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Berliner Morgenpost

HELden & kleinMUT

Nico and the Navigators gibt es immer noch

Als Nico and the Navigators vor einem Jahr andeuteten, künftig neue Wege einschlagen zu wollen, brach kollektives Wehklagen aus. Ausgerechnet die Popstars der deutschen Off-Szene, die dem Theater eine neue Sprache bescherten, drohten Berlin, Deutschland, ja der ganzen Welt nach nur fünf Jahren wieder verlustig zu gehen. Das Schicksal erweist sich als gnädig. Die Truppe ist zurück, wenngleich mit vielen neuen Gesichtern. Und just jenes Gefühl, die Angst nämlich, die ihre Fans befallen hat, ist nun Gegenstand ihrer siebten Produktion "Helden & Kleinmut". Schauplatz der Uraufführung sind wieder die Sophiensäle. Von hier aus navigieren sich Nico, also die Regisseurin Nicola Hümpel, und ihre Performer durch die große, weite Welt.

Die langen Tourneen zeigen Wechselwirkung: Mit der neuen, internationalen Besetzung kommen zusätzliche Sprachen und Bewegungsmuster zum Einsatz, zwei Musiker steuern eigens produzierte Liveklänge bei. So ergeben sich weitere Verfremdungseffekte beim Spiel mit Bildern und Bedeutungen, mit Szenen und Stimmungen, das die Navigators nach wie vor virtuos betreiben. Eigentlich ist es wie in der Therapie: Man wirft einen Begriff in die Runde und jeder erzählt, was er damit assoziiert. "Lucky Days, Fremder!" 1999, der Durchbruch der Kulttruppe, handelte vom Abschied, "Kain, Wenn & Aber" im vergangenen Jahr von Entscheidungen. Nun dreht sich alles um Ängste, Irrwege und Alibis.

Und wieder einmal konfrontiert das Ensemble den Zuschauer mit dessen Kindheitserfahrungen. Die Platitüden, die Lajos Talamonti über die Risiken des Lebens verbreitet, haben wir alle, wenn nicht von Eltern, so spätestens von Versicherungsvertretern gehört. Eine "Strategie für ein Leben ohne Tod und Sterben", wie sie uns, dem "Wachturm" gleich, Christoph Glaubacker entgegenhält, gibt es eben nicht. Wie man mit dieser Erkenntnis, mal erfolgreich, mal desaströs umgeht, das führen uns die Navigators vor, mit Mitteln, die von leiser Poesie über Slapstick bis zu Gewalt reichen.

Die Japanerin Miyoko treibt bei ihrer Harakiri-Parodie buchstäblich mit dem Entsetzen Schabernack. Die Französin Anne Paulicevich gibt die Femme fatale, Zärtlichkeit, der sie in Chansons Ausdruck verliehen will, schlägt schnell in Hass um. Der Technokrat Niels Bovri hingegen glaubt, seelische Abgründe mit nüchterner Unverbindlichkeit meistern zu können.

Dies alles spielt sich im kühlen, multifunktionalen Design des Bühnenbildners Oliver Proske im schnellen Wechsel, meist aber gleichzeitig ab. Und wird trotzdem, das ist nach wie vor das Wunder bei dieser Truppe, ein künstlerisch stimmiges Ganzes, das verwirrt, aber nicht langweilt, das Rätsel aufgibt, aber nicht überfordert. Und das verdienten Jubel erntet.

Uwe Sauerwein, 11.10.2004

 

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