette Beethovens, aus der Spätphase ihres Komponisten stammen und zu den erklärten Favoriten des Kuss-Quartetts zählen, trug zu dieser programmatischen Wahl bei.

Zudem nahm Janáček in seiner ersten Auseinandersetzung mit der „Königsdisziplin“ der Kammermusik auf ein berühmtes Beethoven-Werk Bezug – auf die dem Geiger Rodolphe Kreutzer gewidmete „Kreutzer-Sonate“. Janáčeks musikalische Reflexion über Lew Tolstois gleichnamige Novelle, die von Liebe, Sex, Eifersucht und Mord handelt, eröffnet die Möglichkeit einer inhaltlichen Verknüpfung mit Heiner Müllers „Quartett“. Dramaturgisch spannend ist die Konfrontation der „Kreutzersonate“ mit Janáčeks zweitem, fünf Jahre jüngeren Quartett, das den 74-jährigen Komponisten als vitalen Liebenden zeigt, der nur halb so alten Kamila Stöslová in bedingungsloser Zuneigung verfallen, der er diese „Intimen Briefe“ als Zeichen und Ausdruck zärtlichsten Verlangens schrieb. Die Umkehrung des möglichen Verlaufs einer Paarbeziehung in der Chronologie des Werkverzeichnisses – zunächst die mörderische Eifersucht eines enttäuschten Ehemanns, dann die schwärmerische Hingabe eines frisch Verliebten – stellt ein spannendes Vexierspiel dar.

Janáčeks Prinzip der Verdopplung verkehrt Heiner Müllers Theatertext „Quartett“ (1980/81) ins Gegenteil: Beschäftigt der Komponist für seine Adaption der Tolstoi-Novelle statt der beiden Sonaten-Instrumente Violine und Klavier vier Streicher, so reduziert Heiner Müller (1929-1995) das Figurenensemble des berühmten Briefromans „Les Liaisons dangereuses“ (1782) von Choderlos de Laclos auf zwei Stimmen. Er nennt das so entstandene Stück, das wie Janáčeks Nr. 2 aus einer intimen Korrespondenz generiert wird, gleichwohl „Quartett“, da er seine ProtagonistInnen ihre (Geschlechter-) Rollen tauschen lässt.

Es ist ein Spiegelkabinett menschlicher Lieb- und Leidenschaften, in dem Leoš Janáčeks Musik zum Impuls und zum Kommentar der literarischen Komposition Heiner Müllers wird. Mit einem DarstellerInnen- und einem TänzerInnen-Paar sowie dem Kuss Quartett entwickeln wir eine Inszenierung, die in Zeiten tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen die fragwürdige Zuflucht des Privaten thematisiert. Dabei erweist sich die eskapistische Enklave als Schlachtfeld wechselseitiger Zerfleischung. Es sind die unversöhnten gesellschaftlichen Widersprüche, die das Individuum von innen her zersetzen. 

Der junge, vielseitige Schlagzeuger Lorenzo Riessler und der virtuose Trompeter Paul Hübner akzentuieren den Text mit perkussiver Schärfe und elektronisch verfremdeter Tragweite. 

Am 30. Dezember 2025 jährt sich der Todestag Heiner Müllers zum 30. Mal.

Content Note

In der Inszenierung werden Themen wie psychische und sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und zerstörerische Beziehungen verhandelt. Auf der Bühne kommt Kunstblut zum Einsatz. Einzelne Szenen können für manche Zuschauer*innen verstörend oder belastend sein.

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Pressestimmen

Mario-Felix Vogt / Rondo - Das Klassik- & Jazz-Magazin

Ein pulsierender Dialog zwischen Bühne und Musik, der der inneren Spannung des Stücks verpflichtet bleibt […] Im ausverkauften Radialsystem endete diese intensive, vielschichtige Performance zu Recht mit begeistertem Applaus.

Mario-Felix Vogt / Rondo - Das Klassik- & Jazz-Magazin

1980 legte Heiner Müller mit „Quartett“ ein Kammerspiel von spröder Wucht vor – ein Zweipersonendrama nach Pierre Choderlos de Laclos’ berühmtem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“, der 1988 mit Glenn Close und John Malkovich für Hollywood verfilmt wurde. Müller spitzt das Stück ganz auf die Antagonisten Marquise de Merteuil und Vicomte de Valmont zu. Die doppelte Orts- und Zeitangabe – „Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ – verschränkt höfische Dekadenz mit Endzeitstimmung.


Auch die Handlung wird auf das Wesentliche reduziert: Merteuil und Valmont spielen einander und übernehmen fortwährend die Rollen anderer Figuren, etwa der Madame de Tourvel oder der jungen Volange, um im Gegenüber Macht, Begehren und Selbstbehauptung zu erproben. Sprache wird zum Schlachtfeld, Erotik zur Strategie. Unter den präzise geschliffenen Dialogen liegt die Müdigkeit, die das verstrickte Paar längst erfasst hat. Gleichzeitig durchzieht das Stück ein trockener, bisweilen makabrer Humor, der den Abgrund erst schärfer konturiert.


Das freie Berliner Musiktheater-Ensemble Nico and the Navigators stellt sich dieser anspruchsvollen Vorlage und verknüpft sie mit beiden Streichquartetten Leoš Janáčeks. Deren eruptive, nervös flackernde Klangsprache bildet keinen illustrativen Zusatz, sondern ein kontrapunktisches Echo des Textes. Auf der Bühne begegnen sich zwei Paare im Dialog von Wort und Körper: die Schauspieler Annedore Kleist und Martin Clausen sowie das Tanzduo Yui Kawaguchi und Martin Buczko. Kleist modelliert innere Risse – zwischen Überlegenheit und Verletzlichkeit – mit variantenreicher Mimik, während Clausen komödiantische Präzision gegen existenzielle Schwere setzt. Kawaguchi artikuliert die emotionalen Unterströmungen des Stücks mit hochvirtuosen, scharf konturierten Bewegungen, ihr Partner Buczko ergänzt sie durch drängende Körperlichkeit.


Musikalisch entsteht ein weit gespannter akustischer Raum: So verbinden Paul Hübner (Trompete, Elektronik) und Lorenzo Riessler (Schlagwerk) elektronische Flächensounds mit Signalmotiven und treibenden rhythmischen Patterns. Vor allem in den Tanzpassagen entwickelt sich dadurch ein pulsierender Dialog zwischen Bühne und Musik, der nie ins Effekthascherische kippt, sondern der inneren Spannung des Stücks verpflichtet bleibt. Hinzu tritt das Kuss-Quartett, das Janáčeks hochexpressive Musik souverän interpretiert und bisweilen selbst Teil des Bühnengeschehens wird.


Nicola Hümpel ist für Regie, Konzept und Kostüme verantwortlich. Sie nimmt Müllers Geschlechterwechsel programmatisch auf: Männer in Kleidern, nicht nur im Tanzduo, sondern auch im Streichquartett, spiegeln die Identitätsverschiebungen des Textes. Die Entscheidung wirkt dabei weder grell noch provokant, sondern fügt sich selbstverständlich in das Spiel mit Masken und Spiegelbildern ein.


Ein Stilbruch entsteht allerdings, als Clausen in der Rolle von Valmont in dessen Sterbephase in lockeres Umgangsdeutsch verfällt; hier weicht man unnötigerweise von Müllers elaborierter Sprache ab.


Positiv herauszuheben ist hingegen Oliver Proskes Bühnenbild aus halbtransparenten, angeschrägten Spiegelflächen und präzise eingebundenen Videoelementen. So wird ein visuelles Echo jener Doppelungen erzeugt, die im Text bereits angelegt sind: Körper erscheinen real, gespiegelt und entrückt.


Im ausverkauften Radialsystem endete diese intensive, vielschichtige Performance zu Recht mit begeistertem Applaus. Die hier besprochene Premiere fand am 4. Dezember 2025 im Radialsystem statt; weitere Aufführungen folgten am 5., 6. und 7. Dezember.


Frauke Adrians / Nachtkritik

Es ist ein Vergnügen, Martin Clausen und vor allem Annedore Kleist in den Rollen des routinierten Verführungsmonsters Valmont und seiner bitteren Komplizin Merteuil zu sehen. […] Das Streichquartett, kostümiert in Soutanen, streut Passagen aus Leoš Janáčeks Quartetten „Kreutzersonate“ und „Intime Briefe“ ein, die das Geschehen weniger zu untermalen als in Echtzeit zu kommentieren scheinen – nervös und fiebrig, sehnsuchtsvoll postromantisch, flirrend, kühl oder schwelgend. Nico and the Navigators wollen mehr. Sie vexieren ihre Laclos-Müller-Adaption mit einem kippbaren gläsernen Bühnenbild-Element, auf der 2- und 3D-Bildfolgen eingespielt werden. Das ist raffiniert und bietet viel fürs Auge. Bewegungen, die das Tanzduo Yui Kawaguchi und Martin Buczko auf dem Boden liegend vollführt, sehen im Kippspiegel geradezu schwerelos aus: Liegen ist Fliegen. […] Die Akteure auf der Bühne schonen weder sich noch ihr Publikum. Die Stärke der Inszenierung ist, dass sie trotz allem niemals das Spielerische, den sarkastischen Humor verliert.

Frauke Adrians / Nachtkritik

"Quartett", Heiner Müllers Kondensat aus Choderlos de Laclos' "Gefährlichen Liebschaften" über die zynischen Macht- und Erotikspiele der korrupten höfischen Gesellschaft im Frankreich vor der Revolution, geht eigentlich schon an die Grenze des Erträglichen. Aber Nico and the Navigators wollen noch mehr.


Wieso zum Quadrat? Das "Quartett" von Heiner Müller ist schon für sich genommen das Äußerste, das zu ertragen ist: dieses Kondensat von Choderlos de Laclos' "Gefährlichen Liebschaften", dieser zynische sexuelle Vernichtungsfeldzug ohne die verbrämende Eleganz des Laclos-Briefromans. Nico and the Navigators setzen im Berliner Radialsystem noch eins drauf, nein: Sie versuchen sich an der Quadratur des bösen Spiels. Schauspiel hoch Tanz hoch Musik. Es ist zu viel.


Animalischer Jagdtrieb


Es ist ein Vergnügen, Martin Clausen und vor allem Annedore Kleist in den Rollen des routinierten Verführungsmonsters Valmont und seiner bitteren Komplizin Merteuil zu sehen. Man würde zu gern sagen, Heiner Müllers Stück sei schlecht gealtert im 21. Jahrhundert – nach #MeToo und Epstein, angesichts des fortwährenden Skandals namens Trump und des Entsetzens über die Verbrechen an Gisèle Pelicot und zu vielen anderen Frauen. Aber Valmonts Perfidie und Merteuils Zynismus treffen noch immer ins Schwärzeste – ist das, was Valmont verbricht, so viel anders als das heutige Grooming? –, und Clausen und Kleist sind in ihren changierenden Rollen einfach gut, wobei sie ein besserer Valmont ist als er eine Madame Tourvel. Beide tragen, solange sie sich nicht ausziehen, viel totes Tier am Leib, Fuchskragen, Pelzmantel, Schlangenlederstiefel, als müsste das erbarmungslos Animalische ihres Jagdtriebs noch hervorgehoben werden. Auch hier: Es ist zu viel.


Schwerelos im Kippspiegel 


Für den Abend hätte das Kammerspiel des Duos Kleist und Clausen plus das Ensemble "Kuss Quartett" vollauf genügt. Das Streichquartett, kostümiert in Soutanen, streut Passagen aus Leoš Janáčeks Quartetten "Kreutzersonate" und "Intime Briefe" ein, die das Geschehen weniger zu untermalen als in Echtzeit zu kommentieren scheinen – nervös und fiebrig, sehnsuchtsvoll postromantisch, flirrend, kühl oder schwelgend. Nico and the Navigators wollen mehr. Sie vexieren ihre Laclos-Müller-Adaption mit einem kippbaren gläsernen Bühnenbild-Element, das als Spiegel ebenso funktioniert wie als einfache Glasscheibe oder als Projektionsfläche, auf der 2- und 3D-Bildfolgen eingespielt werden. Das ist raffiniert und bietet viel fürs Auge. Bewegungen, die das Tanzduo Yui Kawaguchi und Martin Buczko auf dem Boden liegend vollführt, sehen im Kippspiegel geradezu schwerelos aus: Liegen ist Fliegen.


Sehenswerte Effekte, grollende Sounds


In anderen Szenen wandern Kawaguchi und Buczko durch ein virtuelles Treppenhaus, stolpern pantomimisch Stufen hinunter, die nur im Film existieren. Sehenswerte Effekte, die aber in jedem anderen Stück ebenso beliebig einsetzbar wären. Für die Ausdeutung der "Quartett"-Figurenkonstellationen bringen sie wenig. Und als könnten die Janáček-Streichquartette das Stück nicht tragen, als wären das "Kuss Quartett" – und das zusätzlich eingesetzte Trompete-Schlagwerk-Duo – nicht genug, müssen die akustischen Zwischenräume permanent mit ominös grollenden Sounds gefüllt werden. Es ist zu viel.


Sarkastischer Humor


Dass das Stück nichts auslässt, von der sexuellen Perversion über Leichenschändung und Fäkal-Ekel bis zum Suizid der Madame Tourvel im Alkohol- und Blutrausch – darauf ist eingestellt, wer sich dem Duo Laclos und Müller aussetzt. Die Akteure auf der Bühne schonen weder sich noch ihr Publikum. Die Stärke der Inszenierung ist, dass sie trotz allem niemals das Spielerische, den sarkastischen Humor verliert. Ihre Schwäche ist das Zuviel.



Kritikenrundschau


Einer "überbordend bild- und tonstarken Inszenierung", ja einer "Kreativitäts-Explosion" begegnete Sören Kittel von der Berliner Morgenpost (5.12.2025) im Radialsystem. Die "derben Texte" von Heiner Müller würden "präzise und in aller Rohheit präsentiert".


"Ein sehr starker Abend" war es für Andreas Montag von der Mitteldeutschen Zeitung (6.12.2025). Das Team konfrontiert den Müller-Text "mit den emotionalen Streichquartetten von Leoš Janácek (live vom Kuss-Quartett), Jazz von Paul Hübner (Trompete, Sounds) und Lorenzo Riessler (Schlagwerk) sowie furiosem Tanz von Martin Buczko und Yui Kawaguchi".

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung

[…] grausam und komisch. Ein Stoff von Shakespearschem Schnitt. Und welch großartigen Abend haben Nicola Hümpel (Konzept und Regie), Oliver Proske (Bühne und Video) sowie der Dramaturg Sergio Morabito daraus gemacht. „Quartett zum Quadrat“ heißt ihre Interpretation des Müller-Textes. […] In der aktuellen Produktion haben freilich Annedore Kleist (Merteuil) und Martin Clausen (Valmont) den größten Brocken zu tragen. Das gelingt ihnen bravourös: Zwei Untote, für die Intimität kein Geheimnis und keine Würde mehr hat […] Ein sehr starker Abend.

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung

Verzweiflung pur, darum geht es in Heiner Müllers Drama „Quartett“. Der Versuch, Sinnleere mit Zynismus und routinierter Gier zu betäuben, ist in einem Allzeithoch. Müller, der vor 30 Jahren in Berlin gestorben ist, hat sein „Quartett“ (nach dem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782) in einem Raum angeordnet, der von einem „Salon vor der französischen Revolution“ bis zu einem „Bunker nach dem 3. Weltkrieg“ reicht.


Grausame Entblößung

Ein Endspiel der Zivilisation, in dem sich die beiden handelnden Figuren (die ihre Rollen tauschen und auch zwei weitere Personen mitverkörpern) bis zur Kenntlichkeit entblößen – grausam und komisch. Ein Stoff von Shakespearschem Schnitt. Und welch großartigen Abend haben Nicola Hümpel (Konzept und Regie), Oliver Proske (Bühne und Video) sowie der Dramaturg Sergio Morabito daraus gemacht. „Quartett zum Quadrat“ heißt ihre Interpretation des Müller-Textes. Das Team konfrontiert ihn auf der Bühne mit den emotionalen Streichquartetten von Leoš Janácek (live vom Kuss-Quartett), Jazz von Paul Hübner (Trompete, Sounds) und Lorenzo Riessler (Schlagwerk) sowie furiosem Tanz von Martin Buczko und Yui Kawaguchi.


Nico & The Navigators wurden 1998 von Nicola Hümpel und ihrem Lebensgefährten Oliver Proske am Bauhaus Dessau gegründet. Seit 1999 in Berlin ansässig, haben sie mit ihrem auch international hoch angesehenen Musiktheater eine aufregende Kollaboration von Sprache, Musik und tänzerischen Interventionen entwickelt.


Bravouröse Darsteller

In der aktuellen Produktion, die jetzt im Radialsystem Berlin uraufgeführt worden ist, haben freilich Annedore Kleist (Merteuil) und Martin Clausen (Valmont) den größten Brocken zu tragen. Das gelingt ihnen bravourös: Sie verkörpern zwei abgefeimte, der Lust um der Lust willen verfallene Monster, die sich nichts mehr vormachen können (und wollen). Zwei Untote, für die Intimität kein Geheimnis und keine Würde mehr hat. Genuss ist ihnen Selbstzweck, um dem Grauen vor sich selbst zu entgehen. Und ihre Machtgeilheit lässt sie zu

Täter und Täterin an zwei Frauen werden, von denen eine (gespielt von Martin Clausen, dem

Darsteller des Valmont) sterben wird. Ein sehr starker Abend.

Thomas Irmer / Theater der Zeit

[…] solche Kombinationen [sind] genau die Spezialität von Nico and the Navigators, um herkömmliche Aufführungsmodi spielerisch zu überwinden und Werke dabei aufzusprengen […] Einen technisch visuellen Höhepunkt liefert Oliver Proskes Spiegelwand, die auch ein Screen für die Großaufnahmen der Gesichter von Valmont und Merteuil und außerdem Fenster in eine virtuelle 3D-Welt sein kann, in der der von Müller angeregte Bunker betreten werden kann – und in dem die beiden Tanzenden einmal ganz körperlich verschwinden. Sehr beeindruckend.

Thomas Irmer / Theater der Zeit

„Quartett zum Quadrat“ nach Heiner Müller und zwei Streichquartetten von Leoš Janáček – Konzept, Regie, Kostüm Nicola Hümpel, Bühne und Videotechnik Oliver Proske, Musik Kuss Quartett


Die Idee, Heiner Müllers im deutschsprachigen Raum oft inszeniertes Stück mit den zwei eher selten gespielten Streichquartetten von Leoš Janáček zu verbinden, wirkt abstrakt und verlockend zugleich. „Quartett“ ist ein Zwei-Personenstück, in dem ein Mann und eine Frau im unerbittlichen Geschlechterkampf noch zwei andere Frauen, die sie sich selbst einander im Geschlechtertausch vorspielen, bis der Mann sterbend in der Rolle einer Frau unterliegt – in Müllers spöttischer Selbsteinschätzung eine Mischung aus Jean Genets „Die Zofen“ und dem Peter-Alexander-Filmulk „Charleys Tante“ aus dem Jahr 1963. Janáčeks „Kreutzersonate“ wiederum geht auf eine Erzählung Tolstois zurück, in der Beethovens Sonate gleichen Titels die Begleitmusik einer Ehebruchsgeschichte ist, bei der der tschechische Komponist vor allem das Unglück der bestraften Frau empfunden hat. Beide gegensätzlich temperierten Stücke ins Quadrat zu setzen, wie es sich Andreas Hillger, Dramaturg von Nico and the Navigators, ausdachte, ist also ein gewaltiger Sprung oder eher Spagat.


Andererseits sind solche Kombinationen genau die Spezialität von Nico and the Navigators, um herkömmliche Aufführungsmodi spielerisch zu überwinden und Werke dabei aufzusprengen. So liegen zwei Figuren zunächst ineinander verknäuelt unter einer Gaze-Haube wie in einem Schlangenei, eine schräge Fläche darüber als beide verdoppelnden Spiegel. Das Kuss-Quartett von Jana Kuss (Violine) spielt dazu stehend den ersten Satz der „Kreutzersonate“ – die ganze Anordnung hochartifiziell kühl.


Mit dem Auftritt von Annedore Kleist als Merteuil und Martin Clausen als Valmont wird mit ihren Kostümen eine andere Note gesetzt. In Müllers Text erwägen sie, „ihre Felle aneinander zu reiben“, als Ausdruck für animalischen Sex. Nicola Hümpel hat die Merteuil mit Schlangenlederstiefeln und einem Fuchskragen kostümiert, wie ihn vor Jahrzehnten Rentnerinnen trugen, die sich keinen Pelzmantel leisten konnten. Clausens Valmont dagegen trägt eine Atze-Schröder-Pilotenbrille und eine Art Eisbärmantel als Zeichen seines abgehalfterten Verführerlebens. Sicher, Müllers Regie-Anweisung „ein Salon vor der Französischen Revolution, ein Bunker nach dem Dritten Weltkrieg“ lässt die Verortung der Figuren weitgehend offen, aber hier soll Trash das Innere hervorkarikieren, was wiederum in einem gewissen Gegensatz zu Müllers gewählt obszöner, alle Erniedrigungen feiernde Sprache steht. Dazu passend oder doch eher unpassend spielt Clausen am Ende halb lallend einen betrunken sterbenden Valmont.


Doch es gibt noch Ebenen anderen Formats. Wenn etwa Martin Buczko und Yui Kawaguchi als Tänzer und Tänzerin das andere Paar zum echten Quartett verdoppeln. Oder Paul Hübner an der Trompete und Lorenzo Riessler am Schlagwerk dem Kuss Quartett eine Klangwelt mit angespannt jazzigen Tönen gegenübersetzen. Disparatheit scheint somit das Prinzip.


Einen technisch visuellen Höhepunkt liefert Oliver Proskes Spiegelwand, die auch ein Screen für die Großaufnahmen der Gesichter von Valmont und Merteuil und außerdem Fenster in eine virtuelle 3D-Welt sein kann, in der der von Müller angeregte Bunker betreten werden kann – und in dem die beiden Tanzenden einmal ganz körperlich verschwinden. Sehr beeindruckend.


Diese technische und musikalische Opulenz führt allerdings nicht zu einer gründlichen Erkundung des Stücks, denn der Text ist hier nur noch Teil eines riesigen Apparats, der mit den Kameras auch die Spielweise der beiden Figuren zu ihnen hin erzwingt und die Musik dominant erscheinen lässt. Einen großen Schauwert hat das allemal, die immerhin fast zweieinhalb Stunden (wahrscheinlich die längste „Quartett“-Inszenierung, die es je gab) bremsen jedoch die Wucht, die von Müllers Stück ausgehen müsste. 

Jürgen Otten / Opernwelt

Berlins Off-Musiktheater bebt: Nico and the Navigators verknüpfen Müllers dystopisches Endspiel «Quartett» mit Janáčeks Streichquartetten und schaffen Bilder von staunenswerter Poesie sowie in der intensiven Interpretation des Kuss-Quartetts expressive Augenblicke.

Jürgen Otten / Opernwelt

Berlins Off-Musiktheater bebt: Nico and the Navigators verknüpfen Müllers dystopisches Endspiel «Quartett» mit Janáčeks Streichquartetten


Die Vorstellung ist wirklich zu schön, um wahr zu sein: «Mann und Weib und Weib und Mann / reichen an die Gottheit an.» Schon in der Bibel, wo der Herr im Himmel bekanntermaßen eine führende Rolle spielte, taten sich viele Jahrhunderte zuvor erhebliche Zweifel an Schikaneders anachronistischem Liebeskonzept auf; bei Matthäus 5, 28 finden wir sowohl den konkreten Anlass, als auch die allgemeine Begründung dafür: «Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.» 1001 berührt, 1001 ist viel geschehen.


Und wer wüsste dies besser als der Viconte Valmont und seine Freundin, die Marquise Merteuil, das dämonisch-diabolische Duo aus Choderlos de Laclos’ Briefroman «Liaisons dangereuses» von 1782, dem Heiner Müller 200 Jahre später, in seinem Schauspiel «Quartett», die Ehre erwies, um es in eine dialektisch dichte Dystopie umzuwandeln, in der sich die Schreckensregression zur Faszination verkehrt. Es gibt wenige Theaterstücke, die derart zynisch, nihilistisch und in ihren Dialogen so bestialisch inhuman sind wie dieses. Und noch weniger, in denen, wie hier, jedes Fragezeichen durch einen Punkt ersetzt ist. Sämtliche Zweifel sind beseitigt, der klaustrophobische Ort, zugleich «Salon vor der Französischen Revolution» und «Bunker nach dem dritten Weltkrieg», kennt, wie ebenfalls seine Insassen, keine Zukunft. Alles kaputt. Faszinierend kaputt. Ein Endspiel also, mit zwei Protagonisten, die nur noch in der Imitation des anderen (daher der Titel «Quartett») ein Jota Lacan’scher jouissance empfinden. Mithin in der Zerstörung all dessen, wonach sie sich dereinst vielleicht einmal gesehnt haben.


Luca Francesconi vertonte Müllers Stück 2011 zu einer Oper in 13 Szenen, verfasste allerdings das Libretto dazu selbst. Nach Rihms «Hamletmaschine» (1983) und Dusapins «Medeamaterial» (1992) war dies ein weiterer gelungener Versuch, die hermetischen Textblöcke des Dramatikers in Töne zu fassen. In allen drei Fällen wirkt die Dissonanz als musikalisches wie semantisch-semiotisches Idiom, die Bühnenwerke machen sich die rhetorische Härte Müllers zu eigen. Die Musiktheater-Kompanie Nico and the Navigators, stets auf der Suche nach alternativen Forme(l)n und Formaten, beschreitet nun einen anderen Weg. In ihrem neuen Stück mit dem etwas gestelzten Titel «Quartett zum Quadrat» verklammert sie Müllers Schauspiel mit den beiden Streichquartetten von Leoš Janáček. Die Idee des Dramaturgen Andreas Hillger (der jedoch, wie Auguren sagen, nach einem Zerwürfnis mit der Regisseurin Nicola Hümpel aus dem Projekt ausstieg, woraufhin Sergio Morabito einsprang) entbehrt nicht einer gewissen Dringlichkeit: Janáčeks Streichquartette thematisieren mehr oder weniger direkt prekäre Liebesverhältnisse, die ins Unglück führen: Das erste Stück trägt den Namen von Tolstois düsterer Erzählung «Kreutzersonate», in der ein gewisser Posdnyschew seine Frau umbringt, als er eine Liaison mit dem Geiger Truchatschewskij entlarvt; und das zweite Streichquartett mit dem Titel «Intime Briefe» ist eine Hommage an die knapp 40 Jahre jüngere Kamila Stösslová, in die der Komponist im Spätherbst seines Lebens vergeblich wie sterblich verliebt war.


Fragt sich eben nur: Wie lässt sich das, zumal es mit den Trompeten- und Schlagwerkkompositionen von Paul Hübner und Lorenzo Riessler noch eine weitere musikalische Textur und mit dem Tanz-Duo Martin Buczkó und Yui Kawaguchi auch noch eine choreographische Ebene gibt, szenisch beglaubigen? Regisseurin Hümpel (sie verantwortet auch die Kostüme) und ihr Bühnenbildner Oliver Proske suchen ihr Heil im Berliner Radialsystem in der visuellen Überfrachtung. Das zeitigt zwar Bilder von staunenswerter Poesie (vor allem Proskes «Bunker»-Videos und Personen-Spiegelungen besitzen einen hohen Grad an Imagination) und in der intensiven, intonatorisch irritierenden Interpretation des Kuss-Quartetts auch etliche expressive Augenblicke – allein, der Kern des Ganzen gerät mächtig in Gefahr: Müllers Theaterstück.


Nicht nur, dass dies in kleine Mosaiksteine zerfällt, was Müllers Intention nicht war; «Quartett» lässt zwar Atempausen und Fermaten zu, verweigert sich aber der Aufhebung des Hermetischen. Problematischer indes wirkt die ungelenke Figurenzeichnung. Annedore Kleist glaubt man zwar das Gequälte der Merteuil’schen Existenz, doch nicht eine Sekunde lang, dass die Marquise, eine Schwester Philoktets, zur Nihilistin geworden ist, zu einer bösen, im eigenen Verwelken hassenden Frau – was auch dadurch deutlich wird, dass die Schauspielerin das kokette «Küken »Volange überzeugender verkörpert. Kleist fehlt die Härte, die kalte Gehässigkeit, die Müller der Marquise einschrieb (und die Glenn Close an der Seite des maliziösen John Malkovich in Stephen Frears’ legendärer Roman-Verfilmung von 1994 so unfassbar brillant ausspielte). Weit überzeugender gibt Martin Clausen ihr Pendant, den Viconte Valmont (beide tragen übrigens, weil sie sich «an ihren Fellen reiben», Pelze: er ein Lammfell, sie Nerz und Leopardenkleid). Ein heruntergekommener Snob, der beides kann: Lude und Hure, Herr und Knecht, Mann und Frau. Hinreißend komisch, wie er die Madame de Tourvel mimt, als katholische Statue. Doch auch und gerade in dieser Komik liegt große Gefahr: Sie verniedlicht, was weder Müller noch Tolstoi und Janáček mit aller Deutlichkeit formulierten: Desillusionierte, disruptive und obstruktive Beziehungen erzeugen nichts als Schmerz. Wenn Clausen als Valmont am Ende den mit Theaterblut gefüllten Todesbecher trinkt und dabei (ungewollt?) ausrutscht und heftig ins Chargieren abgleitet, fühlt sich das irgendwie falsch an. Wie ein Slapstick inmitten der Tragödie des Lebens.

Content Note

In der Inszenierung werden Themen wie psychische und sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch und zerstörerische Beziehungen verhandelt. Auf der Bühne kommt Kunstblut zum Einsatz. Einzelne Szenen können für manche Zuschauer*innen verstörend oder belastend sein.


Eine Produktion von Nico and the Navigators, gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.

In Kooperation mit dem Radialsystem. Der Originaltext wird verwendet mit Genehmigung des henschel SCHAUSPIEL Theaterverlags Berlin.

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