Empathy for the Devil

200 Jahre Konzerthaus Berlin: Anlässlich des Konzerthaus-Jubiläums in 2021 entwickeln Nico and the Navigators ein Staged Concert, welches das ambivalente Verhältnis des vermeintlich Guten zum mutmaßlich Bösen in den Blick nimmt. 

NICO AND THE NAVIGATORS haben eine Inszenierung entwickelt, die das ambivalente Verhältnis des vermeintlich Guten zum mutmaßlich Bösen in den Blick nimmt. Mit „Empathy for the Devil“ soll (als pathetisch-ironischer Gruß an die „Sympathy“ der Rolling Stones) die Rolle jener im Teufel personifizierten Kraft thematisiert werden, die laut Goethe „stets das Böse will / und stets das Gute schafft“. 

In diesem Staged Concert wurde dafür eine schier unüberschaubare Fülle an diabolischem Material in Literatur und Musik gesichtet sowie in erhellende Kontraste gesetzt. Klassisches Material und Popsongs werden in eigenen Arrangements verarbeitet, die auf das Diabolische und die Attraktion des Bösen Bezug nehmen. 

Dass es dabei neben privaten Kontrakten mit dem Teufel und seinen Todsünden auch um politische Bündnisse und Endzeit-Prophezeiungen gehen wird, versteht sich angesichts der aktuellen Weltlage von selbst. 

Wie aber hält man das Teufelsintervall, also den Tritonus, aus? Und wohin führt das Mitleiden mit dem Bösen, das im biblischen Verständnis zum Dasein als gefallener Engel – also als Gegenentwurf des göttlich Guten – verdammt ist? Mit Goethes Worten: „Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, / So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.“ 

Wenn „Empathy“ also tatsächlich einfühlendes Mitleid mit dem Negativen meint, lässt sich eine solche Haltung kulturgeschichtlich gut begründen: Bereits der Sündenfall hat sich nur dank einer offenbar von Gott gewollten Versuchung durch die diabolische Schlange ereignet, ohne einen verräterischen Judas wäre auch das Versprechen der Erlösung von allen Sünden undenkbar … und unsere Gegenwart braucht und bedient in allen Debatten das Schwarz-Weiß-Schema des Guten und Bösen. Wer frei von Fehlern ist, werfe den ersten Stein …

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Termine

Pressestimmen

Tomasz Kurianowicz / Berliner Zeitung

„Ein umwerfender Reigen breitet sich während der 90 elektrisierenden Minuten aus… sehen Sie sich dieses Stück an, es macht teuflisch glücklich!“

Tomasz Kurianowicz / Berliner Zeitung

Müde, frustriert, unzufrieden? Die Musik-Show „Empathy for the Devil“ von Nico and the Navigators ist nicht nur teuflisch gut, sondern macht auch glücklich.


Falls Sie wegen Corona oder anderer Gründe aktuell den Blues spüren und einen lichten Moment in ihr Leben bringen wollen, dann schauen Sie sich dieses Stück an! „Empathy for the Devil“, zusammengestellt vom Künstlerkollektiv Nico and the Navigators, folgt zwar keiner Regel, keiner Norm und, ja, sprengt auch nebenbei alle bekannten Genregrenzen. Aber genau darin liegt der Zauber dieser Musiktheaterperformance. Ein Höhepunkt im Musikkalenderjahr.





Ronald Klein / Berliner Morgenpost

„Die Frage nach Ursprung und Wirkungsweise des Bösen ist der Kern von „Empathy for the Devil“. Das Konzept des Dämonischen hat etwas enorm Verführerisches…Die verschiedenen Aspekte spiegeln sich in Texten des Abends wider…Der musikalische Reigen schlägt eine Brücke vom Frühbarock in den zeitgenössischen Pop: Henry Purcell trifft auf David Bowie, Carl Maria von Weber auf die Rolling Stones.“

Ronald Klein / Berliner Morgenpost

Bevor der Teufel einen Strich durch die Rechnung machte, hatte die Auseinandersetzung mit einem Klassiker des deutschen Musiktheaters bereits begonnen. „Das Konzerthaus lud uns ein, zu dessen 200. Jubiläum eine freie Produktion zum Pakt mit dem Teufel zu entwickeln“, erinnert sich Nicola Hümpel, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Ensembles Nico and the Navigators. Das Haus war im Sommer 1821 mit der Uraufführung des „Freischütz“ von Carl Maria von Weber eröffnet worden. „Mit verschiedenen Werken zum Teufelsthema haben wir mit dem Dirigenten Jonathan Stockhammer einen Abend für großes Orchester konzipiert – eine fantastische Zusammenarbeit.“ Die Idee war es, dabei Fragmente von „Webers Freischütz“ in einer neu adaptierten Fassung zu integrieren.

Coronabedingt kam jedoch alles anders: Die Aufführung sollte weiterhin mit dem Konzerthausorchester stattfinden, aber nicht mehr vor Publikum. Der Abend wäre im Internet übertragen worden. „Wir mussten nun komplett filmisch inszenieren“, sagt Hümpel. Doch auch diese Vorarbeit war für die Katz. „Letztlich fiel auch das Orchester weg, wir konzipierten eine Kammerfassung, für die wir alles uminszenieren mussten. So erhielt das Schauspiel einen stärkeren Anteil.“


Vom „Freischütz“ blieb die Wolfsschlucht-Szene übrig. Der Protagonist gießt darin die sogenannten Freikugeln. Sechs Stück dieser magischen Munition treffen in jedem Fall ihr Ziel. Doch mit der siebten holt sich der Teufel ein menschliches Opfer. „Dies spiegelt unser derzeitiges Verhal- ten beispielsweise beim Klimawandel wider“, erläutert Hümpel. „Wir ignorieren unsere Verantwortung, aber irgendwann holt uns dies ein. Irgendwann trifft diese siebte Kugel.“ Die Frage nach Ursprung und Wirkungsweise des Bösen ist der Kern von „Empathy for the Devil“. Das Konzept des Dämonischen hat etwas enorm Verführerisches. „Denn es lenkt davon ab, dass wir Menschen in unserer Passivität oder im stillen Einverständnis stets Mitverantwortung tragen, die wir am liebsten einfach weg delegieren möchten.“ Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Mensch zwar gerne negative Folgen seines Handelns ausblendet, aber dabei nur selten wirklich Lust verspürt, anderen bewusst Schaden zuzufügen. Fleischkonsum ist ein Beispiel. So wird das Elend der Tiere so lange verdrängt, bis man bewusst wahrnimmt, welche Grausamkeiten in den Schlachthöfen passieren – was nicht selten zu einer Veränderung der Ernährungsgewohnheiten führt. „Man hat in den Schützengräben früherer Kriege zahlreiche Gewehre gefunden, die mehrfach geladen, aber nie abgefeuert wurden. Die Hemmschwelle, jemanden von Angesicht zu Angesicht zu töten, hebelt auch der Krieg nicht per se aus“, betont Hümpel. „Menschen verhalten sich kooperativ, das hat sich als evolutionärer Vorteil erwiesen.“ Natürlich gibt es eine Faszination für das Böse – doch deren Verklärung in der Literatur, im Film oder in der Musik habe wenig mit der Wirklichkeit zu tun. „Selbst bei Massen- oder Serienkillern gibt es eine Vorgeschichte. Dabei hat sich gezeigt, dass häufig empfundenes Leid und erlittene Traumata mit dem Ausüben von Gewalt kompensiert werden.“


Die verschiedenen Aspekte spiegeln sich in Texten des Abends wider, dazu zählen beispielsweise ein Shakespeare-Sonett, Auszüge aus Rutger Bregmans „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ sowie von Nicola Hümpel im Dialog mit Navigators für den Abend geschriebene Passagen. Der musikalische Reigen schlägt eine Brücke vom Frühbarock in den zeitgenössischen Pop: Henry Purcell trifft auf David Bowie, Carl Maria von Weber auf die Rolling Stones. In deren emblematischen Song „Sympathy For The Devil“ ist das Teuflische klar menschlich konnotiert – und hat stets politische Auswirkungen. So heißt es: „I shouted out / Who killed the Kennedys? / When after all / It was you and me.“


Die Menschen haben es somit in der Hand, nicht nur ihre Gesellschaft, sondern auch ihre Zukunft zu gestalten. Dazu gehört aber der Blick, der das Miteinander einschließt. „Demokratie beinhaltet Freiheit, aber ebenso Verantwortung. Der Glaube, stets immer nur machen zu können, was man will, führt auf den Irrweg. Wir waren in der Lage, Pandemien zu verursachen. Somit sind wir auch in der Verantwortung, unsere Gesellschaft wieder zukunftsfähig zu machen.“ Für Impfgegner und Menschen, die die einfachsten Hygieneregeln nicht einhalten können, hat Hümpel kein Verständnis. „Sie zerstören die Kultur, sie riskieren Leben und sind nicht solidarisch.“

Tom Mustroph / Der Tagesspiegel

„Inhaltlich will Hümpel das Böse neu fassen. ‚Es scheint mir überholt, darüber nachzudenken, ob der Mensch im Grunde eine Bestie ist. Das Diabolische liegt meist – siehe Klimawandel, siehe Corona – eher im kollektiven Weggucken und Opportunismus als im bösen Handeln eines Einzelnen‘, meint sie. Mit einer solchen Motivik ist „Empathy for the Devil“ sehr zeitgenössisches Musiktheater … Als Beleg für die Freude an der Probenarbeit darf man werten, dass der Dirigent Jonathan Stockhammer, den es in der Kammerversion ja nicht braucht, sich jetzt den E-Bass umschnallt, um weiter dabei sein zu können.“

Tom Mustroph / Der Tagesspiegel

Radialsystem. Nico & the Navigators zeigen eine Kammerversion von „Empathy for the Devil“


Um „Sympathy for the Devil“ warben einst die Rolling Stones. Mick Jagger porträtierte den Teufel als melancholische Gestalt, die bei allem bösen Tun viel Wert auf Stil legt. Der Jaggersche Teufel taucht verwandelt auch bei Nico and the Navigators auf. „Natürlich kommt ‚Sympathy for the Devil‘ vor, allerdings in der Version von Udo Lindenberg“, verrät die Regisseurin Nicola Hümpel. „Angenehm, erraten Sie, wer ich bin? Was Sie irritiert, ist mein Handeln ohne Sinn“, lautet der Refrain der Lindenberg-Version. Der Performer Martin Clausen, einer der Ur-Navigatoren, covert den Altrocker in einer Sprechgesang-Variante.


Ursprung des Teufelsstücks von Hümpel & Co. war allerdings der Teufelspakt des „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. „Zum 200. Geburtstag des Konzerthaus Berlin und zum 200. Geburtstag der Uraufführung des ‚Freischütz‘ in diesem Gebäude sollte ‚Empathy for the Devil‘ herauskommen. Dann machte uns aber Corona einen Strich durch die Rechnung. Wir konzipierten die große Fassung für Orchester mehrfach um. Jetzt haben wir eine Kammerversion für das Radialsystem“, erzählt Hümpel. Elemente des „Freischütz“ sind weiterhin enthalten. Natürlich geht es um die siebte Kugel, jene also, die ferngelenkt ist vom Bösen und stets das Ziel trifft, das der Teufel sich auserkoren hat und nicht das, das der Schütze anpeilt. Auch andere Opernauskopplungen gibt es, die „Dämon-Arie“ von Anton Rubinstein etwa, Kompositionen von Claudio Monteverdi und Benjamin Britten. Bis in die heutige Popmoderne, etwa mit Radiohead und Jeff Buckley, wird der musikalische Bogen geschlagen.


Inhaltlich will Hümpel das Böse neu fassen. „Es scheint mir überholt, darüber nachzudenken, ob der Mensch im Grunde eine Bestie ist. Das Diabolische liegt meist – siehe Klimawandel, siehe Corona – eher im kollektiven Weggucken und Opportunismus als im bösen Handeln eines Einzelnen“, meint sie. Mit einer solchen Motivik ist „Empathy for the Devil“ sehr zeitgenössisches Musiktheater. Drei herausragende Sänger:innen hat Hümpel gewinnen können: Die zum Ensemble der Mailänder Scala gehörende Mezzosopranistin Anna-Doris Capitelli, der viel in den USA und Großbritannien auftretende Tenor Ted Schmitz und der Bariton Nikolay Borchev, der an den großen Häusern in New York und Paris, Madrid, München und Berlin gesungen hat. Das Orchester wurde auf Kammerensemble-Größe mit sechs Musiker:innen gebracht. Als Beleg für die Freude an der Probenarbeit darf man werten, dass der Dirigent Jonathan Stockhammer, den es in der Kammerversion ja nicht braucht, sich jetzt den E-Bass umschnallt, um weiter dabei sein zu können.

Oliver Proske, seit fast 25 Jahren Bühnenbildner der Navogators-Inszenierungen und bekannt für überwältigende Bauten, hält sich bei dieser Produktion im analogen Bühnenbau zurück. Stattdessen hat er viel Zeit und Programmierarbeit ins Videosystem gesteckt. Das ist in dieser Form sehr ungewöhnlich für die darstellenden Künste. „Wir arbeiten mit mehreren sich selbst bewegenden Kameras, die sich auf Position fahren. Sie werden über eine Software gesteuert. Es funktioniert wie ein Lichtpult“, erklärt Proske.


Für die Performer:innen bedeutet dies, sich noch präziser zu verabredeten Positionen zu bewegen. Den künstlerischen Mehrwert sieht Hümpel darin, dass die Gesichter zu bewegten Landschaften werden. „Man hat so viele Detailmöglichkeiten. Die Spieler:innen spüren das auch am Feedback. Man kann mit einer Augenbrauenbewegung ein ganzes Publikum bespielen“, schwärmt Hümpel. Manchmal kann das Böse also im Zucken einer Augenbraue zum Ausdruck kommen – überprüfen kann man das ab 16. Dezember im Radialsystem.

Eine Produktion von Nico and the Navigators, gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. In Koproduktion mit dem Konzerthaus Berlin und in Kooperation dem radialsystem.

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