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MatchAtria - e x t e n d e d

Bis in die Kapillaren

Yui Kawaguchi mit „MatchAtria Extended“ in den Sophiensaelen

 

Wer hätte gedacht, dass 300 Gramm Silikon in der Hand so viele Emotionen aufwirbeln können? Am Anfang von „MatchAtria“ wird jedem Zuschauer eine sogenannte „Heartbeat Unit“, ein weiß schimmerndes Kunstherz, überreicht. Was kalt und technisch klingt, eröffnet alsbald eine ungeahnte Nähe zur Tänzerin: Es ist ihr Herzschlag, der in unserer Hand pocht! Der Titel „MatchAtria“ verschmilzt Matcha, den Tee, der in einer japanischen Teezeremonie serviert wird, und Atria, die anatomische Bezeichnung für Herzvorhof. Multimedial ist die Performance angelegt und von der ersten Minute an stürmt sie die Sinne. Der Kopfhörer legt einen Surround-Sound um die Ohren und dank der 3D-Brille auf der Nase wölben sich die Videoprojektionen plastisch in den Raum hinein. Da zerstäuben Figuren zu tausend Partikeln, dann wieder taucht der Tänzerinnenkörper in einen Schwarm aus wabernden Zellen ein, ein andermal fliegt die Kamera elegant durch Wälder und übers Meer. Makro trifft Mikro, Innen ergänzt Außen. Schließlich führt die visuelle Reise direkt ins Herz, bis in die letzten Kapillaren hinein. Über diesen Teppich an Eindrücken legt sich dann auch noch die Sprache. Den Nicht-Muttersprachlern – wohl den meisten im Raum - bleibt die Bedeutungsebene des japanischen Textes zwar versperrt, aber dafür bietet sich überraschenderweise eine haptische Alternative. Nicht nur der Herzschlag der Tänzerin wird für das Publikum über das pulsierende Kunstherz fühlbar gemacht, auch die geflüsterten Worte erzeugen Vibrationen. Dafür hat das Team die Technik der „Tactile Scores“ genutzt, ein Notationssystem, das eigentlich aus dem Bereich der Gesichtsmassage kommt. Yui Kawaguchi tanzt sich 40 Minuten lang hoch konzentriert durch diese vielschichtige Partitur. Obwohl sie sich wenig Bewegungsradius nimmt, entfaltet sie mit ihrer geschmeidigen Arm- und Beinarbeit eine Präsenz, die schon fast etwas Meditatives hat. Interpretationsmöglichkeiten bietet das Stück zuhauf. Versteht es sich als Ode an das Leben? Öffnet es den Blick für japanische Traditionen, indem es das Weihevolle der Teezeremonie in einen neuen künstlerischen Kontext übersetzt? Von allem etwas, möchte man meinen. Es gibt den Ausdruck „Ichigo Ichie“ im Japanischen. Er entspringt dem Zen-Buddhismus und bedeutet soviel wie „einzigartige Gelegenheit“, die in jeder Teezeremonie zelebriert sein will. Am Ende von „MatchAtria“ stellt sich genau dieser Eindruck ein: japanischer Gastfreundschaft in Form einer besonderen Performance beigewohnt zu haben.

Annett Jaensch, 25.02.15

 

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