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Petite Messe Solennelle

Radialsystem V: "Petite messe solennelle" - Mit Nico and the Navigators

Keinem Geringeren als dem "lieben Gott" selbst hatte Gioacchino Rossini eines seiner letzten Werke gewidmet, die Petit Messe Solenelle, die "Kleine Festliche Messe". Diese Messe hat sich die Berliner Tanz- und Theatercompagnie "Nico and the Navigators" zur Vorlage für ihr neues gleichnamiges Stück genommen. Eine geistliche Komposition ist also Grundlage für ein Stück, in dem es um "Glaubensbekenntnisse des 21. Jahrhunderts" gehen soll.

Regisseurin Nicola Hümpel und ihre Navigatoren bleiben sehr nah an Rossinis Originalkomposition und aus dieser grundsätzlichen Entscheidung erwächst ein grundlegendes Problem dieses Abends. Es erklingt die Urfassung der "armen kleinen Messe", wie Rossini sein Werk genannt hat, die Urfassung für zwei Klaviere und ein Harmonium, für Solisten und 12-stimmigen Chor. Das lateinisch-katholische Messritual erklingt in seiner ganzen Pracht und Schönheit: vom Kyrie, Herr erbarme dich unser, über das mehrfache Glaubens-Credo bis hin zum Agnus Dei, zum Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. Somit ist dramaturgisch das Stationen-Drama von Geburt, Kreuzigung und Wiederauferstehung vorgegeben, in all seiner festgefügten feierlich-festlichen Langsamkeit, ja Behäbigkeit.

Da mit dieser Inszenierung nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Glaubens in unserer Zeit gefragt werden soll, hat Nicola Hümpel den Gesang mit Pantomime, Schauspiel und Tanz unterlegt – auf diesen drei Ebenen wird die allerdings eher matte Glaubenskritik verhandelt. Zudem wird das gesungene Glaubensbekenntnis mit der Skepsis eines großen Zweiflers konterkariert, eines jungen Mannes, der ausgerechnet Benedikt heißt. Dieser Benedikt betritt zu Beginn die Bühne durch einen großen futuristisch geschwungenen Wolken-Bogen, der silbrig-weiß schimmert und luftig und massiv zugleich wirkt – ob dies das Paradies sein mag, bleibt offen. Sofort gerät dieser skeptische Benedikt in Streit mit einem Mann in Kapuzenmantel, der Gott selbst oder ein Engel oder ein Priester sein könnte. Die Streitgespräche der beiden, Glauben contra Wissen und Aufklärung, durchziehen die gesamte Inszenierung. Sie enden fast immer in einem Witz und keine der beiden Positionen wird diesen Streit gewinnen. Einen Streit, der sich auch im Chor fortsetzt, der von Rossini nicht ohne Absicht mit 12 Sängern und Sängerinnen besetzt wurde.

Wie die 12 Apostel gebärden sie sich hier allerdings wahrlich nicht. Da wird das Credo "Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater" mit schiefen Gesichtern gesungen, Jubel, Verzückung und Glaubensekstase werden gestisch völlig übertrieben und damit unglaubwürdig dargestellt. Ein Sänger bricht immer wieder in hysterisch-ungläubiges Lachen aus, ein Rosenkranz wird zur Fessel und Schlinge um den Hals und symbolstarke weiße Rosen werden gnadenlos mit der Schere geköpft. Derartige parodistische, ironische und spöttische Distanzierungen finden sich auch in den kurzen Gesprächs- und Tanzmomenten zwischen den einzelnen Teilen der Messe und zwar ganz grundsätzlich mit seit Jahrhunderten bekannten atheistischen und agnostischen Argumenten und auch mit dem spöttischen Beklagen unseres Zeitgeistes, der hilflosen Suche nach dem Glauben in unserer Zeit. Auch diese Glaubens-Suche mithilfe fernöstlicher Religionen, Wellness-Kult, Bioresonanztherapie und Naturschwelgerei wird hier auf die Schippe genommen. Da erzählt ein Sänger ganz berauscht von seinem mystischen Erlebnis auf der Kuhweide – ausgerechnet in der Träne einer Kuh hatte er eine Erscheinung.

Das Ineinander von Gesang, Theater und Tanz, ein Markenzeichen von Nico and the Navigators, für das die Truppe in diesem Jahr mit dem George-Tabori-Preis ausgezeichnet wurde, es funktioniert hier nur mäßig gut. Die Solisten und Chorsänger haben zwar auch ihre darstellerischen Momente und derjenige auf der Bühne, der sich am meisten bewegt, der mit seinem Körper die Musik zum Tanzen bringt, ist zwar der Dirigent, der fast schon irrlichternde Nicholas Jenkins – aber die Dramaturgie ist durch die Messe fest zementiert, Schauspiel, Gesang und Musik wechseln sich fast statisch ab.

Ganz im Gegensatz zu anderen choreographischen Musik-Inszenierungen von Nico and the Navigators knirschen hier die Scharniere zwischen den Genres, das hat man bei ihren Stücken zu Schubert, Händel und Bach schon besser gesehen. Die einzige Tänzerin, Yui Kawaguchi ergeht sich als Inkarnation des Teufels überwiegend nur in koboldartiger Körper-Gymnastik, gern auch mal als scheinschwangere Marien-Erscheinung – der Tanz kommt eindeutig zu kurz. Und die Texte, die in langen gruppendynamischen Prozessen aus Improvisationen entstanden sind, bleiben zumeist auf einer recht simplen, albernen Ebene – wirkliche Religionskritik oder aber wirkliche Kritik am Relativismus des Glaubens und unserer Werte, wie sie Papst Benedikt der 16. vertritt, findet nicht statt.

Musikalisch ist dieser Abend außerordentlich gelungen, Solisten und Chor sind großartig und Rossinis "arme kleine Messe" wird in all ihrer Vielschichtigkeit zum Leben erweckt. Glaube und Skepsis, Sehnsucht und Ironie, Melancholie, Trauer, Schwermut und glitzernde Leichtigkeit finden sich ja schon bei Rossini selbst – er selbst hat sich in diesem Werk als ein Zerrissener gezeigt. Inhaltlich und szenisch bleibt diese Inszenierung jedoch unbefriedigend. Dieses Bildertheater bleibt auf der Ebene der kleinen Spöttelei, es fehlt an Wagemut und Risikobereitschaft, der Abend bleibt lammfromm im Ungefähren. Es reicht nicht, das Heilige und das Profane neben einander zu stellen. Aber immerhin: das Publikum hat mit begeistertem Applaus reagiert.

 

 

Frank Schmid, 17.11.2011

 

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