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Berliner Morgenpost

Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten

Emotionale Momentaufnahmen

Als 1992 Claus Peymann Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" uraufführte, war der Anspruch, ein zeitloses Stück auf die Bühne zu bringen. Kurze, fast blitzartige Szenen sollten illustrieren, was das Leben ausmacht. Dieser enorm ambitionierte Anspruch wohnte jedoch weder dem Text noch Peymanns Inszenierung inne, sodass Regisseure wie Jürgen Gosch oder Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo stets Veränderungen vornahmen.

Darauf wollte sich die Berliner Musiktheater-Formation Nico & Navigators gar nicht erst einlassen, wie Regisseurin und Ensemble-Leiterin Nicola Hümpel betont: "Von Peter Handke kommt nur die Grundidee, Menschen einen Platz passieren zu lassen. Für ,Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten' haben wir eigene Recherchen gemacht, skurrile Mikromomente und Blitzbegegnungen beobachtet, weiterentwickelt und vergrößert. Da treffen charakteristische bis abstrakte Typen unserer Zeit aufeinander - mit und ohne Sprache, singend oder stumm."

Psychologen betonen, welch enormes Potential in dem Moment der unvoreingenommenen Begegnung liegt, denn bereits nach wenigen Sekunden entscheiden die Menschen, ob ihr Gegenüber ihnen sympathisch erscheint. Während der Recherche auf dem Berliner Alexanderplatz stellte jedoch Hümpel verblüfft fest, dass es zu diesen kurzen Begegnungen kaum noch kommt: "Die wenigsten begegnen einander, weil sie sich nicht beachten, sondern meist mit ihren digitalen Geräten kommunizieren." Die Folgen der Digitalisierung wirken sich auf Wahrnehmung und Verhalten aus: "Ich bilde mir ein, eine gute Intuition zu besitzen", betont Hümpel. "Dennoch musste ich meinen ersten Eindruck schon oft revidieren. Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Menschen sehr gut gelernt haben, sich zu verstellen. Die Medien haben die Menschen gelehrt, permanent an ihrer Performance zu arbeiten."

Digitale Medien sind jedoch nur eine der unterschiedlichen Motive und Accessoires, die bei den Bühnen-Begegnungen in den Fokus rücken. "Auch die Vielfalt der dargestellten Typen spiegelt sich in den Facetten der Musik", erläutert die Regisseurin. "Die Kompositionen reichen von Franz Schubert über Benjamin Britten bis hin zu Bonnie 'Prince' Billy." Skurrile Alltagsbeobachtungen kennzeichnen dieses kurzweilige und trotzdem tiefgründige Musiktheaterstück, das wie eine Lupe funktioniert. Wer am Flughafen jemand weinen sieht, muss nicht wissen, ob derjenige gerade seine Freundin verabschiedet hat oder kurz zuvor einen bedrückenden Telefonanruf erhalten. Manchmal reicht eine Geste, die Mitgefühl ausdrückt, damit sich der Weinende im Schmerz nicht allein fühlt. "Empathie funktioniert auch ohne kontextuelles Vorwissen", ist sich Hümpel sicher.

Ronald Klein, 21.07.2016

 

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