sweet surrogates

25 Jahre NICO AND THE NAVIGATORS – Kammerfassung

Mit der Premiere „sweet surrogates“ werfen NICO AND THE NAVIGATORS einen konzentrierteren und skeptischeren Blick auf das Thema Rausch, das sie bereits in der Orchesterfassung „Lost in Loops“ im Konzerthaus verhandelt haben.

 

Nach dieser ausverkauften und gefeierten Version kommt das Jubiläumsjahr zum 25. Bestehen der Kompanie damit zum Höhepunkt.

 

In ihrem neuen Stück suchen NICO AND THE NAVIGATORS nach dem reinen Rausch: Ist es möglich, das Bewusstsein ohne Risiken und Nebenwirkungen zu erweitern oder zu betäuben? Kann man der Schwerkraft entkommen, ohne den Absturz zu riskieren? Und ist nicht auch die flüchtige Kunst ein süßes Surrogat für garantiert tödliches Leben? Nach der großen Sehnsucht, die das Ensemble zuletzt in „Lost in Loops“ formuliert hat, wirft die Kammerfassung „sweet surrogates“ einen konzentrierteren und skeptischeren Blick auf das Thema Rausch: Denn die nach der Pandemie ersehnte Euphorie ist ausgeblieben, neue Krisen erschüttern die Welt – und die Erlösung in Ekstase scheint wünschenswerter denn je.

Mit ihrer Premiere feiern die Navigatoren im Radialsystem zugleich ihr Jubiläum voller Energie und süßer Verführung, als glücklichen Augenblick mit offenem Ausgang. Am Samstag nach der Vorstellung findet eine Jubiläumsfeier statt. Einen erweiterten Blick auf die Realität verspricht zudem die Augmented-Reality-Performance „Du musst Dein Leben rendern!“, die innerhalb der Festwoche ebenfalls gezeigt wird. Zum Schwelgen in einem Vierteljahrhundert Navigator-Geschichte lädt die AR-Ausstellung „Die Erinnerung von morgen“ ein. Was wird die Zukunft gewesen sein, auf die wir nach dem Rausch zurückblicken?

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Beitrag auf ARTE | Musiktheater: 25 Jahre Nico and the Navigators

Pressestimmen

Sandra Luzina / ARTE Journal

In ihrer Jubiläumsproduktion gehen Nico and the Navigators auf einen Trip … Die Collage bewegt sich zwischen Ekstase und Entgrenzung, Wahn und Melancholie und verschmilzt unterschiedliche Musikstile … Nico and the Navigators, die Pioniere eines neuen Musiktheaters, haben immer noch den Dreh raus.

Sandra Luzina / ARTE Journal

Link zum Beitrag: https://www.arte.tv/de/videos/118110-000-A/musiktheater-25-jahre-nico-and-the-navigators/


Transkript:


Mod.: In ihrer Jubiläumsproduktion gehen Nico and the Navigators auf einen Trip. In „sweet surrogates“ geht es um die Sehnsucht nach dem kollektiven Rausch, aber auch um die große Frage, was Kunst heute noch bewirken kann. 


N. Hümpel: Die Frage, die wir uns stellen, ist: Kann in einer Zeit sozialer, politischer Erschütterungen, in einer Kultur-Endzeitstimmung, uns Kultur noch berauschen? Können wir noch wegfliegen in Momenten? Können wir, mit dem Publikum gemeinsam, diese Situation noch leben und spürbar machen, so dass wir uns erinnern, wer wir sind?


Mod: Durch Live-Kameras wird die Bühne in den digitalen Raum erweitert. Das Spiel mit der Wahrnehmung hat hier oft etwas Psychedelisches.


Proske: Wir versuchen mit filmischen Mitteln, den Rauschzustand anders darzustellen. Also das live aufgezeichnete Bild so zu verfremden, dass man mit diesen Mitteln, die wir dann dort haben eigentlich ein Gefühl erzeugt wie es vielleicht ist, wenn man einen Rausch hat.


Mod.: Das Stück wurde wieder in kollektiver Recherche entwickelt. 

Die Collage bewegt sich zwischen Ekstase und Entgrenzung, Wahn und Melancholie und verschmilzt unterschiedliche Musikstile. 


Hümpel: Die Musikauswahl entsteht schlicht und ergreifend dadurch, dass die mitagierenden Künstler*innen entscheiden, was sie zu diesem Thema beitragen möchten, was ihre Empfindungen sind.


Mod.: Nico and the Navigators, die Pioniere eines neuen Musiktheaters, haben immer noch den Dreh raus.

Frauke Thiele / RBB-Kultur

Das Stück: eine Collage aus Gefühlszuständen, ausgedrückt über die Bilder, die Tanz, Gesang, Spiel, Video und immer wieder wohldosiert Worte auf der Bühne entstehen lassen. Die fünf Musiker*innen binden alles trotz ständiger Musikbrüche ganz organisch zusammen und sind selbst immer wieder in das Spiel eingebunden. Sich in den Rausch tanzen, dann als gequälte Kreatur sich krümmen, in der Gruppe zusammenfinden oder sich im Blutrausch aufeinander stürzen. Oder ganz allein, verzweifelt. Der Pianist am Klavier, er fühlt das Stück – das sieht man in seinen Augen, groß auf der Leinwand übertragen … Und es sind solche Gefühlsskulpturen aus Bild, Bewegung Mimik und Musik, die hängen bleiben … künstlerisches Chaos als Spiegelbild des Weltenchaos. 

Frauke Thiele / RBB-Kultur

Link zum Beitrag: https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_tag/archiv/20231214_1600/kultur_aktuell_1645.html


Kulturelle Endzeitstimmung als Ausgangspunkt von „sweet surrogates“: Ein geheimnisvoller Musikteppich, auf der großen Leinwand über der Bühne eine Videobildmischung aus Rauchschwaden und grauer, einsamer Winterstraße. Und ein Gedicht über Kunst als Rauschmittel (…) Hugo von Hofmannsthal hat das geschrieben, Künstlerweihe heißt das Sonett. Und der Schauspieler spricht es, als wäre es für die Abgründe, vor denen wir heute stehen, geschrieben. Die Welt, erschüttert von Gewalt und Krisen, Gewissheiten scheint es keine zu geben. 


[Nicola Hümpel:] Wie gehen wir damit um, was können wir in dem Raum, in dem Kunst-Raum noch erzählen? [Nicola Hümpel, künstlerische Leiterin] Und auch uns schwinden da manchmal die Kräfte und wir sehen, was da draußen passiert und empfinden uns selbst als klein und ohnmächtig. 


Ob „Lucy in the Sky with Diamonds“ da helfen kann? Der Song wird fast wie eine Frage gesungen. Und die rhythmischen Zuckungen der jeweils zwei Sänger-, Tänzer- und Performer*innen auf der Bühne sind überhaupt keine Antwort. 


[Nicola Hümpel:] Die große Frage, die über allem steht, ist, kann uns die Kunst noch verführen, oder nicht? 


Sie kann, mit einer Dramatik, die trunken macht. Die Sängerin singt ihre Arie mit so intensiver Ausdruckskraft, auf der Leinwand herangezoomt ganz groß zu sehen, dass die beiden Darsteller, denen sie die Haare zerwühlt, vollkommen benebelt sind. 


[Nicola Hümpel:] Das ist eine große Sehnsucht danach, mit Sängern und Sängerinnen so zu arbeiten, dass sie in sich selbst wirklich die Musik spüren und fühlen und leben und ihren ganz persönlichen Film da fahren - und das ist, glaube ich, der einzige Weg, wie wir die von uns so geliebte klassische Musik wirklich in die heutige Zeit retten können.


Das Stück: eine Collage aus Gefühlszuständen, ausgedrückt über die Bilder, die Tanz, Gesang, Spiel, Video und immer wieder wohldosiert Worte auf der Bühne entstehen lassen. Die fünf Musiker*innen binden alles trotz ständiger Musikbrüche ganz organisch zusammen und sind selbst immer wieder in das Spiel eingebunden. Sich in den Rausch tanzen, dann als gequälte Kreatur sich krümmen, in der Gruppe zusammenfinden oder sich im Blutrausch aufeinander stürzen. Oder ganz allein, verzweifelt. Der Pianist am Klavier, er fühlt das Stück -das sieht man in seinen Augen, groß auf der Leinwand übertragen. 


[Nicola Hümpel:] Für mich ist das eine sehr berührende Szene, da Matan ja nun aus Israel kommt und gerade diese tragische Geschichte in sich trägt. Und als wir im Proebenraum das gemacht haben, ich bin wirklich in Tränen ausgebrochen, weil ich alles in seinen Augen hab spiegeln sehen.


Die anderen auf der Bühne halten inne, beobachten, nehmen Anteil. Auch das eine spontane Reaktion aus der Probenarbeit, im Stück festgehalten. Was kann uns also retten? Antworten gibt es keine, wir finden sie nicht in Ablenkung, Ersatzreligionen oder Ekstase. So intensiv die Erfahrungen auch sein mögen: Wir können nur immer wieder leben, immer weiter und weiter. Ein schönes Bild dafür ist, wenn der Tänzer sich auf dem Boden langsam dreht und von oben gefilmt sieht es aus, als würde er im Kreis laufen. Ganz entspannt, und dann immer schneller, wie als würde er in einem Strudel verschwinden. Und es sind solche Gefühlsskulpturen aus Bild, Bewegung Mimik und Musik, die hängen bleiben.


[Nicola Hümpel:] Wir können keine politischen Reden halten, das Sprachrohr was wir besitzen, ist die Musik, ist der Körper, ist die Seele. Und mit der sprechen wir und das tun sie miteinander auf der Bühne und das tun sie mit dem Publikum.


Eine Plastiktüte, die sich im Wind windet, die Tänzerin, die es ihr gleichtut. Notenblätter, die durcheinanderwirbeln - künstlerisches Chaos als Spiegelbild des Weltenchaos. Und ganz zaghaft gesungen, fast wie eine Frage: Here comes the sun…


Annett Jaensch / Rostrot-Texte

Überhaupt gleicht das Ensemble in seinem Spiel Elementarteilchen, die immer haarscharf über den schmalen Grat von Ekstase und Absturz wandeln. Ein Zurück gibt es nicht, nur ein Weiter. Wie im echten Leben. In diesem eklektischen Kosmos verwundert es auch nicht, wenn neben dem Wahnmonolog aus „Die Meistersänger von Nürnberg“ Bob Dylan auftaucht, der „Buckets of rain“ ausschüttet. Wenn Notenblätter ein rasantes Rendezvous mit einer Windmaschine haben oder ein einsamer Breakdance plötzlich alle Traurigkeit der Welt einzufangen scheint … Aber was macht nun die spezielle Handschrift der Navigatoren aus? Klassisches Material durchlässig für heutige Augen und Ohren machen? Musik, Text und Bewegung collagenartig so verbinden, dass die Themen wie von allein weiterschwingen? Selbst den existenziellsten Fragen eine bittersüße Leichtigkeit verleihen? Alles zusammen könnte man an dieser Stelle antworten!

Annett Jaensch / Rostrot-Texte

Nebelschwaden wabern durch eine winterliche Landschaft. Unter der großformatigen Video-Projektion liegt ein Trüpplein Menschen und reibt sich die Augen, als wäre es gerade erst in die Welt gefallen. „Und sind wir müde, soll uns Kunst erregen“, die Gedichtzeilen aus „Künstlerweihe“ von Hugo von Hoffmannsthal heben die Szenerie dann vollends über die Schwelle zum Romantizismus. Mit dieser kleinen Zeitreise macht die Jubiläumsproduktion gleich am Anfang klar:

In „sweet surrogates“ rückt die Kunst selbst in den Fokus.


Was taugt sie in Zeiten von Dauerkrisen und Verunsicherung als Zufluchtsort? Wie viel kollektiver Rausch lässt sich heute noch mit ihr erleben? Die Kammerversion des im Frühjahr diesen Jahres gezeigten „Lost in Loops“ soll diese Fragen abtasten. Was erst einmal nach sperriger Kost klingt, wird bei Nico and the Navigators zu einem leichtfüßigen Ritt durch die Referenzen. Und welche musikalischen Hochkaräter hat die 1998 von Nicola Hümpel und Oliver Proske am Dessauer Bauhaus gegründete Compagnie nicht schon aus dem Fundus geholt: Schubert, Mahler, Rossini, Britten, Schütz, Händel, um nur einige zu nennen.


Aber was macht nun die spezielle Handschrift der Navigatoren aus? Klassisches Material durchlässig für heutige Augen und Ohren machen? Musik, Text und Bewegung collagenartig so verbinden, dass die Themen wie von allein weiterschwingen? Selbst den existenziellsten Fragen eine bittersüße Leichtigkeit verleihen? Alles zusammen könnte man an dieser Stelle antworten! Und noch ein anderer Aspekt lässt die Produktionen, die so gern das musikalische Erbe umarmen, auf der Höhe der Zeit erscheinen: der Einsatz von Technologie. Nicola Hümpel und ihre Mitstreiter:innen gehörten in Europa zu den Ersten, die mit VR-Brillen und Augmented Reality im Theaterraum experimentierten.


In „sweet surrogates“ sind es die Live-Kameras neben und über der Bühne, die den visuellen Sog des Gezeigten steuern und steigern. Die taiwanesische Sopranistin Peyee Chen schraubt in Großaufnahme ihre Stimme in barocke Höhen und hält Patric Schott und Martin Clausen dabei wie Marionetten an den Köpfen. Ihre Gesichter werden im Zoom zu Landschaften der Verzückung und Pein. Überhaupt gleicht das Ensemble in seinem Spiel Elementarteilchen, die immer haarscharf über den schmalen Grat von Ekstase und Absturz wandeln. Ein Zurück gibt es nicht, nur ein Weiter. Wie im echten Leben.


In diesem eklektischen Kosmos verwundert es auch nicht, wenn neben dem Wahnmonolog aus „Die Meistersänger von Nürnberg“ Bob Dylon auftaucht, der „Buckets of rain“ ausschüttet. Wenn Notenblätter ein rasantes Rendezvous mit einer Windmaschine haben oder ein einsamer Breakdance plötzlich alle Traurigkeit der Welt einzufangen scheint. Am Ende schließt sich sogar noch für das Nebelmeer vom Anfang die thematische Klammer: Mit einer hinreißend brüchig hingehauchten Version des Beatles-Songs „Here comes the sun“. Happy Birthday! 

Dr. Ingobert Waltenberger / Online Merker

Berliner Welttheater und virtuose Ensemblekunst vom Feinsten.

Dr. Ingobert Waltenberger / Online Merker

Link zum Artikel: https://onlinemerker.com/berlin-radialsystem-sweet-surrogates-umjubelte-jubilaeumsauffuehrung-zum-25-jaehrigen-bestehen-von-nico-and-the-navigators/


„Die Seele ist vergraben und erstickt… Verfaultes leuchtet fahl auf nächt’gen Wegen…. Und wir sind müde, soll uns Kunst erregen. Bis wir im Rausch der leeren Qual entrückt.“ Aus Hugo von Hofmannsthal „Künstlerweihe“


In Wien, Paris, Prag oder Berlin sind in den letzten Jahrzehnten ganz eigene, ganzheitliche Theaterformen entstanden, die das Miteinander von Musik, Videos, Tanz, Akrobatik, Pantomime, Poesie, Literatur in Raum, Bühnenbild und Dekor neu definiert, erforscht, durchleuchtet und in eigenständigen Mischungen zelebriert haben und dies auch heute in steter Fortentwicklung noch tun. Poesie in Wort, Bild und Ton und der Mensch in all seinen existenziellen Bedingtheiten und denkmöglichen Seinsfacetten des Realen und Paradoxen dienen als programmatische Versuchs- und Suchuniversen.


Zur unverwechselbaren Marke geworden sind etwa das „Serapions-Theater“ im Wiener Odeon, gegründet 1973 von Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits, das 1964 ins Leben gerufene „Théâtre du Soleil“ der von mir über alles bewunderten Ariane Mnouchkine, das in der Pariser „Cartoucherie“, einer alten Munitionsfabrik im Bois de Vincennes, für unvergessene Theaterabende sorgte oder die Prager „Laterna Magika“, in der aus den Elementen Film, Licht, Musik und Pantomime poetisch hinreißende Effekte destilliert werden.


1998 am Bauhaus in Dessau gegründet und schon 1999 nach Berlin übersiedelt (zuerst Sophiensäle, ab 2006 Radialsystem), gibt es Nico and the Navigators seit 25 Jahren. Dank des Kreativduos Nicola Humpel (künstlerische Leitung) und Oliver Proske (Bühne) hat sich das Ensemble einen internationalen Spitzenplatz erobern können. Sie haben so etwas wie ein faszinierendes Berliner Welttheater kreiert. Vor dem Hintergrund bewegter Bildprojektionen, die großteils live mit seitlich, vorne und über der Szene platzierten Kameras eingefangen werden, direkt oder digital verfremdet, die die Bühnenaktion verstärken bzw. multiplizieren, werden Bewegungschoreografien, Breakdance und Schauspiel zu einem höheren Ganzen verwoben.


Der Musik kommt in den bisher 38 Produktionen ein ganz besonderer Stellenwert zu, Sie wird live von einem großartigen Instrumentalensemble (Violine Elfa Run Kristinsdottir, Gitarre Tobias Weber, Schlagzeug, Synthesizer und Komposition Philipp Kullen, Klavier Matan Porat, Trompete Paul Hübner) und der Vokalartistentrias Peyee Chen (Sopran), Ted Schmitz (Tenor) und Nikolay Borchev (Bariton) realisiert und von den Ausführenden in das dramatische Geschehen integriert.


In der neuen Produktion „Sweet Surrogates“ ist der musikalische Part mit einem mitreißenden Mix aus Pop (The Beatles, Rolling Stones), Billy May, Songs (Bob Dylan, The Shivers), Oper (‚Ebben‘ aus „La Wally“ von Alfredo Catalani, Wahnmonolog des Hans Sachs aus Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“), Renaissanceklängen (Barbara Strozzi, Heinrich Ignaz Franz Biber), klassischer Moderne (Dmitri Shostakovich, Britten, Ravel, Vaughan Williams) und Minimal Music (John Adams, Philip Glass), dem endlich wieder entdeckten Klangrauschpostminimalisten Julius Eastman (‚Joy Boy‘) und Richard Strauss‘ „Morgen“ besonders würzig opulent und unser Leben spiegelnd ausgefallen.


17 Jahre jung war Hugo von Hofmannsthal, als er das Sonett „Künstlerweihe“ schrieb, dessen dritte und vierte Strophe als Navigationspunkte des Abends verstanden werden können:


Jüngst fiel mein Aug auf Meister Wolframs Buch, Vom Parzival, und vor mir stand der Fluch, Der vom verlornen Gral herniederklagt: „Unseliger, was hast du nicht gefragt?!“ In Mitleid ahnend stumme Qual befreie: Das ist die einzig wahre Künstlerweihe!


„Fin de siècle“ Stimmung, ein „Grundgefühl einer kulturellen Endzeit, das von der tiefen Erschütterung sozialer, politischer und religiöser Gewissheiten geprägt wurde, ließ den Dichter an seiner Berufung zweifeln, bis er sie in Meister Wolframs Buch vom Parzifal entdecken wollte.“ (Dramaturg Andreas Hillger).


Nico and the Navigators wünschen mit dieser Produktion, die u.a. den Rausch als zivilisatorisches Ventil und Kitt thematisiert, nach einem Vierteljahrhundert gemeinsamer Arbeit innezuhalten, ihren gegenwärtigen Standort zu bestimmen und über den künftigen Kurs nachzudenken.


Kunst als süßer Ersatz, als Einübung in die Sterblichkeit? Ich denke, das Eintauchen in künstliche Simulation, in fantastische Geschichten, die in Büchern, auf der Bühne oder Gemälden mit großer Emotion jenseits eines für viele anstrengenden bis grauen Alltags erzählt werden, vermag es, dem Menschen zu ermöglichen, eine kleine Pause vom eigenen Ich zu machen, es sozusagen auf Urlaub zu schicken. Bewegt vom ewigen Zwiespalt von Zuviel oder Zuwenig, Mangel oder Überforderung, Hunger oder Völlerei im eigentlichen oder übertragenen Sinn, erlauben es solche Abende wie ‚sweet surrogate‘, dem Geheimnis der goldenen Mitte nachzuspüren, einen Zustand der Katharsis nach Mitleiden zu erreichen, völlig entspannt, zufrieden oder positiv aufgewühlt. Hillger drückt das so aus: „Trotz und Trost, Erregung und Beruhigung liegen hier eng beieinander, das radikale Gefühl der Vereinzelung ist ebenso möglich wie das Erlebnis einer maximalen Gemeinschaft.“


Nicola Hümpel hat zur Veranschaulichung des Gesagten in 22 Szenen Musik (siehe oben), Texte von Ingeborg Bachmann, Charles Baudelaire, Walter Benjamin, Hofmannsthal, E.H. Lawrence bis den Navigators sowie bunter kulturübergreifender Aktion zu einem sinnlich nachdenklich bis humorvollen Kammerspiel in ihrer spezifischen Bühnensprache montiert. „Altensemblemitglied“ der Navigators Patric Scott spannt den roten Faden des Geschehens als dauerpaffender Spielleiter, als zynischer Diabolus und geschmeidiger Verführer.


Starmime Martin Clausen hat die extremsten Szenen für sich gepachtet: Er darf in einer gruseligen Nummer Theaterblut und schwarze Bananen zu einem Brei vergatschen und sich vom Bühnenboden einverleiben, bevor er im Adamskostüm zu musizieren beginnt.


Bisweilen kuscheln sich alle Mitwirkenden wie Welpen eng aneinander, das Verlorensein der Figuren durch Nähe kompensierend. Höchst amüsant geht es zum vierten Satz vom ersten Klavierkonzert von Dmitri Shostakovich vom Leder. In einem grotesken Papierwirbelsturm werden Stapel an Notenblättern von Hand oder der Windmaschine durcheinander geblasen und nehmen so das Chaos künstlerischen Schaffens auf die Schaufel.


Auf der anderen Seite verzaubert Florian Graul mit einer hochpoetischen wie virtuos elastischen Breakdancenummer zu Barbara Strozzis „Che si poó fare“ und die Spanierien Alba de Miguel legt ein atemberaubendes Flamenco-Furioso aufs Parkett. Tenor Ted Schmitz, der besonders herzzerreissend die englischsprachigen Nummern von Britten und Williams interpretiert, darf erotisch knisternd auf einem Rollgefährt zu ‚Beauty‘ von „The Shivers“ („I live off love, I feed off love, I breathe off love, I think of love, I drink of love, I sink in love,.“) von Mann zu Frau und wieder retour schmachten. Aber auch die Musiker bekommen ihre Bühnensoli ab. So ist beispielsweise Pianist Matan Porat im Ausschnitt aus dem zweiten Satz des Klavierkonzerts in G-Dur von Maurice Ravel in Großaufnahme und mit sich drehendem Piano von oben zu bewundern.


Der Bilderreigen einer über der Bühnenmitte gespannten hochformatigen Leinwand reicht von eisig vernebelter Kälte über Regen und Wassertropfen auf Glas bis zu in halluzinogene Farben getauchte bzw. psychedelisch verschwommene Gesichter. Gegen Ende des pausenlos gespielten Stücks hellt sich die Stimmung mit dem himmlischen, das Gute in uns beschwörenden ‚Evening Song‘ aus „Satyagraha“ von Glass, Strauss‘ „Morgen“ bis zu ‚Here comes the sun‘ von den Beatles hoffnungsvoll lichtend auf.


Es ist ein großer Abend eines wichtigen und nicht nur mir besonders am Herzen liegenden Theaterensembles der Berliner freien Szenen geworden. Die Verzauberung und Überwältigung hat stattgefunden, der blitzende Funke ist wieder einmal übergesprungen.


Im Anschluss zur Jubiläumsfeier gab es nach einer Begrüßung des Programmleiters des Radialsystems, Matthias Moor, eine bewegende Laudatio des sympathischsten und authentischsten aller mir bekannten Kulturpolitiker, des Kultursenators Joe Chialo. Olaf Schmitt, seit 2016 künstlerischer Leiter der Kasseler Musiktage, hat mit seinem intellektuell schillernden Redebeitrag ebenso die künstlerischen Leistungen von Nicola Humpel, Oliver Proske & Co. gewürdigt wie die geniale Annedore Kleist in einer launigen und höchst unterhaltsamen Rede Tiefen und Untiefen des Genres rhetorisch brillant sezierte.


Fazit: Berliner Welttheater und virtuose Ensemblekunst vom Feinsten. Mögen uns „Nico and the Navigators“ weitere 25 Jahre erhalten bleiben. Der prononcierte Förderungswille der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt – Abteilung Kultur – ist auf jeden Fall da.


Sandra Luzina / Tagesspiegel

In „sweet surrogates“ suchen Nico and the Navigators nun nach dem kollektiven Rausch. Die Kunst ist hier ein Ersatzstoff mit garantiert euphorisierender Wirkung.

Sandra Luzina / Tagesspiegel

Im Oktober 1998 gastierte eine völlig unbekannte Gruppe in den Berliner Sophiensaelen. Nico and the Navigators, gegründet am Bauhaus Dessau, zeigten im Hochzeitssaal ihre Produktion „Ich war auch schon einmal in Amerika“. Schnell verbreitete sich die Kunde, dass hier ein völlig neue Bühnenästhetik zu bestaunen war. Und bald standen die Zuschauer Schlange bis in die Sophienstraße. „Es war unglaublich!“ sagt Nicola Hümpel rückblickend. „Es war die Nachwendezeit. Die Stadt war begierig nach Projekten, die das damalige Lebensgefühl spiegelten.“


Kongeniales Duo: Nicola Hümpel und Oliver Proske


An den Sophiensaelen startete die Gruppe um die Regisseurin Nicola Hümpel und den Bühnenbildner Oliver Proske richtig durch. Hier erarbeitete sie den Zyklus „Menschenbilder“: In „Lucky days, Fremder!“ (1999) ging es um Rituale des Abschieds (1999), „Eggs on Earth“ (2000) thematisierte die Zwänge der Arbeitswelt , in „Lilli in putgarden“ bekamen die Dinge ein wundersames Eigenleben (2001). Es war eine ziemlich verrückte Truppe aus lauter Individualisten, die Hümpel um sich geschart hatte: begabte Laien wie Martin Clausen und Patric Schott und der Ex-Tänzer Lajos Talamonti gehörten dazu, aber auch Ex-Kommilitonen Nicos von der Hochschule für bildende Kunst in Hamburg.


Hümpel hatte sich dort offiziell für Industrial Design eingeschrieben, sie hat aber vor allem Plastiken und Installationen gemacht und Performances entwickelt. Dort begegnete sie Oliver Proske, einem Schüler des Design-Papstes Dieter Rams. Dass das Theater von Nico and the Navigators so anders ist, hat auch damit zu tun, dass die beiden Köpfe von der Kunsthochschule kommen. Als „Designer-Theater“ wurde ihre Ästhetik manchmal bezeichnet, doch das trifft es nicht. Die Suche nach der Genauigkeit der Form ist zwar charakteristisch für ihre Arbeit, doch es geht nie nur um Oberflächen-Effekte.


Die Methode: Improvisation setzt Verborgenes frei


Auf die Frage nach prägenden Einflüssen nennt Hümpel den Maler und Regisseur Achim Freyer, den sie Anfang der 1990-er am Bauhaus Dessau kennenlernte. Freyer ist bekannt für sein genreübergreifendes Bildertheater. Hümpel hat einiges von seiner Methode übernommen, dies aber zu ihrer ganz eigenen Arbeitweise weiterentwickelt, weil sie die Figürlichkeit nur bedingt interessierte. „Mich hat ja immer der emotionale Kern dahinter interessiert und nicht die Form. Die Form war sozusagen nur das Vehikel, in die Seele einzutauchen oder vorzudringen, durch Reduktion, Verlangsamung oder Beschleunigung etwas frei zu setzen, was in einer normalen Reproduktion einer Emotion niemals passieren würde.“


Schon als kleines Mädchen hat Nicola Hümpel die Menschen in ihrer Umgebung aufmerksam beobachtet. Ihr sei immer aufgefallen, wenn etwas nicht stimmte, wenn die Geste nicht zur Stimmlage passte oder die Worte nicht zu den Augen. Dieser Verhaltensforscher-Blick prägt auch ihre Arbeitsweise, die sie als angeleitete Improvisation bezeichnet. Sie beginnt die Improvisationen mit Aufgaben oder kleinen Motiven. Bewegungsabläufe, Gestik und Mimik werden dann seziert, neu miteinander kombiniert und überzeichnet. Seit 14 Jahren lehrt sie diese Methode auch an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Sie freut sich immer,wenn sie im Fernsehen einer ihrer ehemaligen Studierenden sieht, der ihre Techniken anwendet. Bei den Navigators hat sie damit manchmal ein komisches Talent herausgekitzelt, von dem der Spieler nichts ahnte. „Ich glaube, so hat jeder Navigator auf seine Weise diesen Anteil in sich gefunden, den er im Leben nicht lebt, aber auf der Bühne.“


Die Protagonisten sind Helden des komischen Scheiterns


Zerzaust die Frisur; adrett das Kostüm: In den frühen Stücken waren die Figuren immer recht verzagte und verwirrte Zeitgenossen, Diese Helden des komisch-anmutigen Scheiterns katapultierten sich in alle möglichen Schräglagen und stürzen sich in kuriose Kommunikationsrituale. In den Szenen-Collagen werden die Absurditäten des Alltags durchgespielt. Die multifunktionalen Bühnenräume, die Oliver Proske schuf, waren immer Mit- und Gegenspieler. Das streng rationale Design bildete einen Kontrast zu den menschlichen Unzulänglichkeiten. Berühmt sind die Navigators auch für die krytischen, sinnverdrehten Sätze. Einzeiler wie „Und warum am Abhang die Herkunft verleugnen?“ oder „Meine Zwickmühle steht auf der Kippe.“


Nico and the Navigators haben im Laufe der Jahre einen ganz eigenen Stil entwickelt. Natürlich gab es immer wieder Durststrecken. Aber die Gruppe war einfach zu erfolgreich, um aufzuhören. Zudem hatte sie ein Kreis prominenter Unterstützer, der sie stets anfeuerte weiterzumachen. Einmal hat Nicola Hümpel aber doch daran gedacht, aufzuhören. Noch eine Produktion wollte sie machen und sich dafür alle Freiheiten nehmen; sollte sie scheitern, würde sie danach die Kompanie auflösen. „Kain Wenn & Aber“ (2003) wurde dann aber ein großer Erfolg.


Ein Schubert-Abend zusammen mit der Musicbanda Franui


Der Schubert-Abend „Wo Du nicht bist“ (2006), der in Kooperation mit der österreichischen Musicbanda Franui entstand, markiert einen Wendepunkt. Vorher machten Nico and the Navigators Bildertheater mit Musik, von nun an experimentierten sie mit neuen Formen des Musiktheaters. Dadurch stießen mehr professionelle Sänger, Tänzer und Musiker zur Truppe. Zu den prägenden Protagonisten der zweiten Navigators-Generation gehören die japanische Tänzerin Yui Kawagutchi und der US-amerikanische Tenor Ted Schmitz. Ihre Arbeitsweise hat Hümpel nun etwas modifiziert. Aber auch bei der Zusammenarbeit mit Sängern geht es ihr darum, eine charakteristische Körperlichkeit fernab aller Opernkonventionen zu entwickeln. 


Phänomenal, als freie Gruppe so lange durchzuhalten


„Unser Ziel ist es, existenzielle Themen zwischen den Gattungen Gesang, Musik, Tanz und Schauspiel miteinander und auf Augenhöhe miteinander zu verhandeln“, beschreibt Hümpel den gemeinsamen Ansatz.

Für das Ensemble prägende Produktionen waren der Händel-Abend „Anaesthesia“, die Rossini-Produktion „Petite Messe Solennelle“ und „Silent Songs“ …

Nicola Hümpel hat auch an der Staatsoper Stuttgart und Hannover inszeniert. Nur noch an großen Häusern zu arbeiten, hat sie aber nie verlockt: „Ich weiß, dass ich ausschließlich an festen Häusern meine Arbeit nicht machen könnte. Das ist eine Handschrift, die darauf basiert, dass die Leute, die da mitmachen, das auch wollen.“


Als freie Gruppe 25 Jahre durchzuhalten, ist schon phänomenal. Deswegen wollen die Navigators ihr Jubiläum auch ausgiebig feiern. Im Februar zeigte die Truppe als einmalige Aufführung „Lost in Loops“ im Konzerthaus.Nun entwickeln sie mit „sweet surrogates“ eine kammermusikalische Fassung des Stücks und widmet sich erneut dem Thema Rausch und Sucht. Das Stück wurde wieder in kollektiver Recherche erarbeitet.


Dass Nico and the Navigators so erfolgreich sind, liegt auch daran, das Nicola Hümpel und Oliver Proske so gut funktionieren als Künstlerpaar. „Wir sind in manchen Sachen sehr diametral, also haben ganz unterschiedliche Fähigkeiten und deswegen hat das wahrscheinlich auch geklappt“, sagt Proske mit trockenem Humor. Er hatte anfangs nichts am Hut mit Theater,wollte nur mal was für seine Freundin bauen. Proske ist auch für die Geschäftsführung und die technische Leitung zuständig. Der Blick auf die Zahlen war stets ernüchternd. Aber die Arbeit habe ihn immer beflügelt.


Der permanente Kampf um eine angemessene Förderung brachte das Künstlerpaar manchmal an den Rand der Verzweiflung. Doch nun blicken Nicola Hümpel und Oliver Proske optimistisch in die Zukunft. Denn Nico and the Navigators sollen nun wieder einen Haushaltstitel bekommen. Den hatten sie schon einmal, er wurde ihnen aber wieder aberkannt unter dem Kultursenator Lederer. Was damals auch einige Kulturpolitiker auf die Palme gebracht hat.


Endlich zuverlässige Förderung, noch ein Grund zum Feiern


Auch andere Kompanien, die sich über viele Jahre bewährt haben, sollen ab 2024 eigene Haushaltstitel bekommen. Für Hümpel ist dies ein historischer Schritt. „Nach einer langen Karriere in der Welt der ,Freien' ist es von nun an möglich, auch als Kompanie ohne Haus eine feste Berliner Institution mit Planungssicherheit zu werden. Das ist besonders im Musiktheater wichtig, da wir lang im Voraus planen müssen.“ Grund zu feiern gibt es jedenfalls. In „sweet surrogates“ suchen Nico and the Navigators nun nach dem kollektiven Rausch. Die Kunst ist hier ein Ersatzstoff mit garantiert euphorisierender Wirkung.




Helge Birkelbach / concerti

„Mittlerweile hat das Ensemble, das 1998 von Oliver Proske und der Regisseurin NIcola Hümpel am Bauhaus Dessau gegründet wurde, auch die fünfte Wand durchbrochen: Der Bühnendeckel wurde gelüftet, der Weg weist hinauf in die Sphären der digitalen Welt… Die Experimentierfreude liegt in der DNA des flexibel agierenden Kollektivs.“

Helge Birkelbach / concerti

Das Theaterkollektiv Nico and the Navigators feiert sein 25-jähriges Bestehen mit vier Festtagen im Radialsystem.


Bertold Brecht durchbrach die vierte Wand. Mit seinem epischen Theater öffnete er den „Guckkasten“ und verunsicherte den Zuschauer in dessen vermeintlich sicherer Position als Rezeptionsschwamm, der mit dem Helden mitfühlte und den Antagonisten fürchtete. Nun sollte alles anders werden. Nicht mehr sollte der Lehrer den Schülern eine Geschichte erzählen, auf dass sie bessere Menschen werden, sondern das verschachtelte, oft fragmentierte Geschehen forderte kritische Auseinandersetzung und Handlungsbereitschaft. Auch Nico and the Navigators haben mit klassischem Musiktheater nichts am Hut. „Das navigatorische Prinzip war stets die Überlagerung der Bühnen- und der Menschenbilder“, sagt Oliver Proske, Bühnenbildner und technischer Leiter. „Daher verstehe ich meine Arbeit als Einladung und zugleich als Herausforderung für die Inszenierung.“


Nico and the Navigators – ein flexibel agierendes Kollektiv


Mittlerweile hat das Ensemble, das 1998 von Oliver Proske und der Regisseurin Nicola Hümpel am Bauhaus Dessau gegründet wurde, auch die fünfte Wand durchbrochen: Der Bühnendeckel wurde gelüftet, der Weg weist hinauf in die Sphären der digitalen Welt. „Die Ausweitung der Bühne in den digitalen Raum war ein konsequenter Fortschritt – die Erfüllung einer szenografischen Sehnsucht“, erklärt Proske begeistert. Die Experimentierfreude liegt in der DNA des flexibel agierenden Kollektivs. „Im Rückblick wirkt die Wahl des Namens wie ein gutes Omen: Die Navigators finden ihren eigenen Weg beim Gehen, statt in ausgetretenen Pfaden zu laufen“, so Nicola Hümpel. „Unsere Methode ist die angeleitete Improvisation, also ein gemeinsamer Prozess, bei dem wir im Dialog nach Haltungen und Situationen suchen. Dabei geht es darum, die charakteristische Körperlichkeit herauszufinden und zu überzeichnen.“


Zwang und Freiheit


Auch filmisch war das Ensemble in den 25 Jahren seines Wirkens präsent. Das Beethoven-Jubiläum 2020 nutzten Nico and the Navigators zusammen mit dem Kuss Quartett, die späten Werke Beethovens in eine zeitgenössische Formensprache zu übersetzen und unter dem Titel „Force & Freedom“ für den Kultursender Arte zu inszenieren. Der Titel fußt auf dem Motto „tantôt libre, tantôt recherchée“ („teils frei, teils streng“), das der „Großen Fuge“ op. 133 entlehnt ist. Wie nah die Worte Zwang und Freiheit damals an der Realität waren, zeigen die Umstände der Produktion. Eine zuvor geplante Bühnenproduktion konnte wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden, die Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen musste abgesagt werden.



Katrin Starke / Berliner Bühnen

Ist es möglich, das Bewusstsein ohne Risiken und Nebenwirkungen zu erweitern oder zu betäuben? Und welche Rolle spielt dabei das Theater? Fragen, die von der Musiktheaterkompanie Nico and the Navigators im Stück „sweet surrogates“ verhandelt werden.

Katrin Starke / Berliner Bühnen

Ist es möglich, das Bewusstsein ohne Risiken und Nebenwirkungen zu erweitern oder zu betäuben? Und welche Rolle spielt dabei das Theater? Fragen, die von der Musiktheaterkompanie Nico and the Navigators im Stück „sweet surrogates“ verhandelt werden. Dessen Premiere bildet den Auftakt zu den Festtagen im Radialsystem, mit denen die Kompanie ihr 25-jähriges Bestehen feiert.


Angelegt als Kammerfassung der Musiktheaterproduktion „Lost in Loops“, mit der die Navigators ihr Jubiläumsjahr eröffneten, sollte sich „sweet surrogates“ auf vergnügliche Art dem Thema Rausch widmen. „Es ging uns darum, in der Post-Corona-Phase das Theater als Raum wuederzuentdecken, der das Leben feiert“, sagt Nicola Hümpel, die Nico and the Navigators 1998 gemeinsam mit Oliver Proske am Bauhaus Dessau gründete. Doch aktuelles Weltgeschehen mit Ukraine-Krieg und Gaza-Konflikt könne nicht außen vor bleiben. Dennoch bleibe im Stück das Thema Rausch zentral - und damit die Frage, inwieweit Theater ein süßes Surrogat sein kann, „um sich mal weg zu berauschen von den täglichen Horrornachrichten und das Leben auch in diesen Zeiten zu genießen."


Mit der Augmented-Reality-Performance „Du musst Dein Leben rendern!“, die während der Festtage ebenfalls zu erleben ist, wollen die Navigators einen Weg weisen, wie Theater künftig aussehen könnte. In der Kombination von tanzenden Avataren und realen Tänzern ist eine Choreografie entstanden, in der die Grenzen zwischen Bild und Körper zu einer neuen EInheit verschwimmen. „Lebensgroße 3D-Figuren, die im Raum mit den Tänzern agieren, das ist technisch einzigartig und weltweit ziemlich einmalig“, sagt Nicola Hümpel.

Eine Jubiläumsproduktion zum 25-jährigen Bestehen der Kompanie, gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie aus Mitteln der Lotto-Stiftung Berlin. In Koproduktion mit dem Konzerthaus Berlin und in Kooperation mit dem Radialsystem.

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