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Berliner Morgenpost

FAITH TO FACE

Originell und voller Witz

Mit dem Puccini-Einakter „Suor Angelica“ präsentiert Kirill Petrenko sein erstes Education- Projekt in der Philharmonie

Man erwartet eine Opernaufführung, halbszenisch, in der Philharmonie. Man freut sich auf eine schöne Ouvertüre, gespielt von einem Orchester, doch es kommt anders: Mehrere Darstellerinnen bewegen sich in Pina-Bausch-Tanztheater-Manier auf der Bühne und geben merkwürdige Laute von sich und wuscheln durch ihre Haare, dazu spielt ein junger Pianist Puccini-Melodien, die jedoch immer wieder ins Jazzige abdriften. Ein Blick ins Programmheft klärt die Sache auf: Vor der eigentlichen Oper „Suor Angelica“ von Giacomo Puccini erklingt ein „Prolog“ für Klavier solo des israelischen Komponisten Matan Porat, der selbst am Flügel sitzt. Nun kommt Kirill Petrenko auf die Bühne, und nahtlos geht das Klaviervor- spiel über in die Ouvertüre zu Puccinis Einakter. Ein origineller Start für ein selten aufgeführtes Musiktheaterwerk. „Suor Angelica“ bildet innerhalb des „Tritticco“ (zu Deutsch: Tryptichon) das lyrische Mittelstück, das vom tragischen Einakter „Il tabarro“ und der heiteren Oper „Gianni Schicchi“ umrahmt wird. Das etwas rührselige Libretto stammt von Giovacchino Forzano. „Suor Angelica“ spielt in einem bei Siena gelegenen Frauenkloster gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Der Zuschauer wird mit dem Alltag der Novizinnen konfrontiert. Vieles dreht sich um die Vergehen der Nonnen, die von der Lehrmeisterin streng geahndet werden.
Zunächst wird Schwester Angelica als eine von Vielen gezeigt, im Laufe des Stück avanciert sie jedoch immer mehr zur Protagonistin. Sie stammt aus adliger Familie, die zur Strafe ins Kloster geschickt wurde. Als ihre unbarmherzige Tante sie dort besucht, um von Angelica eine Verzichtserklärung hinsichtlich des elterlichen Erbes zu bekommen, erfährt Angelica von dieser, dass ihr unehelicher Sohn, den sie vor ihrer Novizinnen-Zeit zur Welt brachte, verstorben ist. Nachdem die Tante wieder abgereist ist, verfällt Angelica in schwere Trauer. Sie möchte nur noch sterben, um wieder bei ihrem Kind zu sein und kocht einen giftigen Trank, um sich zu töten. Als sie das Gift eingenommen hat, wird ihr die sündige Tat bewusst und sie bittet die Mutter Gottes um Gnade. Unterdessen beginnt die Kirche zu leuchten, sie öffnet sich und gibt den Blick auf eine Schar Engel frei. Die Jungfrau Maria tritt mit einem blonden Knaben aus der Kirche, der langsam auf Angelica zugeht, begleitet vom Chor der Engel. Angelica stirbt.
Für die vokalen Parts, die ausschließlich durch Frauenstimmen abgedeckt werden, wurden herausragende Gesangsstudentinnen verschiedenster Nationen aus Berliner Musikhochschulen verpflichtet, während sich das Orchester aus Stipendiaten der Karajan-Akademie zusammensetzte. Stimmliche Unterstützung gab es vom Projektchor des Vokalhelden-Chroprogramms. Das künstlerische Resultat war schlichtweg überwältigend. Insbesondere die amerikanische Sopranistin Ann Toomey begeisterte in der Rolle als Angelica mit der farblichen Bandbreite ihrer Stimme, ebenso die schwedische Starsängerin Katarina Dalayman, die als Gaststar für die Rolle von Angelicas Tante gewonnen werden konnte; sie gestaltete mit hoher emotionaler Intensität und überragender Technik. Auch die Französin Sarah Laulan überzeugte mit ihrem samtig-fülligen Alt.
Die Novizinnen wirken wie Aussteigerinnen der Jetztzeit
Originell und voller Witz präsentierte sich die Regie von Nicola Hümpel, die zusammen mit dem Bühnenbildner Oliver Proske für eine zeitgemäße Inszenierung des historischen Stoffes sorgte. So wirkten die Novizinnen in ihrer schlichten Kleidung, die von Nicola Hümpel fern aller Nonnenklischees ausgesucht wurde, ein wenig wie Aussteigerinnen der Jetztzeit, die in einem spirituellen Camp fernab der Alltagsprobleme zu sich selbst finden möchten und sich doch auch dort oft genug gegenseitig bekämpfen. Eine Besonderheit bei den Darstellerinnen dieser Aufführung ist, das jede der 13 Frauen aus einem anderen Land stammt und insgesamt auch alle fünf Kontinente abgedeckt werden. Die pädagogische Idee, die dahintersteckt ist, dass Menschen aus verschiedensten Nationen und Kulturkreisen zusammenkommen, ihre Erfahrungen austauschen und miteinander musizieren sollen. Durch den Einsatz von Videoleinwänden wurden die Gesichter der Darstellerinnen regelmäßig in Großaufnahme gezeigt, was einen besonderen Anspruch an das mimische Spiel stellte.
Bleibt zu erwähnen, dass Petrenko und die jungen Orchestermusiker ebenfalls einen tollen Job machten. In der Zusammenarbeit mit dem russischen Weltklassedirigenten liefen sie musikalisch zu Höchstform auf. Wunderbar schwebend, voller tänzerischer Leichtigkeit und mit viel Herzenswärme brachten sie Puccinis Partitur zum Klingen. Auch für die jungen Laiensänger im Chor dürfte die Zusammenarbeit mit einem solch empathischen Vollblutmusiker wie Petrenko ein besonderer Moment in ihrem Leben gewesen sein. So wie Petrenko auf der Bühne nach allen Seiten kommunizierte, zeigte, dass er ein höchst erfahrener Operndirigent ist, der es bestens versteht, die verschiedensten Akteure einer Aufführung miteinander zu koordinieren. Dafür gab’s in der ausverkauften Philharmonie reichlich Applaus.

Mario-Felix Vogt, 03.02.2020

 

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