Empathy for the Devil

„Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will…“: Mit der Wiederaufnahme von „Empathy for the Devil“ hinterfragen Nico and the Navigators die übliche, rein negative Wahrnehmung und Darstellung des Teuflischen. Das Staged Concert untersucht nicht nur Ursachen und Ursprung des Bösen, sondern fragt nach der Notwendigkeit einer solchen Konstruktion, ohne die das Gute womöglich undenkbar wäre.

NICO AND THE NAVIGATORS haben eine Inszenierung entwickelt, die das ambivalente Verhältnis des vermeintlich Guten zum mutmaßlich Bösen in den Blick nimmt. Mit „Empathy for the Devil“ wird (als pathetisch-ironischer Gruß an die „Sympathy“ der Rolling Stones) die Rolle jener im Teufel personifizierten Kraft thematisiert, die laut Goethe „stets das Böse will / und stets das Gute schafft“. 

In diesem Staged Concert wurde dafür eine schier unüberschaubare Fülle an diabolischem Material in Literatur und Musik gesichtet sowie in erhellende Kontraste gesetzt. Klassisches Material und Popsongs, die auf das Diabolische und die Attraktion des Bösen Bezug nehmen, werden in eigenen Arrangements verarbeitet. Benjamin Britten trifft dabei auf Jeff Buckley, Peter Tschaikowski auf David Bowie und Georg Friedrich Händel auf die Beatles. Und natürlich erscheint neben Charles Gounods verführerischem „Goldenen Kalb“ auch der dämonische Samiel aus Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“, deren Uraufführungs-Jubiläum den äußeren Anlass für „Empathy for the Devil“ bot. Im Laufe der Recherche wurden viele Facetten des Bösen freigelegt und im fremden Antlitz wie im eigenen Spiegelbild entdeckt – nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit Rutger Bregmans optimistischem Credo „Im Grunde gut“.

Dass es dabei neben privaten Kontrakten mit dem Teufel und seinen Todsünden auch um politische Bündnisse und Endzeit-Prophezeiungen gehen wird, versteht sich angesichts der aktuellen Weltlage von selbst. 

Termine

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Pressestimmen

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung

„Beeindruckendes Gefühlskino im Radialsystem Berlin. In dem Haus, das ambitionierten Produktionen der Freien Szene Raum gibt, feierte am Donnerstagabend „Empathy for the Devil“ von Nico and the Navigators Premiere. Endlich. Eigentlich sollte ihr neues Werk im Konzerthaus am Gendarmenmarkt aufgeführt werden – mit großem Orchester. Aber daraus wurde, coronabedingt, nichts. Nun gibt es dafür eine Kammerversion, deren Kraft und Innigkeit einen über 90 Minuten in Spannung hält.“

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung

Nico and The Navigators beeindrucken in Berlin mit „Empathy for the Devil“


Berlin/MZ - Beeindruckendes Gefühlskino im Radialsystem Berlin. In dem Haus, das ambitionierten Produktionen der Freien Szene Raum gibt, feierte am Donnerstagabend „Empathy for the Devil“ von Nico and the Navigators Premiere. Endlich. Eigentlich sollte ihr neues Werk im Konzerthaus am Gedarmenmarkt aufgeführt werden - mit großem Orchester. Aber daraus wurde, coronabedingt, nichts. Nun gibt es dafür eine Kammerversion, deren Kraft und Innigkeit einen über 90 Minuten in Spannung hält.


1998 am Bauhaus Dessau von Nicola Hümpel und Oliver Proske gegründet und bis heute geführt, haben sich die Navigators längst große Anerkennung erspielt. „Staged Concert“ nennt sich das Format, was die sinnliche Opulenz und faszinierende Vielfalt des Gebotenen allerdings eher nüchtern beschreibt.


„Empathy for the Devil“ ist, wie schon frühere Produktionen der in Berlin beheimateten Truppe, eine atemberaubende Mischung aus Oper, Konzert, Schauspiel und Tanz. Kurz - ein einzigartiges Musiktheater, das Nicola (Nico) Hümpel, die künstlerische Leiterin, Oliver Proske, der für Bühne und Technik verantwortlich ist, der Dramaturg Andreas Hillger und das ganze, fantastische Ensemble kreiert haben.


Thematisch kreist der Abend um Gut und Böse, Leben und Tod. Was, wenn die Allgegenwart des Dunklen als Freifahrtschein für eigenes Handeln gedeutet wird? Fehlte dem Guten dagegen nicht die Besonderheit, wenn es das Böse gar nicht gäbe? Und, schließlich: Eignet dem Herrn der Finsternis nicht auch Charme? Tragen wir nicht selbst gern ein starres „Pokerface“?


„Sympathy for The Devil“ von Mick Jagger und Keith Richards, hier in der deutschen Version von Udo Lindenberg, erzählt von dieser Zwiespältigkeit menschlichen Seins und liefert den gedanklichen Hintergrund für die theatrale Ethikdebatte der Navigators.


Diese führen sie mithilfe eigener Texte und zitieren Shakespeare, dazu gibt es Musik von Händel bis Weber, Bartók bis Purcell. Es beginnt mit David Bowies eindringlichem „The Man who sold the World“, Ted Schmitz, ein Tenor, der alle Lagen kann, gibt seinen Part ebenso großartig wie Anna-Doris Capitelli den ihren. Wenn die Mezzosopranistin scheinbar federleichte Koloraturen liefert, versteht man gut, dass man sie an die Mailänder Scala geholt hat. Viel Applaus am Ende für alle, zumal auch für Florian Grauls Tanz, Nikolay Borchevs Stimme und Martin Clausens starkes Spiel.

Tomasz Kurianowicz / Berliner Zeitung

„Ein umwerfender Reigen breitet sich während der 90 elektrisierenden Minuten aus… sehen Sie sich dieses Stück an, es macht teuflisch glücklich!“

Tomasz Kurianowicz / Berliner Zeitung

Müde, frustriert, unzufrieden? Die Musik-Show „Empathy for the Devil“ von Nico and the Navigators ist nicht nur teuflisch gut, sondern macht auch glücklich.


Falls Sie wegen Corona oder anderer Gründe aktuell den Blues spüren und einen lichten Moment in ihr Leben bringen wollen, dann schauen Sie sich dieses Stück an! „Empathy for the Devil“, zusammengestellt vom Künstlerkollektiv Nico and the Navigators, folgt zwar keiner Regel, keiner Norm und, ja, sprengt auch nebenbei alle bekannten Genregrenzen. Aber genau darin liegt der Zauber dieser Musiktheaterperformance. Ein Höhepunkt im Musikkalenderjahr.


Aber worum geht es? Das Künstlerkollektiv Nico and the Navigators wollte im vergangenen Jahr eigentlich den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber mit dem Konzerthausorchester aufzuführen, in einer frischen, modernen und neu adaptierten Version. Doch das hat wegen der Pandemie nicht geklappt. Und so musste das Programm umgeschmissen und neu sortiert werden. Die Künstler haben sich zurückgezogen und sich passenderweise mit dem Motiv des Teufels beschäftigt, dem Bösen also, und in einem langen, nahezu dreimonatigen Prozess auf dieser diabolischen Anfangsidee herumgekaut. Als nächstes wurden die passenden Musikstücke herausgesucht und für die Band arrangiert. Jetzt kann man das Ergebnis bestaunen. 


Am Donnerstag wurde im Radialsystem Premiere gefeiert. Das Endresultat ist ein waghalsiger Parforce-Ritt durch die Geschichte, durch alle dunklen Gefühle und Bewusstseinszustände, die ein Mensch so haben kann. Das Stück ist ein Mix aus Klassik und Pop, Rock und Barock, als gäbe es keine künstlerischen und ästhetischen Schranken. Die Darsteller spielen von Szene zu Szene unterschiedliche teuflische Situationen durch, die zum Nachdenken anregen und die Frage stellen: Was ist es eigentlich das Böse? Steckt es in uns oder kriecht es in uns hinein? Wie schon Wagner wusste, findet man es sehr leicht im Musikalisch-Dionysischen. 


Auf der Bühne steht links die Band, bestehend aus Violine, Klavier, Gitarre, Schlagzeug und Trompete. Also ist auch hier alles halb poppig, halb opernhaft und vor allem überraschend gehalten. Manchmal mutieren die Musiker zu Darstellern und die Darsteller zu formvollendeten Opernsängern. Mal wird David Bowie gesungen („The Man Who Sold The World”), mal die „Arie des Dämons“ von Anton Rubinstein, mal ein Mephisto-Stück aus Charles Gonouds „Faust“ oder „Happiness Is a Warm Gun“ von den Beatles. Jedes Stück atmet Gefühl, Kraft, Verve. Ein umwerfender Reigen breitet sich innerhalb der 90 elektrisierenden Minuten aus, der nicht nur aus Gesang und Performance, sondern auch aus Tanz besteht. Besonders beeindruckend ist der performative Wahnsinn, den der Schauspieler Martin Clausen zur Schau stellt. Man bekommt es mit der Angst zu tun, auch dank der klug eingesetzten Kameras und Videoschnipsel – und fühlt sich doch befreit. Sehen Sie sich dieses Stück an. Es macht teuflisch glücklich!

Frauke Thiele / RBB / Kulturradio

„Kunstvoll zusammengefügt … diese künstlerische Kraft die raus will ist zu spüren … das Teuflische der Sänger und Performer springt uns förmlich an … Was bleibt ist ein Unruhegefühl. Doch trotz aller traurigen Kraft, die in dem Stück liegt, gibt es Hoffnung.“

Frauke Thiele / RBB / Kulturradio

Das Teuflische und der Pakt mit dem Bösen steht im Zentrum der neuesten Produktion der Berliner Musiktheater-Performer von Nico and the Navigators: "Empathy for the devil". Eine freie szenisch-musikalische Assoziation, die eigentlich zum Konzerthausjubiläum und anlässlich 200 Jahre "Freischütz" vor einem Jahr im Konzerthaus uraufgeführt werden sollte. Heute Abend hat "Empathy for the devil" jetzt in einer Kammerversion im Radialsystem Premiere. Ein so genanntes staged concert, das den Ursprüngen und Gründen des Bösen, ohne das das Gute nicht denkbar wäre, auf den Grund geht. Frauke Thiele hat bei den Proben zugeschaut:


Mitgefühl für den Teufel, Verständnis für das Böse - um nicht mehr und nicht weniger geht es in dieser musikalisch-performerischen Kollage, die Nicola Hümpel und ihr künstlerisches Team von Nico and the Navigators entworfen haben:


„Wo besteht im Moment das gesellschaftlich Böse (…) es ist nicht dieser Gedanke, dass die Bestie in uns wütet und dass jeder im Grunde schlecht ist, sondern, (…) dass eigentlich Üble liegt in der Gesellschaft, im Wegschauen, sozusagen im kollektiven Fehlverhalten."


Das Teuflische verstehen, heißt natürlich auch: begreifen, was uns böse werden lässt: Geld, Politik, Macht, Verführbarkeit - so schnell wird aus gut böse und umgekehrt. Und genauso wechseln Szenen, Charaktere, Musik, von David Bowie bis Purcel, von John Lennon bis Rubinstein – gespielt von erstaunlich wenigen Musikern: Geige, Trompete, E-gitarre, Percussion, Klavier - der Mix ist schnell, interessant und die Stilmischung kein Problem!


„...sind im Grunde kollektiv in die Recherche gegangen und haben uns Stücke ausgewählt, von denen wir den Eindruck hatten, dass wir damit was erzählen können. Das ist ja im Prinzip bei uns immer so (…) wir gucken uns sehr viel an und dann bleiben dann bestimmte Dinge in der Produktion und andere fliegen wieder raus."


Der Teufel taucht am Anfang in Gestalt des Pianisten auf, der in die Kamera am vorderen Bühnenrand spricht und lacht, dann übernimmt der Schauspieler die Rolle des Teuflischen, aber auch in der Sängerin, den beiden männlichen Sängern, dem Tänzer taucht das Böse immer wieder auf. Das Böse verstehen, heißt aber nicht automatisch auch Mitgefühl oder Sympathie für das Teuflische, wie bei den Rolling Stones - auch wenn der Song auf Deutsch rezitiert wird…


Gedanken tauchen auf, werden weiter getragen, aufgelöst in Bildern, der Musik, dem Gesang, dem Tanz, den gesprochenen und performten Texten. Manchmal sind gedankliche Bezüge klar, manchmal erspürt man sie eher in Momenten, die wie eine Wucht treffen.


„Man muss sagen, dass wir als Künstler natürlich alle zwei Jahre Leid hinter uns haben und – da will was raus. Wir spüren auch den Dämon in uns so langsam und eine Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft (lacht). Also wir sind alle so kurz vorm Platzen und müssen das jetzt auch zum Ausdruck bringen und dazu eignet sich dieser Abend wunderbar und wir hoffen, dass wir damit auch einen Seelenkern des Zuschauers mit berühren."


Diese künstlerische Kraft, die raus will - die ist in jedem Fall zu spüren, Das Teuflische in den Blicken der Sänger und Performer springt uns förmlich an. Durch drei Kameras auf der Bühne eingefangen und dann live und kunstvoll filmisch gemischt - auf der großen Videoleinwand im hinteren Bühnenraum.


Vom Freischütz sind übrigens nur zwei ganz elementare Szenen geblieben: der Pakt mit dem Teufel und die Szene mit der verfehlten Kugel, und die sehr abgewandelt. Aber das macht nichts.


Sonst ist alles ganz frei gedacht und improvisiert, kunstvoll zusammengefügt. Was bleibt: ein Unruhegefühl, auch eine Trauer darüber, dass es ist, wie es ist, in uns und in der Welt. - Eine Aussage die aber auch hängen bleibt: (der Mensch ist an sich gut, nur ist es eben nicht so einfach…)


„Dass wir durchaus kooperativere Wesen sind, als wir denken und das liegt im Ursprung des Menschen und wir haben verloren, daran zu glauben, weil wir uns zu sehr faszinieren an diesem Bösen und das etwas ist, was in der Geschichte immer wieder fortgeschrieben wird…"


Dieser Grundgedanke des Stückes „Empathy for the devil“ durchzieht Musik, Bilder, Spiel. Und er ist übrigens dem Buch von Rutger Bregman: Im Grunde gut entliehen. Immer wieder auch im Stück zitiert. Trotz allem, was gerade so schwer wiegt, trotz all der traurigen Kraft, die in dem Stück steckt, gibt es also durchaus Hoffnung…


Weitere Aufführungen am 17., 18. Und 19.12. für den 17. Und 18. Gibt es noch Karten

Ronald Klein / Berliner Morgenpost

„Die Frage nach Ursprung und Wirkungsweise des Bösen ist der Kern von Empathy for the Devil. Das Konzept des Dämonischen hat etwas enorm Verführerisches … Die verschiedenen Aspekte spiegeln sich in Texten des Abends wider … Der musikalische Reigen schlägt eine Brücke vom Frühbarock in den zeitgenössischen Pop: Henry Purcell trifft auf David Bowie, Carl Maria von Weber auf die Rolling Stones.“

Ronald Klein / Berliner Morgenpost

Bevor der Teufel einen Strich durch die Rechnung machte, hatte die Auseinandersetzung mit einem Klassiker des deutschen Musiktheaters bereits begonnen. „Das Konzerthaus lud uns ein, zu dessen 200. Jubiläum eine freie Produktion zum Pakt mit dem Teufel zu entwickeln“, erinnert sich Nicola Hümpel, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Ensembles Nico and the Navigators. Das Haus war im Sommer 1821 mit der Uraufführung des „Freischütz“ von Carl Maria von Weber eröffnet worden. „Mit verschiedenen Werken zum Teufelsthema haben wir mit dem Dirigenten Jonathan Stockhammer einen Abend für großes Orchester konzipiert – eine fantastische Zusammenarbeit.“ Die Idee war es, dabei Fragmente von „Webers Freischütz“ in einer neu adaptierten Fassung zu integrieren.

Coronabedingt kam jedoch alles anders: Die Aufführung sollte weiterhin mit dem Konzerthausorchester stattfinden, aber nicht mehr vor Publikum. Der Abend wäre im Internet übertragen worden. „Wir mussten nun komplett filmisch inszenieren“, sagt Hümpel. Doch auch diese Vorarbeit war für die Katz. „Letztlich fiel auch das Orchester weg, wir konzipierten eine Kammerfassung, für die wir alles uminszenieren mussten. So erhielt das Schauspiel einen stärkeren Anteil.“


Vom „Freischütz“ blieb die Wolfsschlucht-Szene übrig. Der Protagonist gießt darin die sogenannten Freikugeln. Sechs Stück dieser magischen Munition treffen in jedem Fall ihr Ziel. Doch mit der siebten holt sich der Teufel ein menschliches Opfer. „Dies spiegelt unser derzeitiges Verhal- ten beispielsweise beim Klimawandel wider“, erläutert Hümpel. „Wir ignorieren unsere Verantwortung, aber irgendwann holt uns dies ein. Irgendwann trifft diese siebte Kugel.“ Die Frage nach Ursprung und Wirkungsweise des Bösen ist der Kern von „Empathy for the Devil“. Das Konzept des Dämonischen hat etwas enorm Verführerisches. „Denn es lenkt davon ab, dass wir Menschen in unserer Passivität oder im stillen Einverständnis stets Mitverantwortung tragen, die wir am liebsten einfach weg delegieren möchten.“ Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Mensch zwar gerne negative Folgen seines Handelns ausblendet, aber dabei nur selten wirklich Lust verspürt, anderen bewusst Schaden zuzufügen. Fleischkonsum ist ein Beispiel. So wird das Elend der Tiere so lange verdrängt, bis man bewusst wahrnimmt, welche Grausamkeiten in den Schlachthöfen passieren – was nicht selten zu einer Veränderung der Ernährungsgewohnheiten führt. „Man hat in den Schützengräben früherer Kriege zahlreiche Gewehre gefunden, die mehrfach geladen, aber nie abgefeuert wurden. Die Hemmschwelle, jemanden von Angesicht zu Angesicht zu töten, hebelt auch der Krieg nicht per se aus“, betont Hümpel. „Menschen verhalten sich kooperativ, das hat sich als evolutionärer Vorteil erwiesen.“ Natürlich gibt es eine Faszination für das Böse – doch deren Verklärung in der Literatur, im Film oder in der Musik habe wenig mit der Wirklichkeit zu tun. „Selbst bei Massen- oder Serienkillern gibt es eine Vorgeschichte. Dabei hat sich gezeigt, dass häufig empfundenes Leid und erlittene Traumata mit dem Ausüben von Gewalt kompensiert werden.“


Die verschiedenen Aspekte spiegeln sich in Texten des Abends wider, dazu zählen beispielsweise ein Shakespeare-Sonett, Auszüge aus Rutger Bregmans „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ sowie von Nicola Hümpel im Dialog mit Navigators für den Abend geschriebene Passagen. Der musikalische Reigen schlägt eine Brücke vom Frühbarock in den zeitgenössischen Pop: Henry Purcell trifft auf David Bowie, Carl Maria von Weber auf die Rolling Stones. In deren emblematischen Song „Sympathy For The Devil“ ist das Teuflische klar menschlich konnotiert – und hat stets politische Auswirkungen. So heißt es: „I shouted out / Who killed the Kennedys? / When after all / It was you and me.“


Die Menschen haben es somit in der Hand, nicht nur ihre Gesellschaft, sondern auch ihre Zukunft zu gestalten. Dazu gehört aber der Blick, der das Miteinander einschließt. „Demokratie beinhaltet Freiheit, aber ebenso Verantwortung. Der Glaube, stets immer nur machen zu können, was man will, führt auf den Irrweg. Wir waren in der Lage, Pandemien zu verursachen. Somit sind wir auch in der Verantwortung, unsere Gesellschaft wieder zukunftsfähig zu machen.“ Für Impfgegner und Menschen, die die einfachsten Hygieneregeln nicht einhalten können, hat Hümpel kein Verständnis. „Sie zerstören die Kultur, sie riskieren Leben und sind nicht solidarisch.“

Tom Mustroph / Der Tagesspiegel

„Inhaltlich will Hümpel das Böse neu fassen. ‚Es scheint mir überholt, darüber nachzudenken, ob der Mensch im Grunde eine Bestie ist. Das Diabolische liegt meist – siehe Klimawandel, siehe Corona – eher im kollektiven Weggucken und Opportunismus als im bösen Handeln eines Einzelnen‘, meint sie. Mit einer solchen Motivik ist Empathy for the Devil sehr zeitgenössisches Musiktheater … Als Beleg für die Freude an der Probenarbeit darf man werten, dass der Dirigent Jonathan Stockhammer, den es in der Kammerversion ja nicht braucht, sich jetzt den E-Bass umschnallt, um weiter dabei sein zu können.“

Tom Mustroph / Der Tagesspiegel

Radialsystem. Nico & the Navigators zeigen eine Kammerversion von „Empathy for the Devil“


Um „Sympathy for the Devil“ warben einst die Rolling Stones. Mick Jagger porträtierte den Teufel als melancholische Gestalt, die bei allem bösen Tun viel Wert auf Stil legt. Der Jaggersche Teufel taucht verwandelt auch bei Nico and the Navigators auf. „Natürlich kommt ‚Sympathy for the Devil‘ vor, allerdings in der Version von Udo Lindenberg“, verrät die Regisseurin Nicola Hümpel. „Angenehm, erraten Sie, wer ich bin? Was Sie irritiert, ist mein Handeln ohne Sinn“, lautet der Refrain der Lindenberg-Version. Der Performer Martin Clausen, einer der Ur-Navigatoren, covert den Altrocker in einer Sprechgesang-Variante.


Ursprung des Teufelsstücks von Hümpel & Co. war allerdings der Teufelspakt des „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. „Zum 200. Geburtstag des Konzerthaus Berlin und zum 200. Geburtstag der Uraufführung des ‚Freischütz‘ in diesem Gebäude sollte ‚Empathy for the Devil‘ herauskommen. Dann machte uns aber Corona einen Strich durch die Rechnung. Wir konzipierten die große Fassung für Orchester mehrfach um. Jetzt haben wir eine Kammerversion für das Radialsystem“, erzählt Hümpel. Elemente des „Freischütz“ sind weiterhin enthalten. Natürlich geht es um die siebte Kugel, jene also, die ferngelenkt ist vom Bösen und stets das Ziel trifft, das der Teufel sich auserkoren hat und nicht das, das der Schütze anpeilt. Auch andere Opernauskopplungen gibt es, die „Dämon-Arie“ von Anton Rubinstein etwa, Kompositionen von Claudio Monteverdi und Benjamin Britten. Bis in die heutige Popmoderne, etwa mit Radiohead und Jeff Buckley, wird der musikalische Bogen geschlagen.


Inhaltlich will Hümpel das Böse neu fassen. „Es scheint mir überholt, darüber nachzudenken, ob der Mensch im Grunde eine Bestie ist. Das Diabolische liegt meist – siehe Klimawandel, siehe Corona – eher im kollektiven Weggucken und Opportunismus als im bösen Handeln eines Einzelnen“, meint sie. Mit einer solchen Motivik ist „Empathy for the Devil“ sehr zeitgenössisches Musiktheater. Drei herausragende Sänger:innen hat Hümpel gewinnen können: Die zum Ensemble der Mailänder Scala gehörende Mezzosopranistin Anna-Doris Capitelli, der viel in den USA und Großbritannien auftretende Tenor Ted Schmitz und der Bariton Nikolay Borchev, der an den großen Häusern in New York und Paris, Madrid, München und Berlin gesungen hat. Das Orchester wurde auf Kammerensemble-Größe mit sechs Musiker:innen gebracht. Als Beleg für die Freude an der Probenarbeit darf man werten, dass der Dirigent Jonathan Stockhammer, den es in der Kammerversion ja nicht braucht, sich jetzt den E-Bass umschnallt, um weiter dabei sein zu können.

Oliver Proske, seit fast 25 Jahren Bühnenbildner der Navogators-Inszenierungen und bekannt für überwältigende Bauten, hält sich bei dieser Produktion im analogen Bühnenbau zurück. Stattdessen hat er viel Zeit und Programmierarbeit ins Videosystem gesteckt. Das ist in dieser Form sehr ungewöhnlich für die darstellenden Künste. „Wir arbeiten mit mehreren sich selbst bewegenden Kameras, die sich auf Position fahren. Sie werden über eine Software gesteuert. Es funktioniert wie ein Lichtpult“, erklärt Proske.


Für die Performer:innen bedeutet dies, sich noch präziser zu verabredeten Positionen zu bewegen. Den künstlerischen Mehrwert sieht Hümpel darin, dass die Gesichter zu bewegten Landschaften werden. „Man hat so viele Detailmöglichkeiten. Die Spieler:innen spüren das auch am Feedback. Man kann mit einer Augenbrauenbewegung ein ganzes Publikum bespielen“, schwärmt Hümpel. Manchmal kann das Böse also im Zucken einer Augenbraue zum Ausdruck kommen – überprüfen kann man das ab 16. Dezember im Radialsystem.

Eine Produktion von Nico and the Navigators, gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. In Koproduktion mit dem Konzerthaus Berlin und in Kooperation dem Radialsystem.

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